18.06.2013 09:07 Merkliste 0

Was soll der Papst sein? „Raben“ wollen mehr als nur Indiskretion

HANS WINKLER (Die Presse)

„Vatileaks“. Bei den jüngsten Enthüllungen aus dem Vatikan geht es nur vordergründig um Geld. Es geht um die Bewertung des jetzigen Pontifikats.

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Dejà-Vu

„Für einen Kammerdiener gibt es keinen Helden ... aber nicht darum, weil dieser kein Held, sondern weil jener der Kammerdiener ist.“

Georg W. F. Hegel in „Phänomenologie des Geistes“

Es wirkt einigermaßen heuchlerisch, wenn Gianluigi Nuzzi, der Autor des Buches „Sua Santit'a“ mit den vom Schreibtisch des Papstes entwendeten Dokumenten, sich nun als Verteidiger der Kirche darstellt, als Held der Wahrheit und als Anwalt von Transparenz und Offenheit.

Um den Diebstahl zu rechtfertigen, gibt Nuzzi ihm ein höheres Motiv: „Geheimhaltung ist das Vorzimmer des Zweifels, des Misstrauens und der Erpressung“, erklärt er. Aber von anrüchiger Geheimhaltung kann überhaupt nicht die Rede sein.

Über den Tisch eines wichtigen Mannes wie des Papstes geht vieles, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, ohne dass man gleich von „Geheimhaltung“ reden muss. Dass Briefe und persönliche Mitteilungen, Redeunterlagen und Aktennotizen bei dem bleiben, an den sie gerichtet sind, ist die Grundlage jedes Vertrauens.

Aber Nuzzi ist dem Anschein nach ohnehin keine Hauptperson in dem Drama. Er konnte die Papiere als Buch erst herausgegeben, nachdem die interessantesten schon vorher in „Il Fatto quotidiano“ erschienen waren, einer Tageszeitung, die zum Mailänder Verlagshaus der Familie Benedetti gehört. Zu dem Haus gehören auch die Magazine „Panorama“ und der einflussreiche „L' Espresso“ sowie die große Tageszeitung „La Repubblica“.

In diesem Umfeld liegt auch die Adresse, an der die Dokumente abgegeben wurden, denn dort werden immer wieder Papiere veröffentlicht. Ob die Empfänger auch die Auftraggeber sind, weiß man nicht, man darf es aber vermuten.

In solchen Kriminalfällen wird in den Medien gern die Wendung benutzt: „zugespielt bekommen“. Das ist meistens eine Verharmlosung des Tatbestandes. Zwischen „zugespielt bekommen“ und eigener Aktivität, sie aufzutreiben, liegt oft nur ein sehr schmaler Grat. Das ist wohl auch diesmal der Fall gewesen.


Undurchsichtige Vorgänge

Niemand glaubt, der seit drei Wochen in Untersuchungshaft sitzende, allgemein als „Kammerdiener“ bezeichnete Paolo Gabriele, ein untergeordneter Mitarbeiter in der „prefectura della casa pontificia“, dem päpstlichen Haushalt, habe aus eigenem Antrieb und nicht im Auftrag gehandelt. Gabriele ist nur einer von mehreren „Raben“, wie sie das Magazin „Panorama“ nennt. Der Rabe steht in Italien für das, was bei uns die „diebische Elster“ ist. Anzunehmen, dass einige „gute Christen“, wie Nuzzi uns weismachen will, nur aus Sorge um die Kirche systematisch Papiere aus dem Vatikan stehlen und sie zu einer Zeitungsredaktion tragen, wäre mehr als naiv.

Aus den undurchsichtigen Vorgängen lassen sich ein innerkirchlicher Strang und eine Komponente von außerhalb der Kirche herausschälen. Im innerkirchlichen Bereich ist der heikelste Problembereich die Vatikan-Bank, das Istituto per le opere religiose (IOR). Wie sein Name sagt, ist es weniger eine Bank – mit einer Bilanzsumme von 5 Milliarden Euro übrigens ein sehr kleines Institut –, sondern eine Überweisungsstelle von Hilfsgeldern an Kirchen und kirchliche Einrichtungen rund um die Welt. Die Mehrheit der Ortskirchen ist ja arm und auf Hilfe aus Rom und den wohlhabenden Ländern angewiesen.


Ein Institut für Geldwäsche?

Aus dieser Aufgabe erklären sich auch die Praktiken des Instituts, ein Aspekt, der bisher völlig untergegangen ist. In vielen Ländern wird die Kirche verfolgt. Zuweisungen müssen also oft an staatlichen Kontrollen und örtlichen Banken vorbeigeschleust werden.

