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Polen: Keynesianisches Wirtschaftswunderland an der Weichsel

FRANZ NAUSCHNIGG (Die Presse)

Christian Ortner irrt: Es waren keine neoliberalen Reformen, die zur guten wirtschaftlichen Entwicklung Polens beigetragen haben.

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Christian Ortner behauptete in seinem „Quergeschrieben“ („Presse“ vom 8.Juni), dass Polen seine gute wirtschaftliche Entwicklung in der Krise neoliberalen Reformen und nicht Keynesianischen Rezepten verdanke. Das aber ist rein objektiv falsch, wie ein kurzer Blick in die Daten der EU-Kommission (Frühjahresprognose 2012) zeigt.

Gerade Polen hat in der Krise in besonders starkem Ausmaß Keynesianisches Deficit Spending (das von Ortner verteufelte Schuldenmachen) eingesetzt, um seine gute wirtschaftliche Entwicklung zu erreichen. Das polnische Maastricht-Defizit stieg von 1,9 Prozent des BIP 2007 auf 7,8 Prozent im Jahr 2010. Es lag damit 2010 wesentlich über jenem der gesamten EU (6,5 Prozent des BIP), des Euroraums (6,2%) und Österreichs (4,5%). Erst heuer soll das polnische Maastricht-Defizit wieder auf drei Prozent sinken.

Wie stark die polnische Fiskalpolitik das Wirtschaftswachstum stützte, zeigt ein Blick auf die zyklischen Budgetdefizite. Diese stiegen in Polen von 2,8 des BIP 2007 auf 7,5 Prozent im Jahr 2010 – und damit wesentlich stärker als in der gesamten EU (von 2,2 auf 5,4 Prozent des BIP).

Eine besondere Stütze des polnischen Wirtschaftswachstums waren dabei öffentliche Investitionen, die von 4,2 des BIP 2007 auf 5,8 Prozent im Jahr 2011 anstiegen und jetzt im Zuge der Budgetkonsolidierung wieder sinken.

 

Expansive Fiskalpolitik

Vor allem durch diese expansive Fiskalpolitik konnte Polen als einziges EU-Land in der jüngsten Krise eine Rezession vermeiden und wies auch noch am Höhepunkt der Krise 2009 ein Wachstum von 1,6 Prozent auf, während sich alle anderen EU-Länder in einer Rezession (Wirtschaftsentwicklung minus 4,3 Prozent) befanden. Die positive Wachstumsentwicklung hat auch wesentlich dazu beigetragen, dass Polen – obwohl seine Budgetdefizite wesentlich über dem EU-Schnitt lagen – bei der Staatsschuldenentwicklung (Anstieg von 45 des BIP 2007 auf 56 Prozent 2011) besser als der EU-Durchschnitt abschnitt.

 

Niedrige Staatsverschuldung

Dass Polen, wie von Ortner festgestellt, seit 1997 eine Staatsschuldenbremse hat, trug dazu bei, dass Polen mit einer niedrigen Staatsverschuldung in die Krise ging und dadurch Spielraum für eine fiskalpolitische Belebung der Wirtschaft besaß. Durch die bessere Wachstumsentwicklung wird Polen schon heuer wieder eine sinkende Staatschuldenquote, auf 55 Prozent des BIP, aufweisen.

Insgesamt hat daher Polen in der Krise eine geradezu lehrbuchhafte Keynesianische Wirtschaftspolitik mit Deficit Spending betrieben. Hilfreich dabei war die im EU-Vergleich niedrige Staatsverschuldung, welche Spielraum für schuldenfinanzierte Wirtschaftsbelebung ließ. Die Wirtschaftsentwicklung wurde auch noch durch die positiven Effekte der polnischen Strukturreformen in den letzten Jahren unterstützt.

Jetzt schwenkt allerdings auch Polen auf einen Konsolidierungskurs ein, um wieder fiskalpolitischen Spielraum zu schaffen. Dies durchaus in Übereinstimmung mit Keynes, der im Aufschwung für Budgetkonsolidierung plädierte. Die Konsolidierung von Defizit und Schulden in Polen wird durch das robuste Wachstum erleichtert, sodass Polen die Möglichkeit hat, aus den Schulden herauszuwachsen. Man könnte daher durchaus sagen – Europameister Polen: das Keynesianische Wirtschaftswunderland an der Weichsel.

