25.05.2013 10:53 Merkliste 0

Der Kult um Dr. Karl Lueger – aber was war seine Leistung?

GERALD KRIEGHOFER (Die Presse)

Gastkommentar. Der gefeierte Wiener Bürgermeister war ein peinlicher Lokalpolitiker, der Barbarismen seiner Zeit gefördert und nicht bekämpft hat.

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Dr. Karl Luegers Selbstreklame, sein von ihm initiierter Kult um seine Person hat seinen Zauber verloren, aber marginal wirkt er immer noch weiter. Wie sonst ist es zu erklären, dass ein Wiener FPÖ-Politiker glauben kann, ohne die „Lichtgestalt“ Lueger wäre die „gute Wasser- und Energieversorgung oder das Straßenbahnnetz Wiens undenkbar“?

Die gute Wasserversorgung undenkbar? Dieser Glaube grenzt ans Absurde. Bekanntlich waren die großen Cholera- und Typhusepidemien schon mit dem gesunden Wasser aus der ersten Hochquellwasserleitung ausgerottet.

Diese erste Wiener Hochquellwasserleitung wurde aber im Jahre 1873, 24 Jahre vor der Amtsübernahme Luegers fertiggestellt und ist dem damaligen Bürgermeister Cajetan Felder und vielleicht noch mehr seinem wissenschaftlichen Ratgeber, dem langjährigen Präsidenten der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, Eduard Suess, zu verdanken.

Beide wurden für ihren damals revolutionären Vorschlag, das gesunde Wasser mit einer 100 Kilometer langen Wasserleitung von der Rax nach Wien zu leiten, anfänglich für verrückt gehalten. Die Worte „Suess, Sie sind ein Narr!“ musste sich der Geologe Eduard Suess von dem inzwischen völlig zurecht vergessenen Amtsvorgänger Cajetan Felders anhören, als er die Wasserleitung von der Rax erstmals vorschlug.

 

Minimale Widerstände

Die Widerstände, die Bürgermeister Lueger für die Durchsetzung der zweiten Hochquellwasserleitung überwinden musste, waren im Vergleich zu den Debatten in den 1860er-Jahren minimal. Trotzdem muss man öfters lesen, die Wiener verdankten Lueger das „gute Wasser“.

Und warum sollte die Elektrizitätsversorgung und das Straßenbahnnetz ohne Lueger undenkbar sein? Alle Großstädte haben um die Jahrhundertwende die damals neuen technischen Möglichkeiten, die Elektrifizierung der Straßenbahnen, die Modernisierung der Straßenbeleuchtung umgesetzt. Auch die Berliner waren stolz auf ihre moderne Straßenbeleuchtung mit Brennern, die Auer von Welsbach erfunden hat, und Budapest zum Beispiel hatte schon seit 1896 eine elektrische Untergrundbahn und war damit nach London die erste Stadt auf dem europäischen Kontinent mit einer U-Bahn. Aber den Bürgermeistern jener europäischen Großstädte, die Ähnliches wie Lueger bewirkt haben, wurden keine Kirchen und Brücken geweiht und ihre Denkmäler dominieren nicht das Stadtbild.

 

Was blieb, sind Zynismen

Mich freut die Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Universitätsring. Ich finde es schon lange falsch, dass aus dieser unvergleichlichen Generation der Jahrhundertwende, deren Gedanken und Werke die ganze Welt befruchtet haben, ausgerechnet der damalige Bürgermeister im öffentlichen Raum Wiens am meisten geehrt wird.

Was war denn überhaupt seine Leistung, die ihn so hoch über alle anderen seiner Generation emporhebt? Warum sollen wir heute noch einem Wiener Politiker im Stadtbild von Wien größere Dankbarkeit bezeugen als allen anderen verdienten Künstlern, Wissenschaftlern und Politikern, denen vereinzelt nur kleine Sackgassen gewidmet sind?

Niemand bestreitet, dass Lueger durchsetzungsfähig und volkstümlich war. Er hat manchesterliberale Initiativen erfolgreich bekämpft, die Straßenbahnen und Energieversorgung kommunalisiert, städtebaulich Großartiges geleistet – und die Anzahl der Gemeindebediensteten mehr als verzehnfacht.

Aber Lueger hat keinen einzigen Gedanken hinterlassen, an den ein heutiger Politiker sinnvoll anknüpfen könnte. Alles, was von ihm geblieben ist, sind ein paar Zynismen gegen Juden und andere Minderheiten.

Es stimmt auch nicht, dass Lueger „niemals [...] seiner judenfeindlichen Rede Taten folgen“ ließ, wie kürzlich der Historiker Wolfgang Maderthaner („Die Presse“ vom 3. Mai.) schrieb. Lueger hat zum Beispiel während seiner Amtszeit aus antisemitischen Gründen verhindert, dass jüdische Gemeindebedienstete befördert und Juden bei der Gemeinde Wien angestellt wurden.

