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Moderne Forschungsuniversität und literarische Intelligenz

HANS PECHAR (Die Presse)

Zu Robert Menasses Rundumschlag gegen die Universität Wien „Aus Liebe zur Alma Mater: Sperrt sie zu!“ („Spectrum“, 4. Mai 2012).

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Robert Menasse ist zornig. Das ist nichts Neues, schließlich erquickt er seine Leser regelmäßig mit den literarischen Früchten seines Zorns. In seinem jüngsten Pamphlet, in dem er der Uni Wien nahelegt, ihre Pforten zu schließen, mischt sich eine sentimentale Note in die Empörungspose. Denn Menasse ist auch dankbar. Dankbar dafür, dass er in den 1970er-Jahren kostenfrei studieren durfte. Und diese Dankbarkeit beflügelt seinen Zorn über die undankbaren Politiker und Rektoren, die ebenfalls in den Genuss dieses Privilegs kamen, aber heute für Studiengebühren eintreten.

Einen mit allen dialektischen Wassern gewaschenen Autor sollte es nicht aus der Fassung bringen, wenn politische Maßnahmen, die vor 40 Jahren richtig waren, später modifiziert werden, weil sie nun zu einem Hemmschuh der Entwicklung geworden sind. Der kostenfreie Zugang war ein sinnvolles und weitgehend erfolgreiches Mittel, um die Hochschulexpansion in Gang zu bringen, um eine Studienmotivation auch in Bevölkerungsschichten zu wecken, die höhere Bildung als fremdes Terrain betrachtet hatten. Um diese Expansion (mittlerweile ein Selbstläufer) auf relativ hohem Niveau weiterzuführen, bedarf es beim Zugang wie bei der Finanzierung neuer Wege. Diese Aussage ist weder zynisch, noch stellt sie einen Angriff auf die gegenwärtige Studentengeneration dar. Noch nie hat es zwei Generationen mit denselben Lebensumständen gegeben. Daraus ein politisches Rührstück zu machen, mit der Undankbarkeit als Hauptdarsteller, ist weder eine gedankliche, noch eine literarische Großtat.

 

Kann nicht bis drei zählen

Schnell wird klar, dass Menasse auf dem Feld der Hochschulpolitik nicht bis drei zählen kann. Leider schafft er es auch nicht bis zur Zwei. Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts hätte Österreich in den 1970er-Jahren für die Hochschulen ausgegeben, heute dagegen hätte die neoliberale Bildungspolitik diese Ausgaben auf 1,2 Prozent zurückgefahren. Beeindruckend, wie kühn der Barde die Beschränkungen durchbricht, welche das statistische Zahlenwerk dem Höhenflug seiner Fantasie auferlegt. Ohne mühsame Recherchen kann man herausfinden, wie sich die Hochschulausgaben in den 1970er-Jahren entwickelt haben. Sie sind von 0,6% (1970) auf 0,8% (1975) und schließlich auf 0,9% (1980) angestiegen, jeweils vom Bruttoinlandsprodukt. Aber was zählen ein paar Prozentpunkte, wenn es doch um den Mythos Kreisky geht. Die sozialdemokratischen Reformen dieser Zeit waren ein Meilenstein der Hochschulentwicklung. Zu ihrer Würdigung bedarf es keiner lächerlichen Falsifikationen dieser Art.

Mit großer dichterischer Freiheit lässt Menasse die lange Geschichte der Uni Wien Revue passieren, geleitet von der Methode konservativer Kulturkritik, die Vergangenheit nostalgisch zu verklären, damit ein umso stärkerer Kontrast zur abgewerteten Gegenwart entsteht. Ohne mit der Wimper zu zucken wird der offene Hochschulzugang ins 15. Jh. rückdatiert. Keine kritische Bemerkung über die Jesuitenuniversität, die Speerspitze der Gegenreformation. Einzig die Reformen der Aufklärung stellt er als Tiefpunkt und Abweichung vom sonst ungebrochenen Streben nach Wahrheit dar – eine originelle Wendung für einen linken Autor.

Minister Thun-Hohenstein war in der Phase des Neoabsolutismus ein wichtiges Gegengewicht zu den ultramontanistischen Kräften. Bei Menasse wird aus dem gemäßigten Konservativen, der den katholischen Charakter der Universität betonte und eine „voraussetzungslose“ (d.h. konfessionell ungebundene) Wissenschaft ablehnte, ein Heros der Wissenschaftsfreiheit. Tatsächlich war die Universität Wien bis in die 1870er-Jahre eine katholische Universität. Ab dem Zeitpunkt, da die Wissenschaftsfreiheit tatsächlich etabliert war, wurde die Universität zunehmend zum Kampfschauplatz deutschnationaler und katholischer Studenten, die nur in ihrem Antisemitismus übereinstimmten.

