Wie fest können die Grundmauern der russisch-orthodoxen Kirche beschaffen sein, wenn drei junge Frauen im Alter zwischen 22 und 28 Jahren dazu imstande sind, diese jahrhundertealten Fundamente mit einem wenige Minuten dauernden „Punk-Gebet“ vor einem Altar der Moskauer Christus-Erlöser-Kathedrale zu erschüttern, wie ihnen die Anklage unterstellt? Offenbar nicht gar so fest.
Einige der orthodoxen Würdenträger sahen gar schon den „Teufel am Werk“. Der Teufel ist in Russland also weiblich, trägt Strickmasken, hüpft wild herum und singt: „Gottesmutter, verjag endlich den Putin.“ Dieser Teufel spottet auch über „schwarze Soutanen, goldene Schulterstücke“, spielt damit unverblümt auf die Verbindung der russischen Kirchenoberen mit dem Geheimdienst an, heiße dieser KGB oder FSB. Und er fordert Patriarch Kyrill frech auf: „Gundyay, glaube besser an Gott, nicht an Putin.“ (Gundyay ist der Vorname des Patriarchen.)
Ob es eine gute Idee der Punkband „Pussy Riot“ war, ausgerechnet in der größten Moskauer Kathedrale mit einem bizarren Auftritt auf die ungesunde Verbindung zwischen Kirche und Staat in Russland hinzuweisen, muss diskutiert werden. Eine solche Provokation etwa im Stephansdom oder im Petersdom in Rom würde auch hierzulande gewiss viele Gläubige schwer verärgern und nach Sanktionen rufen lassen. Nadeschda, Maria und Jekaterina wissen das, sie haben sich zum Auftakt ihres Prozesses vergangene Woche im Gerichtssaal bereits bei jenen entschuldigt, deren religiöse Gefühle sie mit ihrem Auftritt im vergangenen Februar verletzt hätten.
Freilich, der Kern der Kritik von „Pussy Riot“ bleibt und zielt auf die „Verhaberung“ des Moskauer Patriarchats mit dem Kreml. Die manifestierte sich etwa darin, dass Kyrill die bisherige Putin-Herrschaft als „Wunder“ lobpreiste. Aber die Vision des Patriarchen Kyrill sei eben „eine starke Kirche in einem starken Staat“, schreibt der polnische Historiker Jacek Borkowicz in Heft 3/2012 der Krakauer Zeitschrift „New Eastern Europe“. Obwohl Kyrill wahrscheinlich sogar ahne, dass zu große Abhängigkeit von der Regierung seine Kirche wieder in die „Cäsaropapismus-Falle“ hineintappen lassen könnte, wie schon einmal während der Zarenzeit. Borkowicz sieht in Kyrill sogar einen moderaten Reformer, dem es obliege, der orthodoxen Kirche aus ihrem gegenwärtigen Schwächezustand herauszuhelfen, mitverursacht durch die Abhängigkeit von den korrupten Strukturen der Staatsmacht.
Glaubt man freilich dem russischen Philosophen Michail Ryklin in der neuesten Ausgabe von „Lettre International“, hat sich der Patriarch schon längst selbst in der Korruptionsfalle verfangen. Er trägt 30.000 Euro teure Uhren am Handgelenk, hat sich eine Nobelwohnung im Moskauer Zentrum im Wert von anderthalb Millionen Dollar gesichert, soll eine Villa in der Schweiz besitzen, früher im Handel mit Tabak, Erdöl und Meeresfrüchten tätig gewesen sein, ein Privatflugzeug sein Eigen nennen. Angeblich beträgt sein Vermögen rund vier Milliarden Euro – ob das wirklich alles Spenden von Gläubigen sind? Ryklins Befund: „In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert; manch einer lobt den Herrn und benimmt sich gottloser als einst die Atheisten.“ Das daraus resultierende schlechte Gewissen der orthodoxen Kirchenführung aber bekommen jetzt drei ausgeflippte, sympathische junge Russinnen brutal zu spüren.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)















