22.05.2013 02:10 Merkliste 0

Das reine Gewissen der Annette Schavan

DETLEF KLEINERT (Die Presse)

Ausgerechnet die deutsche Wissenschaftsministerin sieht sich mit schwerwiegenden Plagiatsvorwürfen konfrontiert.

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Si tacuisses, philosophus mansisses – wenn du geschwiegen hättest, wärst du ein Philosoph geblieben (in diesem Falle: eine Philosophin). Nach einer Reihe von aufgedeckten Plagiaten bei Doktorarbeiten darf der jüngste in Deutschland als besonders heuchlerischer Fall von Chuzpe bezeichnet werden.

Ausgerechnet die Wissenschaftsministerin steht nun im Mittelpunkt von Vorwürfen, ausgerechnet sie, die sich im Falle zu Guttenberg erbarmungslos produziert und damit dem Ministerkollegen den entscheidenden Schlag versetzt hatte. Aber sie hat, so sagt sie, ein reines Gewissen.

 

Keine Kleinigkeit

Es geht um Annette Schavan, enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im Jahre 1980 an der Düsseldorfer Universität mit der Arbeit über „Person und Gewissen – Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeiten und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung“ promoviert wurde. Obwohl damals „copy and paste“ noch nicht üblich war, die Doktorandin also mit einem Zettelkasten arbeiten musste, sind bei Frau Schavan 56 von 325 Seiten, Inhalts- und Literaturverzeichnis nicht mitgerechnet, betroffen – keine Kleinigkeit also.

Wir erinnern uns: Im Falle zu Guttenberg trat Frau Schavan (sonst eine graue Maus, von der kaum jemand etwas hört) mit dem infamen Satz an die Öffentlichkeit, sie schäme sich nicht nur heimlich. Die Medien bezeichneten diesen Satz als den „Todeskuss“, der zum Rücktritt führte. Auch ihr höhnisches Grinsen ist auf Fotos dokumentiert, als der Verteidigungsminister schließlich zur Strecke gebracht war. Ihr Gewissen scheint im Jahre 2011 jedenfalls weniger präsent gewesen zu sein als 1980.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat die Vorwürfe gegen Frau Schavan untersuchen lassen und ist zu folgendem Ergebnis gekommen: „Der Plagiatsexperte und Münchner Jura-Professor Volker Rieble sagte der ,Süddeutschen Zeitung‘: ,Sollten die Belegstellen stimmen, so würde ich dies als Plagiat ansehen.‘ Die Übernahmen ließen sich nicht als ,Graubereich‘ des gerade noch zulässigen Zitierens einordnen, ,dafür gibt es zu viele Wortidentitäten‘. Zusammen mit den anderen aufgeführten Textstellen werde ,eine Arbeitsweise deutlich‘.“

 

„Kein Zufall, sondern Absicht“

Rieble ist der Meinung, in Schavans Arbeit seien alle möglichen Arten von Plagiaten zu finden: „Das ist kein Zufall und auch kein Irrtum, sondern Absicht.“ Und auch der Berliner Rechtsprofessor Gerhard Dannemann sagte dem „Focus“, es liege ein „gravierendes wissenschaftliches Fehlverhalten“ vor. Der österreichische Medienwissenschaftler und Plagiatsexperte Stefan Weber schließlich sagte, der Umfang bekannt gewordener Textstellen aus Schavans Dissertation genüge, um die Arbeit „wissenschaftlich wertlos“ zu machen.

Auch in der CDU Baden-Württembergs (Frau Schavans Landesverband) „brodelt es“, wie der Chef der Jungen Union berichtet. Für die Wissenschaftsministerin liege die moralische Messlatte besonders hoch, „darunter kann und darf sie jetzt nicht so einfach hindurchtanzen“.

 

Wirbel um „Schavanplag“

Aber wie der Zufall so spielt: Auf einmal war der Blog mit den Plagiatsvorwürfen „Schavanplag“ nicht mehr erreichbar. Die Seite Schavanplag sei, so hieß es auf der Plattform „wordpress.com“, wegen Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen („Terms of Service“) archiviert oder suspendiert worden. Inzwischen ist sie wieder da. Frau Schavan betonte natürlich sofort ihr reines Gewissen, das sie auch bezüglich ihrer Dissertation hat. Irgendwelche Fragen?

Professor Detlef Kleinert begann seine berufliche Laufbahn beim Bayerischen Fernsehen. Er war unter anderem Südosteuropa-Korrespondent der ARD in Wien.


E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)

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2 Kommentare
Gast: radius
25.06.2012 22:54
0 0

Hochmut kommt vor dem Fall.

Dieses hämische Grinsen zusammen mit der Frau Bundeskanzler bei der Verabschiedung von Guttenberg, war schon merkwürdig. Schön, dass es solche Menschen auch aufblattelt.

Schöööööön !! Gerade diese Krätze !!


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