 

Rechtsradikale Schlägerbanden

In der Woche vor Menasses Pamphlet druckte das „Spectrum“ den ausgezeichneten Beitrag „Lueger und die Lausbuben“ von Kurt Bauer. Darin wird dargestellt, wie die rechtsradikalen Schlägerbanden, die das Gesicht der Universität Wien in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts prägten, unter wohlwollender Duldung vieler Professoren und der akademischen Behörden linke und jüdische Studenten terrorisierten. Kein Wort davon in Menasses Glorifizierungsprosa.

Dafür umso heftigere Empörung über den jüngsten Polizeieinsatz an der Uni Wien, welcher einen Bruch mit der stolzen Tradition darstelle, die Polizei aus ihren hehren Hallen fernzuhalten. Im Beitrag von Bauer hätte sich Menasse informieren können, wie die Linke in den 1930er-Jahren den Umstand interpretierte, dass die akademischen Behörden der Polizei den Zugang verwehrten, während sich die Schläger austobten. „Gerade diese Tatenlosigkeit der Polizei empfanden die Opfer der Gewalt als besonders schlimm.“ Dazu das sozialdemokratische „Kleine Blatt“: „Die Polizei schaut zu, wie an der Universität Menschen blutig geschlagen werden.“

Die prinzipielle Dämonisierung einer Polizeipräsenz auf universitärem Boden, unabhängig vom Anlass, gehört in eine Tradition, die heute vor allem die waffentragenden Studentenverbände hochhalten. In der ständischen Ordnung war die Universität eine autonome Korporation mit eigener Gerichtsbarkeit. Statt sich an der Revolutionsromantik des Jahres 1848 zu berauschen, sollte Menasse argumentieren, welche Rolle ein außerhalb der staatlichen Gerichtsbarkeit befindlicher Rechtsraum in einer liberalen Demokratie spielen soll. Man kann darüber diskutieren, ob es ein ausreichender Anlass für einen Polizeieinsatz ist, wenn studentische Aktivisten die Sitzung des Senats stürmen wollen, um die Senatsmitglieder mit „handfesten Argumenten“ zu überzeugen. Aber nicht darüber, ob ein Rektor das Recht hat, die Polizei zu rufen.

Menasses Äußerungen sind nicht der einzige unipolitische Rundumschlag seitens der literarischen Intelligenz. Letztes Jahr richtete Marlene Streeruwitz den Universitäten per Interview im „Standard“ aus, sie seien bereits tot. Dem Unbehagen, das sich in solchen Äußerungen Luft macht, liegt ein fundamentales Unverständnis des Wesens der modernen Forschungsuniversität zugrunde. In den Augen der frei schwebenden Intelligenz sollte das Studium die Fortsetzung des gymnasialen Bildungserlebnisses sein, aber im Gegensatz zu diesem nicht in verschulter Form, sondern als von curricularen Zwängen befreiter Prozess.

 

Immer schon Fachausbildung

Aber auch die Humboldt'sche Universität des 19. und frühen 20. Jh.s war keine Stätte „freier Bildung“. Von ihrem sozialselektiven Charakter abgesehen war sie durchaus „Ausbildungsstätte“: für die freien akademischen Professionen, die gehobenen Beamten und den wissenschaftlichen Nachwuchs. Die „allgemeine Bildung“ hatte man mit der Reifeprüfung abgeschlossen. An der Universität fand immer schon Fachausbildung statt. Die Logik der Disziplinen hat die Studien in der Vergangenheit strukturiert (und damit der Freiheit Grenzen gesetzt) und wird das auch in Zukunft tun.

Im Gegensatz zu Menasse, der glaubt, dass Wien – das idealisierte Wien der Vergangenheit – „bedeutendste Universitätsstadt Europas“, „geistiges Zentrum des Kontinents“, „explizites Vorbild der europäischen und selbst der amerikanischen Universitäten“ war, sagt Streeruwitz: „Wir sind in Wien in einem Niemandsland der Geistigkeit. Denn das wirklich kritische Denken ist hier nie vorgekommen.“ Unterschiedliche Einschätzungen? Nein, Ausdruck eines Überbietungswettbewerbs zwecks „kritischer“ Profilierung. Menasse betont den Bruch, Streeruwitz die Kontinuität. Das kann morgen schon anders sein. Die einzige Konstante ist die Wut über die Entwicklung der Universitäten. Die werden das aushalten.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zur Person

A.o.Univ.-Prof.Dr. Hans Pechar ist stv. Institutsvorstand am Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung der Universität Klagenfurt am Standort Wien. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)

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