25.05.2013 10:40 Merkliste 0

Warum Europa die Guldenmark als Parallelwährung braucht

MARKUS C. KERBER (Die Presse)

Im Streit der Befürworter und Gegner des Euro überlegt niemand eine Alternative: Warum nicht eine Zweitwährung für A-Länder?

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Dass die Diskussion über die Zukunft des Euro in der Sackgasse steckt, spüren wir alle. Unbedingte Befürworter des Euro und kategorische Gegner desselben stehen sich unversöhnlich gegenüber. Die deutsche Kanzlerin, Angela Merkel, hat das Scheitern des Euro mit dem Ende des europäischen Einigungswerks gleichgesetzt.

Auf der anderen Seite stehen die historischen Euro-Gegner: Sie bekämpfen aus unterschiedlichsten Motiven den Euro als Teufelszeug. Zu der Frage einer Alternative halten sie sich bedeckt. Wie das Euro-Projekt beendet, modifiziert oder transformiert werden könne, sagte bisher niemand. Es müssen endlich Vorschläge auf den Tisch kommen, die einen Ausweg aus der von niemandem bestrittenen Gefahr ermöglichen und die Lähmung der europäischen Institutionen überwinden.

Einen solchen Vorschlag unterbreite ich hier und in meiner Schrift „Mehr Wettbewerb wagen“. Sie will am Euro als einer europäischen Gemeinschaftswährung festhalten. Allerdings sollten die Leistungsbilanzüberschussländer–Deutschland, Österreich, die Niederlande, Finnland und Luxemburg – zur Wahrung ihrer Interessen die Möglichkeit erhalten, neben dem Euro eine Zweitwährung als gesetzliches Zahlungsmittel einzuführen. Diese Parallelwährung – nennen wir sie „Guldenmark“ – würde von einer Zentralbank, die auch die Währungsreserven vergemeinschaftet, geldpolitisch geführt werden. Diese logistische Federführung könnte – nicht notwendigerweise – die Deutsche Bundesbank übernehmen.

Der frühere Währungswettbewerb hat die Entwicklung des Binnenmarkts nicht aufgehalten. Eine Parallelwährung als Stabilitätsanker wäre somit kein systemfremdes Element. Vielmehr wäre sie eine politische Schlussfolgerung aus der erwiesenen Unmöglichkeit, das noble Experiment des Euro als Einheitswährung fortzusetzen.

Die sozialen Proteste in Griechenland und die grassierende Arbeitslosigkeit in Südspanien und Portugal setzen deutliche Zeichen: Die Einheitswährung ist als Starkwährung in diesen Ländern nicht länger aufrechtzuerhalten. Unter den Bürgern und Politikern der Überschussländer – im Folgenden „A-Länder“ genannt – besteht hingegen Konsens über eine absolute Priorität für Geldwertstabilität.

Das fundamentale Problem des Euro ist, dass er nicht zu einer Gemeinschaftswährung geworden ist, sondern als die Einheitswährung erschaffen wurde. Per Verwaltungsakt wurden die nationalen Währungen umgestellt, statt den Euro neben die nationalen Währungen zu stellen und der monetären Einheit Europas Zeit zur Entwicklung zu geben. Eine Einheitswährung aber lässt nur eine einheitliche Geldpolitik zu, obwohl die einzelnen Volkswirtschaften eine individuelle Geldpolitik verlangen.

Die Überschussländer bilden das ökonomische Rückgrat der Eurozone. Sie sind nicht länger bereit, die Rolle einer machtlosen Diaspora innerhalb der Europäischen Zentralbank zu spielen. Ihre Bürger sind noch weniger bereit, ein System permanenten Finanzausgleichs bereitzustellen. Die Befugnis zur Einführung einer Parallelwährung ist auch juristisch begründbar, wenn die Europäische Union ihr Recht fortgesetzt verletzt. Das ist für die A-Länder nicht länger zumutbar.

