Zu jeder neuen Studiengebührendebatte fällt mir unwillkürlich John Rawls ein. Rawls, der verstorbene US-amerikanische Rechtsphilosoph und Professor an der Harvard University, hat in seiner Jahrhundertarbeit „Eine Theorie der Gerechtigkeit“ konstatiert, dass jedem Staatsbürger und jeder Staatsbürgerin gleiches Recht auf das umfangreiche System gleicher Grundfreiheiten zukommen soll, was konkret bedeutet, jedermann und jederfrau sollte der Zugang zum Bildungssystem sperrangelweit offenstehen. Ausdrücklich betont hat er die Chancengleichheit.
Das österreichische System der Studiengebühren, das von einigen Universitäten angedacht und von anderen abgelehnt wird, würde zum sozialen Ausschluss einer unbekannten Zahl von Maturanten führen. Es bedingt, was ich betone, nichts anderes als einen sozialen Numerus clausus, der Österreich, das sich so gern auf seine durchlüftete Modernität beruft, bestimmt nicht gut ansteht.
Natürlich werden Gebührenbefürworter mit einer Milchmädchenrechnung schnell zur Hand sein und behaupten, der heimische Student zahle bei den vorgeschlagenen Zahlen ohnehin nur knapp zwei Euro täglich für sein Studium.
Ich setze die Rechnung anders an und gehe von der österreichischen Durchschnittsfamilie mit zwei Kindern aus, die allenfalls von einem Alleinverdiener erhalten wird. Im Rawls'schen Sinn steht beiden ein Studium zu. Der sogenannte Studienbeitrag, der seinerzeit eingeführt wurde, betrug damals genau 363,36 Euro, das sind jährlich 726,72 Euro, was für zwei Studierende 1453,44 Euro ergibt.
Heute müsste man diese Summe aber wohl noch um die Inflationsrate erhöhen. Und das wiederum wäre ein ganzes österreichisches monatliches Durchschnittsgehalt.
Seit der erstmaligen Einführung der Studiengebühren wird um ihre Abschaffung gerungen und werden in regelmäßigen Abständen relativ hitzige Diskussionen geführt, auch in den akademischen Gremien, wobei beispielsweise die Wirtschaftsuniversität Wien für und die Universität Klagenfurt gegen Beiträge ist. Die OECD hat Österreich vor Jahren sogar empfohlen, die Studiengebühren zu erhöhen, damit die Universitäten besser finanziert werden können.
Tatsache ist, dass der Anteil akademisch gebildeter Österreicher vergleichsweise gering ist und Studiengebühren beileibe nicht dazu beitragen, ihn zu erhöhen. Dieser Tage hat eine ehemalige Bundesministerin in der „Presse“ gemeint, sie könnte sich Beiträge in der Höhe von 500Euro vorstellen.
Im Sinn sozialer Gerechtigkeit und der Chancengleichheit aller bin ich ein strikter Gegner von Studiengebühren. Auch mit Anstrengung fällt mir kein vernünftiges Argument für die Beiträge ein. Ich wundere mich aber seit Jahren, dass die Österreichische Hochschülerschaft, die ich aus meiner Studienzeit in Wien als lebendige und lebhafte Organisation in Erinnerung habe, nicht längst ein Volksbegehren initiiert hat.
Die (un-)politische Strategie dahinter ist mir ein Rätsel. Außerdem bin ich davon überzeugt, dass sich in den Reihen der Studentenfunktionäre auch heute der eine oder andere Jurist finden würde, der wüsste, wie man erfolgreich für ein kollektives Interesse kämpft.
Hon.-Prof. Dr. Janko Ferk ist Jurist, Schriftsteller und lehrt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt/Univerza v Celovcu. Zuletzt erschien der Gedichtband „Pasadena“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2012)















