Gut, dass es Korrespondenten gibt Sachkenntnis ist unentbehrlich

ENGELBERT WASHIETL (Die Presse)

Auch Journalisten haben das Recht, auf Urlaub zu gehen. Dann müsste die Redaktion fit genug sein und die fehlende Person ersetzen.

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Der Mai läuft für die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel schlecht, aber aufregend. Da kann eine Zeitung kurzfristig außer Atem kommen, wenn ausgerechnet der Berlin-Korrespondent nicht dort ist, wo er hingehört. Genau genommen verliert Merkel gleich drei Wahlen: am 6. Mai die Präsidentschaftswahl in Frankreich und die Parlamentswahl in Griechenland, eine Woche darauf die Landtagswahl im bevölkerungsstärksten Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo die Leute Rot-Grün statt CDU wählen.

„Die Presse“, die die Wahlgänge in Griechenland und Frankreich mit ihren Nebenwirkungen auf die Europapolitik meisterhaft darstellt, hat im Fall Nordrhein-Westfalen schon genug. Am Wahlabend reicht es nur für einen gehetzten Bericht auf Seite 2. Den Wiedereinzug der FDP in den Landtag als „knapp“ zu deklarieren geht daneben, denn die FDP verbessert sich um runde zwei Prozentpunkte. Wie wertvoll die Sachkenntnis eines Korrespondenten ist, merkt man erst, wenn er fehlt.

Wenigstens einen Kommentar zum Wahlergebnis hätte die Redaktion bieten können. Und weil der richtige Zeitpunkt damit vorbei ist, gibt es am Dienstag abermals keinen Kommentar dazu.

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Aus der Leserperspektive scheint auch die Aufmacherpolitik die Entscheidungsfreude zu bremsen. Weil der Blattaufmacher fast immer ein großes Trumm ist und für den konkreten Montag sichtlich schon vorbereitet und dem möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euroraum gewidmet war, wagt ihn am Wahlabend niemand aus den Angeln zu heben. Aber das aktuelle Hauptereignis ist der politische Erdrutsch in Nordrhein-Westfalen.
Immerhin wird der SPD-Wahlsiegerin Hannelore Kraft bald ein trockenes Porträt gegönnt. „Die Presse“ regt sich kaum auf, als Merkel am 18.5. den Umweltminister Norbert Röttgen feuert, was sonst nicht ihre Art ist. Die Sache wird mit einem Einspalter abgetan. Endlich, am 22. 5., ist die Deutschland-Berichterstattung wieder so, wie die Leser sie schätzen. „Merkels Meuchelmord“ stellt mit analytischer Präzision die Zusammenhänge dar. Vieles davon hätte allerdings schon ein paar Tage früher beschrieben werden können.

Man darf Positives nicht unerwähnt lassen. Zwischendurch schafft die Zeitung einen interessanten Beitrag über den bis heute nicht restlos aufgeklärten Mord der RAF-Terroristen am deutschen Generalbundesanwalt Siegfried Buback im Jahr 1977 in Karlsruhe. Und innenpolitisch fallen ihr früher als dem Bundespräsidenten vernünftige Argumente gegen die hysterische Sympathie der Parteien für die „direkte Demokratie“ ein (20.5.).
Ein normaler deutscher Satz beginnt mit Subjekt und setzt mit Prädikat und Akkusativobjekt fort, sofern es ein solches gibt. In den Ohren von Journalisten klingt das wie eine kleinliche Schulmeisterei, weshalb sie immer wieder in die Falle tappen: „Die Kommission für antike Rechtsgeschichte übernahm die Universität Wien, das Institut für Vergleichende Verhaltensforschung die Uni für Veterinärmedizin“ (12.5.). Nein, so kann es nicht geschehen sein, sondern genau umgekehrt.

Übrigens wollen die Leser auch keine Rätselfotos zur Identifizierung der Personen vorgelegt bekommen. Ein großes Bild zeigt drei offenbar bedeutende Persönlichkeiten, im Bildtext wird aber nur eine mit Namen angeführt, nämlich „der britische Finanzminister Osborne (rechts)“. Wer die zwei anderen sind, hält die Redaktion geheim. Es handelt sich um Italiens Premier Mario Monti und Polens Finanzminister Jan Vincent-Rostowski (16.5.). Nicht jedermann muss die beiden auf Anhieb erkennen, und Namensnennung ist bei Bildern sowieso Pflicht.

