20.05.2013 19:45 Merkliste 0

Der Fall Martin Graf – oder: Das große Grauen vor den Blauen

ANDREAS MÖLZER (Die Presse)

Gegenüber freiheitlichen Polit-Störenfrieden gilt prinzipiell nicht die Unschuldsvermutung, sondern die generelle Schuldunterstellung.

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Die Optik könnte kaum verheerender sein für eine – wie es heißt – „populistische“ Partei: Nur noch ein als Pädophiler in flagranti ertappter Volksvertreter könnte größere Missbilligung auf sich ziehen als der Inhaber eines der höchsten Staatsämter, der eine freundliche Greisin um ihr karges Erspartes bringt. Eine Art juristischer Handtaschel-Räuber, ein politischer Witwenschänder, der mit seinen Untaten alles konterkariert, wofür eine fundamental oppositionelle „Partei des kleinen Mannes“ steht.

So hört man es zumindest von den Wortspendern aus den etablierten Parteisekretariaten und professionellen politischen Beobachtern der Mainstream-Medien; begleitet von kaum verhohlener Freude über die allzu offensichtlichen Auswirkungen der Affäre um die Stiftung des Martin Graf auf die Umfragewerte der blauen Oppositionspartei.

Dass diese in den letzten Monaten in besorgniserregende Höhen gestiegen sind, mag zweifellos für vielfältige Debatten und Überlegungen gesorgt haben, wie denn dieser Höhenflug einzubremsen wäre. Um dies anzunehmen, braucht man wahrhaftig kein Verschwörungstheoretiker zu sein.

 

„Borderline-Burschenschafter“

Martin Graf, der so etwas wie das Abonnement auf einen Spitzenplatz im „Best of böse“ einer Wiener Stadtzeitung hat, mochte bei derlei Überlegungen immer schon eine zentrale Rolle gespielt haben.

Das Bild des rechten Borderline-Burschenschafters, gepaart mit dem des knallharten Netzwerkers aus seiner Seibersdorf-Zeit, dürfte da geradezu eine Herausforderung gewesen sein. Geschäftlich-juristische Vorgänge aus der privatwirtschaftlichen Tätigkeit Grafs – allemal aus einer Zeit, da manch einer mit einem gewissen Vermögen darauf spekuliert hat, sich die damals noch geltende hohe Schenkungs- und Erbschaftssteuer (gegenüber Fremden immerhin 60 Prozent) durch das Konstrukt einer Stiftung zu ersparen – mochten da allemal lohnend erscheinen für entsprechende Recherchen. Und siehe da, man wurde fündig. Die Wiener Vorstadt, auch die Donaustadt, hat ja bekanntlich so ihre Untiefen. Kinderverzahrer und Witwentröster, Erbschleicher und Taschelzieher, halbseidene Hutschen-Schleuderer, naive Mädel und lustige Witwen. Ein bizarres gesellschaftliches Biotop, zu dem man nunmehr in der medialen Darstellung eben noch den Winkeladvokaten hinzufügen will, der die alten Muatterln abkassiert.

 

Die Gerichte werden klären

Nun werden zwar die Gerichte klären, ob Martin Graf wirklich diesem Bild entspricht und gegen geltendes Recht, gegen den Stiftungszweck und gegen die Interessen der Stifterin verstoßen hat. Kaum einer, der den gewieften Juristen kennt, zweifelt daran, dass er sich diese Blöße nie gegeben hat.

Weder die Medien noch die politischen Mitbewerber der Freiheitlichen aber werden im Falle einer Rehabilitierung eine solche lauthals bestätigen. Gegenüber den blauen Polit-Störenfrieden gilt nämlich prinzipiell nicht die Unschuldsvermutung, sondern die generelle Schuldunterstellung.

Und je näher man dem nächsten Wahltermin kommen wird, desto stärker wird man fragwürdige Vorgänge, soweit man sie im blauen Umfeld wird orten können, skandalisieren. Dem gelernten Österreicher ist dies aber durchaus klar und er lässt sich bemerkenswert wenig davon beeindrucken.

Im Zuge des parlamentarischen Korruptionsuntersuchungsausschusses hieß es zuletzt ständig, Grasser, Meischberger, Plech und wie sie alle heißen mögen, seien allesamt Exponenten eines „freiheitlichen Korruptionssumpfs“. Aber siehe da, das Publikum wollte es nicht glauben.

Wenn jetzt als Folge der „Stiftungsaffäre“ die blauen Umfragewerte schwinden, hofft man wohl vonseiten der Anti-Strache-Strategen, endlich einen Ansatzpunkt gefunden zu haben, um den freiheitlichen Höhenflug zu stoppen. Ebenso eifrig wie durchsichtig bemüht man sich, Grafs Rückzug als Stiftungsvorsitzender als Erfolg Straches in einem angeblichen Konflikt mit dem dritten Nationalratspräsidenten zu interpretieren, ja gar als Richtungskampf gegen einen „rechten Flügel“ der FPÖ.