Daher gibt es viele intransparente Vorgänge, versteckte Konten und undurchsichtige Kontobewegungen. Das könnte auch von Anlegern missbraucht worden sein. Kein Wunder, dass die Bank deshalb in Verdacht geraten ist, ein Institut zur Geldwäsche zu sein.

Nach einem Auftrag des Papstes sollte die Bank von der schwarzen Liste der verdächtigen Institute gebracht werden und sich den OECD-Regeln für saubere Finanzinstitute unterwerfen. Das ist bisher nicht geschehen. Unter den an die Öffentlichkeit geratenen Dokumenten ist daher eines der wichtigsten ein Brief von Kardinal Attilio Nicora, dem Chef der vatikanischen Finanzaufsichtsbehörde, der sich darüber beschwert, dass das IOR sich weigere, verdächtige Bankbewegungen offenzulegen. Manche deuten die Vorgänge um die Bank als einen Kampf um die Gelder des Vatikan.

Für einen seit vielen Jahren im Vatikan beschäftigten Deutschen ist das alles symptomatisch für die schlechten Seiten der Italianità, die in den Verwaltungsbereichen des Vatikan herrsche. Dort gebe es – im Gegensatz zu den übrigen Kurienämtern – so gut wie keine Ausländer. Es sei etwa ein offenes Geheimnis, dass bei Lieferungen in den Vatikan Schmiergeld – eine „tangente“ – bezahlt werden muss. Er weist darauf hin, dass die Enthüllungen von „Vatileaks“ fast ausschließlich diese Bereiche betreffen – und das Staatssekretariat und seinen Leiter Kardinal Tarcisio Bertone. Da der allgemein als für sein Amt als ungeeignet gehaltene Bertone aber bald in Pension geht, kann er nicht gemeint sein. Das eigentliche Ziel ist der Papst selbst.


Marco Politis Lob und Tadel

Es geht um die Bewertung seines Pontifikats und den Kurs, den er der Kirche gibt und zu geben versucht. Hier treffen einander die Perspektiven von innen und außen. Als typisch für die Auseinandersetzung, um die es dabei geht, kann die Position von Marco Politi genommen werden, bis vor Kurzem „vaticanista“ bei der „Repubblica“. Der Agnostiker Politi lobt den Papst überschwänglich: „Er war sehr tapfer in Kuba“, sagt er anerkennend. Er fasziniere die Eliten in Berlin, Prag, New York, könne aber auch den einfachen Menschen in einer römischen Pfarre mitreißend den Glauben erklären. Er liebe Gott, die Menschen und habe soziale Verantwortung.

Dann aber klagt Politi, der Papst habe „kein Gespür für seine Rolle als religiöser Führer“. Man fragt sich, was denn ein „religiöser Führer“ anderes tun solle, als den Eliten wie den einfachen Menschen den Glauben zu verkünden. Als seine großen Verfehlungen wirft Politi dem Papst die „Krise mit den Juden“, die „Krise mit dem Islam“, die Krise wegen der Pius-Brüder, die „Krise mit der wissenschaftlichen Gemeinschaft“ und mit europäischen Regierungen vor.


Die Kirche als eine Art NGO

Da wird schon klarer, was Politi meint. In allen Fällen, die er aufzählt, hat der Papst nichts anderes getan, als die katholische Glaubenslehre zu definieren und auf allerhöchstem intellektuellen Niveau zu verteidigen – äußerst freundlich und verbindlich übrigens. Das ist Politi zu eindeutig, damit distanziert sich die Kirche von einem allgemeinen Konsens der Unverbindlichkeit.

Ihm wäre vermutlich ein Papst lieber, der die Kirche als eine Art NGO für ein – sei's drum – auch religiös gestimmtes – Weltethos versteht. Benedikt XVI. regiert ihm auch schon viel zu lang, als dass man ihn als eine Übergangserscheinung betrachten könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2012)

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4 Kommentare
Gast: dik
19.06.2012 13:48
0 1

Wen interessiert der Papst oder der Vatikan ?

Glaube an Gott umd Interesse am Vatikan haben miteinander nicht notwendigerweise irgendwas zu tun ....

Antworten Gast: Gerne nur Gast
19.06.2012 18:09
1 0

Re: Wen interessiert der Papst oder der Vatikan ?


die Katholiken, dik, die Katholiken.

Du bist keiner?!

Gast: Gerne nur Gast
18.06.2012 11:09
2 0

Danke für die Botschaft


Ein erhellender und profunder Blick nach innen.

Zu ergänzen wäre, dass das Medienhaus Benedetti links ist, zu vergleichen mit dem Standard.
Wunderbar dazu Politis linkes Statements: die Kirche ist dann "gut", wenn sie eine Sozialorganisation wie jede andere ist.

Gast: gast69787
18.06.2012 09:20
0 0

danke

danke für die Werbebotschaft.

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