Und weil wir schon bei der Genauigkeit sind: Auch bei Angaben zur Griechenland-Wahl muss zwischen Prozent und Prozentpunkten unterschieden werden, vor allem, wenn beides in einem Satz zusammengemischt wird: Eine Umfrage gebe dem Bündnis Syriza „30 Prozent der Stimmen, das sind noch einmal 13 Prozent mehr“. Aber mehr wovon?

Muss in einer Sportgrafik erklärt werden, was die mit Zahlen verwendeten Abkürzungen S, R und N heißen? (19.5.) Ja, wenn das Sportressort nicht nur für notorische Fußballfans schreibt, sondern bei der Euro 2012 auch Neugierigen die Chance bieten will, als Leser einzusteigen. Die Buchstaben stehen für Siege, Remis und Niederlagen.

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„Die Presse am Sonntag“ verspricht auf der Titelseite eine „Rundreise“ durch Österreichs Sommertourismus (13.5.). Na ja, im Blattinneren ist nur noch vom Salzkammergut die Rede, im Text reduziert sich die Rundreise auf den „Weg von Ischl nach St. Wolfgang“, vorbei an schönen Blumenwiesen. Schön zu lesen ist die Geschichte über den touristischen Mikrokosmos doch und interessant auch, weil das Autorenduo vor- oder nachher auch in der Nationalbibliothek absteigt. Die Illustrationen sind knallig und beeindruckend.

In der sonstigen Bilderflut, die im modernen Medienbetrieb aus den internationalen Netzen herbeiströmt, ist hingegen nicht immer drin, was Bildtexte behaupten. Bildregie ersetzt und erdrückt die Redlichkeit. „Mubarak-Anhänger sind nach dem Urteil fassungslos“, steht unter einem Foto, auf dem vier männliche Personen im Sonnenlicht die Körperteile so verrenken, wie sich der Fotograf eine Fassungslosigkeit vorstellt und außerdem so, dass man ihre Gesichter nicht erkennt. Die gestellte Szene in Kairo ist eine Zumutung.

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Autofahrer, die in Wien viel unterwegs sind und manchmal sogar aussteigen wollen, lesen auf der Wien-Seite schockiert, dass Parksünder in den Kurzparkzonen künftig durch „Parkkrallen“ am Wegfahren gehindert werden können. Was, wie? Jeder, immer?

Das steht in der Sechszeilenmeldung nicht drin, dafür wird sie an zwei Stellen der Zeitung abgedruckt (24.5.). Ich zitiere für diejenigen, die doch mehr über die Gefahren in den allseits beliebten Kurzparkzonen erfahren wollen, aus der APA: Die Parkkralle kommt zum Einsatz, wenn die Strafverfolgung des Lenkers offenbar „unmöglich oder wesentlich erschwert“ sein dürfte. Gekrallt wird übrigens nicht sofort, sondern erst, wenn wiederholt nicht bezahlt worden ist. Warum gibt das Leibblatt diese wichtige Information nicht freiwillig her?

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Auch der Sport hält eine wichtige Mitteilung zurück, obwohl der Artikel „Die schönste Admira-Niederlage“ lang genug wäre. Im Untertitel heißt es: „Trainer Ivica Vastić muss gehen“ – aber er geht und geht hundert Zeilen lang nicht. Möglicherweise hat sich Vastić im Sande verlaufen.

Geradezu herzig ist die Economist-Überschrift: „Bausparer büßt an Attraktivität ein.“ Das ist so, wie wenn ein Kunde im Einkaufszentrum unattraktiv würde, weil die Preise schon wieder gestiegen sind.


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)

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2 Kommentare
Gast: Martin_S
09.06.2012 20:30
0

Wer ist

dieser Washietl eigentlich? Und was tut er - wenn er nicht seinen Senf dort abgibt, wo ihn keiner braucht??

Immer erfrischend...

... ist es, die Analysen und Korrekturen des Autors zu lesen.

Beim nächsten Mal hoffen wir auf einen kurzen Beitrag zur Punktuation in der heutigen Überschrift.

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