 

Die Wahl einer Parallelwährung ist eine verhältnismäßigere Reaktion als die Rückkehr zur früheren nationalen Währung unter Aufgabe des Euro. Im Übrigen bietet die über die Europäischen Verträge vorgesehene „verstärkte Zusammenarbeit“ den perfekten Legalitätsrahmen zur Verwirklichung einer monetären Konvergenz der A-Staaten.

Der Wettbewerb zwischen Euro und „Guldenmark“ hätte sehr vorteilhafte Wirkungen: Führt die EZB ihre Politik des niedrigen Zinses und der „Flexibilisierung der Anforderungen der Kollaterale“ für die Bankenfinanzierung fort, wird der Euro zur Weichwährung mit Abwertungstendenz. So würde die Guldenmark relativ schnell zur Starkwährung mit Aufwertungsdruck gegenüber dem Euro und vermutlich auch Drittwährungen. Dies hätte kurzfristig außerordentlich positive fiskalische Wirkungen für die Schuldentilgung.

Diese können jedoch mit Schwierigkeiten für die Außenwirtschaft aufgrund des Aufwertungsdrucks einhergehen. Damit er nicht zu groß wird, sollte man in Betracht ziehen, einem einzigen Leistungsbilanzdefizitland der Europäischen Union eine stark konditionierte Option auf Mitgliedschaft in der A-Zone einzuräumen. Dafür kommen Frankreich, Italien und Spanien in Betracht. Bereits Verhandlungen über eine solche Mitgliedschaft würden dem Aufwertungsdruck entgegenwirken.

Den Startschuss für die Einführung der Guldenmark müssen die nationalen Zentralbanken der A-Länder geben. Dies bedarf aber eines taktischen Vorspiels: nicht nur einer radikalen Änderung des Stimmverhaltens der A-Länder im Rat der Europäischen Zentralbank, sondern auch ihrer Weigerung, den Weisungen der Leitungsgremien der EZB zur Umsetzung der Euro-Rettungsbeschlüsse nachzukommen.

Die Befugnis dazu, vergleichbar mit dem im Beamtenrecht üblichen Remonstrationsrecht, kann sich darauf stützen, dass die Lockerung der Sicherheitsanforderungen an Kollaterale und der Ankauf von Anleihen aus Finanznotstandsstaaten schlichtweg rechtswidrig sind.

Bereits die Ankündigung, dass sich die Leistungsbilanzüberschussländer mit dem Gedanken einer Parallelwährung beschäftigen, würde die Vollkaskohaltung bestimmter Regierungen und die Verweigerung jeglicher Sparpolitik durch Frankreich erschüttern.

Die leitenden Instanzen der EZB, die aus ihr innerhalb kürzester Zeit eine fiskalische Feuerwehr gemacht haben, würden verstehen, dass ihre Politik nicht länger als alternativlos angesehen wird. Und die unbedingten Euroretter, die mit immer neuen Brandmauern versuchen, den Sanktionsmechanismus der Kapitalmärkte zu suspendieren, wären gewarnt: Ihr Hasardeurspiel könnte nicht unbefristet fortgesetzt werden.

Dass sie Alternativen tabuisiert haben und jede Diskussion darüber als eine Gefährdung der Europäischen Union bezeichnen, gehört zur Öffentlichkeitsstrategie einer kleinen, gewissenlosen Oligarchie, die ohne Rücksicht auf rechtliche Regeln entschlossen ist, ein Elitenprojekt, das längst die Unterstützung der Bevölkerung verloren hat, gegen alle Vernunft fortzusetzen.