Mag. Franz Nauschnigg ist Abteilungsleiter in der Oesterreichischen Nationalbank, Abteilung für Integrationsangelegenheiten und Internationale Finanzorganisationen. Die im Artikel vertretenen Positionen stellen die persönliche Meinung des Autors dar.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2012)

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7 Kommentare
Gast: perun
31.07.2012 08:00
1 0

oje, oje, oje...

der herr nationalbankbeamte hat einiges übersehen. macht nichts, denn der qualitätsanspruch im gesamten österr. bankensektor (inkl. nb) ist ja nicht sehr hoch.
1.) es war der außenbeitrag, der zu dem wachstum in polen 2009 beigetragen hat. das starke absinken der importe im vergleich zu den exporten (die ebenfalls eingebrochen sind, aber eben nicht so stark, vielleicht auch dank des schwachen zloty) hat als einziges positiv zum wachstum beigetragen. mit anderen worten: wäre das defizit nicht so hoch ausgefallen, wäre im besagten jahr vermutlich das wachstum noch höher gewesen.
2.) trotzdem nehmen wir an die inlandsnachfrage wäre über staatsausgaben tatsächlich gestützt worden. dann frage ich mich aber warum länder wie die slowakei oder tschechien, die auch ihre defizite ausgefahren haben nicht auch ein positives wachstum hatten?
3.) diese lobeshymnen auf aktionen von politikern (wie in diesem fall dem deficit spending) sind völlig fehl am platz und unprofessionell. behavioural finance lässt grüssen: zufällige ereignisse werden kausal mit anderen ereignissen in zusammenhang gebracht, obwohl beides nichts miteinander zu tun hat. es ist einzig zufall, dass die parameterkonstellation der polnischen wirtschaft (marginale importneigung etc.) so gelagert ist, dass sich 2009 ein wachstum ausgegangen ist. alles andere ist reine illusion. kein einziger politiker in polen hat zum wachstum beigetragen. tusk wollte aus polen sogar irland machen und ist gott sei dank damit gescheitert.

ich glaube, weil es absurd ist

"Abteilungsleiter in der Oesterreichischen Nationalbank", soso.

na, das sind doch die, die das böse, böse papiergeld drucken! so einem kann man als anhänger der reinen, unverfälschten marktwirtschaft und des goldstandard ohnehin nix glauben.

es ist mir auch wurscht, was in "Daten der EU-Kommission (Frühjahresprognose 2012)" so vorkommt, ebensowenig interessieren mich die "zyklischen Budgetdefizite" oder die genaue höhe von sowas linkslinkem wie den "öffentliche[n] Investitionen". das will ich alles gar nicht wissen!

ich glaube nur, was ortner, schell& co schreiben, für mich und die überwältigende mehrheit der marktwirtschaftlichen leserschaft gilt das alte und bewährte prinzip: CREDO QUIA ABSURDUM!

merks, herr abteilungsleiter! wahrscheinlich haben sie auch noch sowas wie vwl studiert, dann sind überhaupt schon jenseits von gut&böse, denn damit haben sie sich mit nicht-hayekainischen gedankengut infiziert! WEICHE, SATAN!

wer glaubt, ortner & co. mit fakten überzeugen zu können...


...der irrt sich gewaltig. mit ihren statistiken und ihrer faktenhuberei haben sie sich nur als hoffnungsloser sozialist geoutet! ortner zu widersprechen bedeutet dem MARKT untreu zu werden; wer nachdenkt ist schon irgendwie verdächtig, und überhaupt: als staatsangestellter sind sie sowieso voreingenommen, ein berufsmäßiger etatist, dessen meinung daher egal ist.

so oder ähnlich werden sie es lesen, falls markt-spiritist o. sie überhaupt einer antwort würdigt. denn aufs niveau der fakten, zahlen und daten, dieses ganzen sozialistischen spiels von argument, rede und widerrede begibt sich der wahre gläubige MARKTANBETER ohnehin nur äußerst ungern.


Gast: Luzifer
13.06.2012 21:18
7 0

Daß die Polen rechtzeitig gespart haben, ist sicher richtig!

Aber etwas ganz Wesentliches sollte man auch nicht übersehen: viele Polen haben im Ausland gut verdient und ihre Ersparnisse nachhause überwiesen, weil nicht die Gefahr bestand, daß sie vom Staat "geraubt" werden.

Noch viel wichtiger ist aber die Konkurrenzfähigkeit der polnischen Wirtschaft durch die sehr niedrigen Löhne. Mit Kollektivabschlüssel a la Deutschland oder Österreich, dh. ohne Substituierung des fehlenden Kapitals durch die billige Arbeitskraft würden Polen ebenso "dahinkrebsen" wie die einstige Ost-Zone!

???

Die Diskussion ist doch hanebüchen.

Wenn Polen einmal Nettozahler ist, kann man über die richtige Wirtschaftspolitik diskutieren, vorher dreht es sich doch nur um die Frage, wieviel deutsches, österreichisches, niederländisches etc. Geld für deficit spending ausgegeben wurde oder nicht.

Antworten Gast: frueheer
14.06.2012 19:37
0 1

Re: ???

Das wird früher geschehen, als Sie glauben.

Re: Re: ???

Wann auch immer, erst dann kann man von Wirtschaftswunder reden.

Und früher als nie ist ja doch irgendwann...

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