Bewusst streut man Pfeffer in die herbeigeredeten Wunden des FPÖ-Chefs, indem man in unglaublich erhellenden Analysen feststellt, dass der „Nur“-Zahntechniker von den akademischen Burschenschaftern um Graf nicht respektiert würde und nun die Chance sehe, sich endlich von diesen zu emanzipieren.

 

Eine alte, krisenfeste Beziehung

Wunschdenken allemal, da der Respekt aus korporierten Kreisen – es sind nicht nur Burschenschafter – gegenüber dem Parteichef zuletzt deutlich gewachsen ist. Wunschdenken auch, da gerade Graf und Strache eine alte und krisenfeste Beziehung verbindet. Und Wunschdenken auch, weil der Parteichef bei aller jugendlicher Offenheit und aller Modernität im politischen Stil in grundsätzlich weltanschaulichen Fragen fest auf dem Boden dessen steht, was gerade aus Kreisen der Korporationen gedacht und gelebt wird.

Herbeigeredete Flügelkämpfe in den freiheitlichen Reihen und aufgebauschte Skandale gehören zum Instrumentarium der etablierten Strategen gegen den FPÖ-Aufstieg. Allein, ob sie Erfolg bringen, darf bezweifelt werden. Spätestens nach dem zu erwartenden desaströsen Ergebnis der Griechenland-Wahl oder dem bevorstehenden Spanien-Crash dürfte die „Affäre Graf“ Schnee von gestern sein. Und die freiheitlichen Umfragewerte werden wieder in die Höhe klettern. Und was dann?


E-Mails an: debatte@diepresse.com

Zum Autor

Andreas Mölzer (*2.12.1952 in Leoben) studierte Jus, Geschichte und Volkskunde an der Uni Graz. Seit 2004 Abgeordneter der FPÖ im Europaparlament. Seit 1997 Mitherausgeber und Chefredakteur der von ihm mitbegründeten deutschnationalen Wochenzeitung „Zur Zeit“. Zahlreiche Publikationen. [Clemens Fabry]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)

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10 Kommentare

Herrlich :-)

Endlich wieder einmal ein Gastkommentar eines Freiheitlichen!

Die Presse muß viel öfter FPÖler schreiben lassen.

Gast: ausgerechnet bananen
11.06.2012 21:20
1 4

wo sehen sie, geehrter herr schriftleiter...

wo sehen sie, geehrter herr schriftleiter mölzer, "jugendliche offenheit und eine modernität im politischen stil" bei strache?
der mann kommt doch jederzeit sowas von verkniffen und verklemmt in die öffentlichkeit - permanent künstlich "empört" über irgendeinen flatus...
und ad "modernität im politischen stil": dieser stil war wahrscheinlich zur zeiten von strasser aktuell.
von gregor, nicht von ernst.

Gast: Luzifer
11.06.2012 13:37
1 1

Auch der Beruf eines Rechtsanwaltsanwärters

ist ehrenwert! Es gab auch sehr bekannte Strafverteidiger, die als RAA mit der "großen LU" sehr erfolgreich vor Strafgerichten agierten ...

Daß Graf sich nicht implicite mit einer nicht abgelegten Berufsprüfung "schmückte", dürfte stimmen. Tatsächlich ist sein Beruf auf der Website "meine.abgeordneten.at" nicht mit "Rechtsanwalt", sondern als "Politiker", Mitglied von ein paar unbedeutenden Aufsichtsräten etc. angegeben ...

Andererseits sollte man auch nicht vergessen, daß die "Tätigkeiten" einiger FPÖ-Politiker während der Schüssel-Zeit die Politik in Verruf gebracht haben und daß die FPÖ mit ihrer Packelei mit den Roten ihren früheren Koalitionspartner ÖVP massiv geschadet hat! Man erinnere sich außerdem nur an den ORF-Putsch, wo seither die Roten das Sagen haben ...

Re: Auch der Beruf eines Rechtsanwaltsanwärters

Der Unterschied zu den früheren ÖVP/SPÖ-Skandalen besteht allerdings nur darin, dass früher einfach niemand da war, der es vernünftig angeprangert hätte.

Mit der SPÖ war ein weitschweifig vernetzter Opposositionsspieler da, der europaweit die Register gegen ÖVP/FPÖ gezogen hat.

Es ist doch irgendwie recht simpel: wirft man mit genug Dreck bleibt irgendwann auch auf der saubersten Fläche irgendwas picken. Nicht dass die FPÖ sauber wäre - aber was anno dazumal unter dem Euphemismus "Sozialpartnerschaft" abgelaufen ist, dagegen sind die heutigen Skandale ja lächerlich.

Schuss ins eigene Knie

Jeder, der die FPÖ bisher nicht mochte, wird sie jetzt vielleicht noch weniger mögen - ja....und weiter?