Deutschland ist als Europas wichtigste Volkswirtschaft zur Führung verurteilt. Es hat die Pflicht, diese Schlüsselposition auch zu nutzen, statt noch länger nur Zuschauer europäischer Geschichte sein und immer neue Rettungsmaßnahmen ad infinitum hinzunehmen. Die gegenwärtige Krise lässt sich nicht durch ein Mehr an Europa lösen, sondern nur durch ein Deutschland, das zusammen mit seinen monetären Verbündeten einem historischen Kompromiss den Weg bahnt und hierzu beherzt und verantwortungsvoll seine Macht zum Einsatz bringt.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

Markus C. Kerber lehrt öffentliche Finanzwirtschaft und Wirtschaftspolitik an der TU Berlin. Der Ökonom und Jurist wurde durch seine Verfassungsklagen gegen die Euro-Rettungsschirme und die Krisenpolitik der EZB bekannt. Sein Buch „Mehr Wettbewerb wagen“ erschien bei Lucius & Lucius. Hier die Kurzfassung eines Vortrags vom 10.5.2012. [Europolis]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2012)

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19 Kommentare
Gast: webmax
11.07.2012 04:47
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Euro-Degradierung

Der Euro würde automatisch wieder zur Verrechnungdseinheit a la ECU degradiert. Würde man mit der "Guldenmark" nicht die Euro-Geburtsfehler in kleinerem Maßstab wiederholen?
Wechselkurse müssen dem freien Spiel der Kräfte überlassen bleiben (es gibt stets nur Abwertungs-, niemals Aufwertungsdruck, Herr Kerber).

Eine Parallelwährung kann es nicht geben!

Wenn zwei Zahlungsmittel nebeneinander gültig sind, weigert sich jeder denkende Mensch, das schlechtere anzunehmen. Damit landet man automatisch wieder bei einer einzigen Währung!

Antworten Gast: Viva
17.05.2012 14:34
0 0

Re: Eine Parallelwährung kann es nicht geben!

... und man hat damit die freie Wahl und den Wettbewerb der Währungen. Die bessere soll sich durchsetzen und wenn sie das einmal nicht mehr ist, dann wird sie abgelöst. So wie sich das für einen freien Markt gehört.

Gast: Austrianer
17.05.2012 00:34
0 0

Ausgezeichnet

Danke

Gast: Viva
16.05.2012 23:39
1 0

Aus meiner Sicht kann man nur einer Edelmetall basierten Währung vertrauen

Wie schon Voltaire sagte:
"Papiergeld kehrt früher oder später zu seinem inneren Wert zurück – Null."

Unterschiede

Wie soll das praktisch funktionieren? Bekommen wir unsere Gehälter in der neuen Währung? Wird in den Geschäften mit dieser Währung bezahlt usw.? Wo spielt der alte €uro dann noch eine Rolle?
Wo ist in der Praxis dieses Vorschlags ein Unterschied zur Idee des Nordeuros?

Gast: 1. Parteiloser
16.05.2012 18:09
0 0

Wir haben doch Parallelwährungen!

Ich würde meinen, dass ich Edelmetall dafür genauso eignen wie auch andere Rohstoffe. Man könnte durchaus auch alternative Energietechnologien (Fotovoltaikanlagen, Windräder, etc.) als alternative Währung sehen. Das sind doch herrliche Parallelwährungen, welche auch noch gedeckt sind.

Eine weitere ungedeckte Währung, welche dann wieder missbraucht wird, die braucht unsere Gesellschaft so dringend wie einen Kropf am Hintern oder 10 Warzen auf der Stirn.

Aus Deutscher Sicht, sich selber als A- Land zu bezeichnen, das ist aber schon auch ein starkes Stück. D hat doch bei den Staatsschulden auch schon die 2 Billionenmarke überschritten und lebt vor allem durch die niedrigen Zinsen. Bei einer Verschuldung von 80% des BIP würde jedes 1% mehr an Zinsen doch automatisch ein Defizit von 0,8% ergeben. Würde D also auch Zinsen von 5% zahlen, anstatt 1%, dann wäre auch das Defizit von D um satte 3,2% höher!

Wie krank D auch schon ist, das zeigen doch die Staatseinnahmen pro verf. Arbeitskraft, weil nur die Arbeitskräfte (abzüglich Arbeitslose, zusätzlich Unternehmer) die erforderlich Leistung zur Finanzierung der irren Staatsausgaben sichern können.

