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Österreichs Nachbarn mit dem „Schuldenbremse-Gen“

24.06.2012 | 18:27 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Vor 20 Jahren berieten Tschechen und Slowaken über die Auflösung ihres gemeinsamen Staates. Es wurde eine samtene Scheidung.

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Die jüngeren Leute lernen heute in der Schule, dass es einst, vor gar nicht so langer Zeit, ein einziger Staat war, der Österreich im Norden und Nordosten umschloss: die ČSR, dann ČSSR, schließlich ČSFR – drei Kürzel, ein Staat, die Tschechoslowakei. Vor 20 Jahren standen Tschechen und Slowaken in intensiven Verhandlungen, wie sie ihren gemeinsamen Staat auflösen und getrennte Wegen gehen könnten, was dann mit 1. Jänner 1993 auch geschah. Es wurde eine beispiellos zivilisierte und friedliche Trennung dieses mitteleuropäischen Staatsgebildes – in einer Zeit, als gar nicht so weit entfernt, in Südosteuropa, die Auflösung eines Staates, Jugoslawien, extrem blutig und grausam verlief.

Der „samtenen Revolution“ von 1989 folgte also eine „samtene Scheidung“. Martin M. Šimečka, Chefredakteur des tschechischen Wochenmagazins „Respekt“, aber hegt noch immer nostalgische Gefühle für die Tschechoslowakei. Sein Herz hat noch eine slowakische und eine tschechische Kammer – wie dereinst sein Vater, der Philosoph und Bürgerrechtler Milan Šimečka, das Wesen des dualen Staatsgebildes beschrieben hat. In „Salon“, einer kulturpolitischen slowakischen Website, hat Martin Šimečka Ende Mai einen außergewöhnlich aufschlussreichen Essay über Tschechen, Slowaken und ihre samtene Scheidung veröffentlicht (auf Deutsch nachgedruckt im Prager Kulturmagazin „Letna Park“).

Als Beispiel für die nach wie vor einzigartige Beziehung der beiden Nationen auch nach ihrer Trennung vor 20 Jahren führt er an: Spielen Tschechien und die Slowakei in einer Eishockey-WM gegeneinander, steht jede Nation eisern hinter ihrem Team. „Fällt aber ein Team aus der Konkurrenz, unterstützen tschechische oder slowakische Fans sofort und mit der gleichen Vehemenz die Mannschaft, die noch im Wettbewerb verblieben ist.“ Und doch seien Tschechen und Slowaken „trotz aller ihrer äußeren Ähnlichkeiten tief im Inneren wirklich verschieden“, hat Šimečka beobachtet.

Als erstes Unterscheidungsmerkmal nennt er die Sprache: „Tschechisch, historisch gesehen älter und reicher, ist aggressiv und herrschsüchtig“; „Slowakisch ist weich und melodiös.“ Und Šimečka spekuliert: „Ein Grund für den Zerfall der Tschechoslowakei war vielleicht, dass die Slowaken sich durch die verbale Vorherrschaft tschechischer Politiker gedemütigt fühlten.“ Einen weiteren markanten Unterschied sieht er in der Wahrnehmung der Natur: Tschechen betrachteten die Natur als Teil ihrer menschlichen Welt, sie soll ihr entsprechen („deshalb wurden bereits im 19. Jahrhundert alle Bären und Wölfe ausgerottet“). Die Slowaken hingegen sähen die Natur als separate, unabhängige Welt, die den Tieren gehöre und die für die Menschen gefährlich sei.

Die Slowaken, so Šimečka, hätten auch eine realistischere Einschätzung der Position ihres Landes „an der Peripherie“, während sich die Tschechen gern selbst als Rebellen in hussitischer Tradition sähen, „die sich verhalten wie die Briten“ und deshalb auch zu den größten EU-Gegnern gehörten. Verschieden sei auch die Haltung zum Geld, wobei die Slowaken „die Tschechen für Geizhälse“ hielten. Gemeinsam aber wiederum sei beiden Nationen, dass seit den 1920er-Jahren, als die Tschechoslowakei berühmt für ihre starke Währung war, die „Idee strikter finanzieller Disziplin eingeimpft ist, die als historische Verpflichtung für jede Regierung gilt“. Sogar das KP-Regime zu ČSSR-Zeiten habe, im Gegensatz etwa zu den KP-Machthabern in Polen und Ungarn, so gut wie keine Schulden hinterlassen. Ein solches „Schuldenbremse-Gen“ hätten wir Österreicher auch sehr gern.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)

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4 Kommentare
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bei all der nostalgieerei über die cssr

sollte man dennoch erinnern, dass dieser staat nach der größten und der 3. größten bevölkerungsgruppe benannt wurde. aber die vertreibung der deutschen war wohl schon bei der gründung in den genen angelegt, sonst hätte das land ja tschechodeutschland heissen müssen.

Antworten Gast: HRGeiger
02.07.2012 14:40
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Wenn Sie schon die Geschichte bemühen ...

... dann bitte die GANZE, und nicht nur den Ausschnitt, der Ihnen gerade passt.

In der Zwischenkriegszeit war die Tschechoslowakei eine "Donaumonarchie im Kleinen", wo neben Tschechen und Slowaken auch Polen, Ruthenen und Sudentendeutsche lebten. Letzere hatten ihre eigenen Gymnasien, in Prag stand die deutschsprachige Karls-Universität, es gab sudetendeutsche Minister in fast allen Kabinetten - sprich, für die damalige Zeit vorbildlicher Minderheitenschutz. Dann kam 1938, und plötzlich war der Staat auf die umliegenden Länder aufgeteilt, der Rest war ein Protektorat des Großdeutschen Reichs, wurde für den deutschen Aggressionskrieg ausgebeutet und drangsaliert, und war (nach dem Krieg) zur Zwangs-Germanisierung bestimmt.

Die Vertreibung der Sudetendeuschen war sicherlich grausam und ein Unrecht - aber sie hatte ihre Vorgeschichte, und diese sollte man genauso erwähnen.

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ekelhaft

und schon wieder einer der die "vertreibung" verharmlost. darf ich jetzt einem tschechischen touristen die brieftasche stehlen, angesichts dieser "vorgeschichte"?

Gast: whoCares
28.06.2012 05:35
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Die Tschechen sollten das Finanzministerium der Wirtschaftsgemeinschaft stellen. In Prag!

. . . es geht nicht an, dass das unfähige Gesindel in Brüssel noch den ganze Superstaat bankrottiert.
Eine Ironie, dass sich Handlanger der Parteien als Wirtschaftsjournalisten agieren.

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