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Afghanistans Schicksalsjahr 2014: Stabilisierung oder Bürgerkrieg

19.08.2012 | 18:24 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Führende US-Zeitschriften denken darüber nach, was nach dem Abzug in zwei Jahren am Hindukusch alles passieren könnte.

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Rund 2000 gefallene US-Soldaten und 16.000 Verwundete, mehr als 12.000 getötete afghanische Zivilisten allein in den vergangenen fünf Jahren, Kriegskosten von bisher 400 Milliarden Dollar: Das sind nur einige Zahlen des mittlerweile bereits elfjährigen westlichen Afghanistan-Engagements. In zwei Jahren, 2014, wollen sich die USA und ihre in der Internationalen Afghanistan-Schutztruppe (ISAF) versammelten Verbündeten mit allen Kampftruppen aus dem zentralasiatischen Land zurückziehen. Wie viel westliches Militärpersonal (Ausbildner, Aufklärer, Spezialtruppen) nach 2014 noch am Hindukusch stationiert bleibt, ist noch nicht entschieden. Und völlig unklar ist, was danach kommen wird.

Fast alle wichtigen amerikanischen politischen Zeitschriften widmeten sich zuletzt der Frage, was aus Afghanistan nach dem Abzug werden könnte. Das hänge, so heißt es da überall, nicht allein von den Afghanen, sondern genauso von den Nachbarn ab. In der Zeitschrift „Current History“ (April-Heft) beschreibt der Bostoner Anthropologie-Professor Thomas Barfield zwei Szenarios: Im positiven wirken die Nachbarn im eigenen Interesse auf ein friedliches und stabiles Afghanistan hin; im negativen Szenario wird Afghanistan der Schauplatz eines neuen Stellvertreterkriegs zwischen Pakistan und Indien, stürzt das Land in einen neuen Bürgerkrieg.

Der Reporter Exter Filkins zitiert in seinem umfangreichen Essay im „New Yorker“ (9. Juli) einen afghanischen Informanten, der überzeugt ist, dass in seinem Land nach dem Abzug der ISAF das wahllose Morden wie in den 1990er-Jahren wieder anfangen werde. „In dem Moment, in dem die Amerikaner weg sind, beginnt der Bürgerkrieg“, prophezeit auch ein Provinz-Gouverneur.

In der Zeitschrift „The American Interest“ (Mai/Juni) argumentiert Rajan Menon, Professor für internationale Beziehungen, dass sich die Taliban nach dem Abzug der ausländischen Truppen einer schwachen afghanischen Regierung gegenübersehen werden, die durch Inkompetenz und Korruption schwer kompromittiert sei: „Das heißt aber nicht, dass den Taliban die Macht wie eine reife Frucht in die Hände fallen wird: Die afghanischen Streitkräfte und die Milizen, die loyal zu ihren Warlords stehen, werden sich den Taliban entgegenstellen.“

Das Um und Auf, dass kein neuer Bürgerkrieg ausbreche, seien zusammenhaltende und effiziente Streitkräfte, ist Filkins überzeugt. Die gute Nachricht sei, dass das auch US-Präsident Barack Obama und andere westliche Führer wüssten und nach dem Abzug ihrer Kampftruppen sicherstellen wollten, dass Armee und auch Polizei zusammenhalten. Die Kernfrage dabei sei freilich, wer die afghanischen Sicherheitskräfte nach 2014 finanzieren werde; es gehe da immerhin um eine Summe von acht Mrd. Dollar jährlich.

Stephen Hadley und John Podesta, zwei frühere US-Spitzenbeamte, argumentieren wiederum eindringlich in ihrem Beitrag in „Foreign Affairs“ (Juli/August), sich bei den Plänen zur anhaltenden Befriedung Afghanistans nicht nur auf militärische Fragen zu konzentrieren, sondern politischen Elementen mehr Augenmerk zu schenken. Dazu zählen sie die Sicherstellung eines verfassungsgemäßen Abgangs von Präsident Hamid Karazi 2014, die Durchsetzung einer Wahlreform, eine größere Rolle für das Parlament, die Aufnahme von Verhandlungen mit den Taliban (wenn diese die afghanische Verfassung respektieren, dem bewaffneten Aufstand abschwören, die Verbindungen zum Terror-Netzwerk al-Qaida kappen) und die Einbettung einer Afghanistan-Lösung in einen größeren regionalen Rahmen, wobei insbesondere Pakistan eingebunden werden müsse.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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