Falls diese Kampagne darauf abzielte, Wähler von der FPÖ abzuwerben, geht sie mE definitiv nach hinten los. Diese peinliche Hetze, die an allen Gerichtsinstanzen vorbei eine mediale Vorverurteilung erreichen will, steht im diametralen Gegensatz zu rechtsstaatlichen Grundsätzen und entspricht insofern recht gut der Politik Faymanns, die ohnedies großteils über Krone/etc. praktiziert wird.
Wenn, dann erreichen die Großparteien maximal eine Mobilisierung jener, die FPÖ-freundlich sind aber eventuell nicht zur Wahl gegangen wären.

Ich bin übrigens überzeugter Nicht-FPÖ-Wähler. Aber dieses Kasperltheater ist einfach nur unwürdig.

Gast: 1. Parteiloser
11.06.2012 08:23
1 0

Jetzt ist die Optik beim Hrn. Graf perfekt um den Misthaufen bei der Gesetzgebung als Präsi auch zu repräsentieren!

Da hocken doch schon lange nur Interessensvertreter (Lobbyisten), welche sich schon traditionell das Recht in eigener Sache machten. Genauso schaut auch die Umverteilung in Österreich aus. Da geht es schon um Staatsausgaben von irren 155 Mrd. Euro pro Jahr, also 44.000.- Euro pro Haushalt, welche zu 3/4 in den geschützten Bereichen verbrannt werden.

Es sind aber nur noch grausige Typen aus den geschützten Bereichen (die (Genossenschafts)Banken, Versorger, Großlandwirte, Nahrungsmittelindustrie sind auch geschützte Bereiche!) welche die Gesetzgebung bestimmen. Es sind also Typen, welche sich nicht nur das Recht in eigener Sache beugen, die machen sich das Recht in eigener Sache gleich selbst.

Der Neugebauer hat schon immer als Präsi der Gesetzgebung hervorragend gepasst, jetzt passt der Martin Graf (mit seiner Umverteilung in die eigenen Taschen) auch perfekt als Repräsentant dieses Misthaufens. Der Martin Graf hat ja auch noch etwas für seine Mitmenschen geleistet, immer nur auf Kosten seiner Mitmenschen herrlich gelebt.

Die Farben der einzelnen Typen des Misthaufens, auch die Ebene auf welcher diese in Erscheinung treten, die spielen schon lange keine Rolle mehr. Die Interessensgruppe rund um die FPÖ, die traten ja auch als LIF/BZÖ und FPK in Erscheinung. Noch etwas für Ö gemacht, immer nur im eigenen Interesse gehandelt.

Passt alles herrlich zum korrupten Inseratenkanzler und zum amtsmissbrauchenden Vizekanzler.

Ersparen Sie uns doch das "wir sind opfer" gefasel!!

Was man so höhrt, und das wird mit sicherheit nicht von den linkslinken medien erfunden worden sein ist, dass viele juristen den stiftungsvertrag den herr graf mit der dame abgeschlossen hat, ein reiner knebelvertrag an der grenze zur sittenwidrigkeit war, der einer enteignung sehr nahe kommt.

auch wenn alles an der sache legal sein sollte, so wirft es dennoch ein schlechtes bild auf graf!
Denn fakt ist als Dirtter Nationalratspresident verdient er genug, da braucht er sich nicht auch noch durch solche dubiosen geschichten bereichern.
Außerdem ist er als nationalratspresident in einem sehr hohen Amt, das manchmal auch als formel zweit höchstes im staat bezeichnet wird, da muss man einfach anständiger sein als es vielleicht der durchschnittsbürger ist

Gast: Gerne nur Gast
10.06.2012 20:01
12 2

Man muss die FPÖ weder mögen noch wählen,

aber eines ist klar:
Die untergriffige Schmutzkampagne von RotGrün gegen die FPÖ ist schlicht und einfach eine permanente TATSACHE, vom FPÖ-Ball bis eben jetzt zur "Affaire" - ihr einziges Ziel ist die ZERSTÖRUNG des politischen Hauptkonkurrenten, und der Zweck heiligt die dreckigen Mittel.

Danke, Herr Mölzer

für diese qualifizierte Auslegung der Vorbildfunktion von Politikern: "gewieft" genug zu sein, um sich keine juristischen "Blössen" zu geben.
Für das Ansehen das Amtes eines Dritten Nationalratspräsidenten ist es in der Tat sehr beruhigend, dass "kaum einer, der den gewieften Juristen kennt, (daran) zweifelt", dass er dieses Kriterium erfüllt.

Antworten Gast: Markus Renner
11.06.2012 13:58
1 2

Re: Danke, Herr Mölzer

Kann Dan Eckert nur zustimmen. Außerdem lese ich in Mölzers Text nichts, das meinen Eindruck von Martin Graf entkräften könnte: "Eine Art juristischer Handtaschel-Räuber, ein politischer Witwenschänder, der mit seinen Untaten alles konterkariert, wofür eine fundamental oppositionelle „Partei des kleinen Mannes“ steht." Besser hätt ich's auch nicht sagen können.

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