Das überschwängliche Lob in „Mein Kampf“ hat Luegers Nachruhm in der zivilisierten Welt den Rest gegeben. Im Vergleich zu Gustav Mahler, Sigmund Freud, Ludwig Boltzmann und den anderen wirklichen Lichtgestalten ihrer Generation war Lueger ein peinlicher Lokalpolitiker, der die Barbarismen seiner Zeit gefördert und nicht bekämpft hat.

 

Das gemütliche Wiener Volk

Vielleicht hat Lueger wirklich geglaubt, dass antisemitische Agitation im goldenen Wiener Herz keinen größeren Schaden anrichten könne, wie er 1902 einem besorgten jüdischen Abgeordneten gegenüber erklärte. Dr. Lueger zu Dr. Benno Straucher: „Gengen S', das Wiener Volk ist ein derart gemütliches, dass es sich zu wirklichen Ausschreitungen gegen Juden nicht hergeben wird.“ Lueger hat sich getäuscht.

Es gab in den letzten Jahren viele Vorschläge zur Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings: Von Anna-Freud-Ring, Sigmund-Freud-Ring, Bertha-von-Suttner-Ring und Ludwig-Wittgenstein-Ring war die Rede. Wenn der Wiener Stadtrat jetzt eine Diskussion über würdigere Personen als Namensgeber vermeiden will und eine schlicht-sachliche Straßenbezeichnung vorzieht, soll mir das recht sein. Ich bin froh, dass wenigstens dort Lueger nicht mehr geehrt wird.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Gerald Krieghofer (* 12. 6. 1953 in Lienz) studierte Philosophie und Politikwissenschaft in Wien. Mitarbeit beim Serapionstheater und bei philosophischen und literaturwissenschaftlichen Projekten. Freier Mitarbeiter der Kommission Fackellex der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. [Privat]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2012)

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21 Kommentare
Gast: Bademeisterin
15.05.2012 14:29
2 2

Es ist ja wirklich jammerschade, daß der Dr. Lueger

kein Genosse gewesen ist.
Selbstverständlich wäre ein ewiger Ehrenplatz im roten Himmel, für IHN den Unvergleichlichen, den Unsterblichen, gesichert gewesen. Vieles mehr als jetzt wäre nach ihm benannt und seine Epigonen würden sich noch immer in seinem Ruhm sonnen.
Aber so, kein Genosse - kein Ruhm und keine Ehr' - sie spucken auf ihn......

Re: Es ist ja wirklich jammerschade, daß der Dr. Lueger

Haben Sie den Artikel gelesen? Die Argumentation? Wenn es nur um rechts-links ginge, wäre es doch einfach, die Argumente des Artikels zu entkräften, oder?
Nur zu!
Bis dahin, ist Ihr Kommentar kaum hilfreich oder entscheidend.

Antworten Antworten Gast: Es ist alles sehr kompliziert
18.05.2012 11:27
0 1

Re: Re: Es ist ja wirklich jammerschade, daß der Dr. Lueger

War in der Politik schon jemals Leistung ein Kriterium? In Ö. zumindest nicht!
Die grössten Versager und Flaschen hängen einander gegenseitig Orden und Würden um. Der geknechtete Steuerzahler der diese Kerle alle am Leben erhält sieht staunend zu......

Und wo ist Zilks Leistung?

Der wird noch viel mehr gefeiert, so wie alle roten Bürgermeister. Obwohl die nun wirklich gar nichts Spannendes vorzuweisen haben. Außer hunderte Gemeindewohnungen, auf denen riesengroß ihr Name steht.
Allerdings werden die auch nicht nach ihrem Tod einer heute geächteten Person gelobt, wie das bei Lueger der Fall war.

Herrn Krieghofers wehleidigen, ideologischen Flatulenzen


so breiten Raum zu bieten, läßt den Verdacht aufkommen, dass demnächst in diesem Medium großflächige Inserate der Gemeinde Wien geschaltet werden.

Eine sachliche Auseinandersetzung mit seinen sehr befremdlichen Ausführungen erübrigt sich, da bei diesem Autor bereits höchstgradige Realitätsverweigung konstatiert werden muss.

Re: Herrn Krieghofers wehleidigen, ideologischen Flatulenzen

ich finde die Ausführungen interessant und stimmig.
Mir müssten Sie also erklären, woran Sie die Realitätsverweigerung des Autors aufhängen, und mir gegenüber wäre eine sachliche Auseinandersetzung mit seinen Ausführungen nötig, damit ich Ihrem Posting folgen kann.