Abgaben pro verf. Arbeitskraft in USD:
Österreich...55.569-
Frankreich... 46.786.-
Deutschland.36.335-
Griechenland:25.040.-
USA...........14.759.-
Tschechien..9.992.-

Deutschland lebt doch vorwiegend vom Image und hat selber gewaltige Probleme. F wird aber den Euro und die EU in die Luft jagen.

3 0

Wohltat

Eine Wohltat, dieser Beitrag! - Ein qualifizierter Vorschlag als Alternative zu der als Schutzschirm getarnten Nord-Süd-Zwangsumverteilung.

Parallelwährung zum Euro

Ausgezeichneter Vorschlag. Hoffentlich regt er die verantwortlichen politischen Funktionäre zur Überlegung von Alternativen zum gegenwärtigen System, das dem Abgrund zusteuert, an.

Antworten Gast: hk1190
16.05.2012 13:28
2 0

Re: Parallelwährung zum Euro

Die Idee gefällt mir sehr gut! Ich würde eine Bewegung unterstützen, die in diese Richtung geht.

Nicht konsequent genug

Wirklich konsequent wäre es, wenn sich die genannten Länder gleichzeitig aus dem Euro verabschieden würden.

Warum immer darauf hindrängen, dass alle anderen den Euro verlassen? Warum nicht gleich samt und sonders selbst diesen unrettbar verlorenen Währungsraum verlassen, sollen doch die Italiener und Griechen schauen, wo sie mit ihrer Korruption, ihrem Populismus und ihren Schulden bleiben. Lang genug Zeit hat man ihnen ja gegeben.

Die neue Währung würde sich zu 100% sehr stark gegenüber dem Dollar positionieren, was zwar dem Export Deutschlands in die USA schadet, aber durch die besseren Exportmöglichkeiten innerhalb der EU ausgeglichen werden.

Ich habe im übrigen auch einen Vorschlag für die neue Währung:

Nennen wir sie "Pfund"

Hätten wir den EURO nicht per Dekret eingeführt, dann hätten wir auch nicht diese Probleme mit Ländern, die diesen EURO nicht verdienen!

Die Idee der Guldenmark ist treffend, denn sie stellt wieder den Wettbewerb her, der aktuell durch die Umverteilungs- und Transfergeld Valiumpille ausser Kraft gesetzt ist.

Gast: schlÄchter
16.05.2012 08:58
2 0

sg herr kerber!

von mir ein +
mfg
s.

Gast: radius
16.05.2012 08:37
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Klingt ganz gut.


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Goldmark statt Guldenmark

Dann paßt das Konzept.

Gast: machmuss verschiebnix
15.05.2012 18:45
1 2

Gemeinsame Währung diesmal aber auch gleich einhergehend mit

einem gemeinsamen Finanzminister und
einem gemeinsamen Außenminister sonst
kommt dasselbe Dilemma unversehens bei der Hintertür wieder rein

Antworten Gast: Hubertus
15.05.2012 22:15
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Re: Gemeinsame Währung diesmal aber auch gleich einhergehend mit

Wir brauchen kienen gemeinsamen Finanzminister etc. Wenn der Club Med draußen ist(inkl. Frankreich) wird man sich wundern wie klaglos die neue" Einheitswährung" funktionieren wird. Denn diese Länder eint das bekenntnis der Bevölkerung zu einer stabilen Geld und Haushaltspolitik.Der Rest folgt von selbst.

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Re: Re: Gemeinsame Währung diesmal aber auch gleich einhergehend mit

Frage ist- wo gehoert Oesterreich hin, laut Rating in die Kategorie Frankreich. Und was ist mit dem Osten ? Vielleicht doch wieder eine Donauunion, mit MariaTheresienthaler in Gold und Silber, Kronen, Heller und Batzen.

Antworten Antworten Gast: radius
16.05.2012 08:39
2 0

So ist es.

Diese Länder haben sich von der Tradition her, immer für Subsidiarität, Föderalismus und Eigenverantwortung ausgezeichnet. Dabei soll es bleiben.
Eine Sollbruchstelle ist einzubauen, sollte ein Land vom Stabilitätsbekenntnis abweichen.

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