Falls das nicht möglich sein sollte, muss ich Ihr Posting als das nehmen, was es scheint, eine nicht argumentierte Verunglimpfung des Autors.

Antworten Gast: Richard Schuberth
14.05.2012 16:00
4 4

Re: Herrn Krieghofers wehleidigen, ideologischen Flatulenzen

Nichts an diesem exzellenten Artikel ist ideologisch, nichts ist wehleidig. Er ist sachlich und kühl geschrieben. Nach Gerald Krieghofers Entmythologisierung kann sich kein Argument für Lueger mehr ans Tageslicht trauen. Kein Wunder, dass den Postern nichts bleibt, als auf ihre einzige Waffe, das Ressentiment, zurückzugreifen.

Re: Gott ist zwar allmächtig


die Vergangenheit und die Geschichte kann er aber nicht ändern. Das können nur die Historiker.

Einige davon gehören zur Gattung der berufsmäßigen Ehrabschneider, wie der Autor des Gastommentars halt auch. Diese scheuen das Tageslicht/die Tageszeitung nicht. Die Geschichtslüge ist längst salonfähig geworden. Leider!

Antworten Antworten Antworten Gast: ohmaurer
14.05.2012 20:58
2 2

Re: Re: Gott ist zwar allmächtig

Sie meinen, Historiker klönnen die Geschichte ändern? Interessant... Wollen Sie so etwas? Was ma alles dann dem Dr. Lueger andichten wird können...

Re: Herrn Krieghofers wehleidigen, ideologischen Flatulenzen

....Realitätsverweigerung.....

sorry

Gast: Staunender
14.05.2012 11:50
2 3

präzise

Erstaunliche Entwicklung der "Presse". Die Gastkommentare werden immer besser.


Begriffen

Was redet bzw. schreibt er so lange um den heißen Brei herum?

Die Wahrheit in zwei Sätzen:

"Luger war kein Roter, und darum muss sein Name weg."


Re: Begriffen

Sie beantworten Ihre Frage selbst:

"Was redet bzw. schreibt er so lange um den heißen Brei herum?"

Was es soll, ist zeigen, dass es eben nicht um rot - schwarz geht.

Also werden Argumente gebracht. Gute Argumente. Wenn Sie dem etwas entgegen zu setzen haben, bitte!

Freue mich auf neue Einsichten.

Wenn Sie aber aus Ihrem rot-schwarz denken nicht herauskommen, dann haben Sie recht. Sie werden eine sachliche Argumentation nie verstehen, und für Sie war der Artikel überflüssig.

Ins Weltbild: "wer einen Schwarzen anpatzt, ist ein Roter." passen keine Argumente mehr.
Wenn die Konservativen jegliche Reflexion aufgeben, überlassen Sie notgedrungen den Roten das Feld. Sehr schade.

Re: Re: Begriffen

Reflektieren sollte man nur über Sinnvolles.

Ich lehne die Debatte über Lueger generell als total unnötig ab.
Lueger mag umstritten sein, aber das sind viele andere Namenspatrone auch, deren Straßen und Plätze aber nicht umbenannt werden.

Antworten Gast: Gerne nur Gast
14.05.2012 09:04
3 2

Da liegne sie nicht ganz richtig!

Im Sinne der "Kommunalisierung" = Verstaat(stadt)lichung sehr wohl; die SPÖ verdankt ihm indirekt ihre Vormachtstellung- die totale Kontrolle aller Dienstleistungen durch eine einzige Partei geht auf Lueger zurück.

Antworten Gast: wiesonicht
14.05.2012 01:00
1 1

Re: Begriffen

Die Wahrheit ist es sicher nicht. Man muss sich die Frage wirklich stellen: 'Was war sei Leistung?'

Re: Re: Begriffen

Das könnte man bei vielen Persönlichkeiten, nach denen Straßen, Plätze und Gassen benannt worden sind.

Allein, man tut´s nur bei Lueger.

Antworten Antworten Antworten Gast: woswoarseieistung
14.05.2012 21:01
0 1

Re: Re: Re: Begriffen

Also fangen wir an: Was war die Leistung vom Dr. Renner? Was die vom Holaubek? Was die vom Seipel?

Re: Re: Re: Re: Begriffen

Dr. Renner:

"Man gebe uns Südtirol, das vor Gott und der Welt uns gehört!"

Ist das nicht ein wahrer Spruch?

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Austrianer
15.05.2012 08:40
1 0

Re: Re: Re: Re: Begriffen

Zilk? Ausser Spionage?

Hinweis

  • Der Inhalt von Gastkommentaren spiegelt ausschließlich die Meinung des Autors wider und entspricht nicht zwangsläufig der Meinung der "Presse".

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