Wenn das Wissen über Russland immer mehr zusammenschrumpft

"Osteuropa" macht in einem Schwerpunktheft eine Bestandsaufnahme zu Russland und beklagt die Defizite in der Expertise.

Osteuropa, die von der Deutschen Gesellschaft für Osteuropakunde herausgegebene Monatszeitschrift, hat wieder ein außergewöhnliches Schwerpunktheft produziert: „Augen auf! Aufbruch und Regression in Russland“. In 35 Beiträgen werden Bestandsaufnahmen der aktuellen Innen- und Außenpolitik gemacht, ebenso der laufenden gesellschaftlichen Umbrüche und Defekte, der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen.

Unter der bleiernen Decke Putin'scher Stabilität rumort es schon seit einiger Zeit, und die krisenhaften Erscheinungen werden in mehreren Beiträgen seziert. Aber nicht nur in Russland kriselt es – es kriselt auch in der wissenschaftlichen Beobachtung dieses Landes. Gerade auch in Deutschland: „Die deutsche Expertise über aktuelle Fragen der Innen- und Außenpolitik Russlands, der gesellschaftlichen Entwicklung und der Wirtschaft schrumpft. Wir sind mit einem erheblichen Wissensdefizit konfrontiert“, beklagt „Osteuropa“-Chefredakteur Manfred Sapper in seiner umfangreichen Momentbeschreibung der deutschen Russlandforschung.

Das Problem ist nicht die historische Russland- und Sowjetunionforschung. An deutschen Universitäten sitzen einige der weltbesten Stalinismus-, Weltkriegs- und Kulturhistoriker. Das Problem ist das weitgehende Fehlen einer sozial-, politik- und wirtschaftswissenschaftlichen Russlandexpertise, wie Sapper schreibt. Kein Wunder dann, wenn Russlandbeobachter die gesellschaftlichen Eruptionen wie die im Dezember 2011 einsetzenden Massenproteste gegen Wahlbetrug und Putins Autokratie überrascht und nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen können.

Zwar gibt es inzwischen ein Übermaß an Studien zu den EU-Russland-Beziehungen und zur russischen Öl- und Gaswirtschaft, die kaum noch jemand liest, weil fast immer dasselbe drinnen steht. Dafür liegen andere außen- und innenpolitische Felder völlig brach. Und die außeruniversitäre Forschung kann die immer größer werdenden Wissensdefizite in keiner Weise wettmachen. Die Situation der Russlandforschung in Österreich, auf die Sapper nicht eingeht, ist im viel, viel kleineren Rahmen spiegelbildlich der deutschen. In der Geschichtsforschung passiert schon immer wieder einmal Neues, zu EU-Russland-Beziehungen und russischer Rohstoffwirtschaft kommt hin und wieder etwas – aber sonst?

Russland nimmt auch in der neuesten Ausgabe der jungen polnischen Fachzeitschrift New Eastern Europe (4/2012) einen prominenten Raum ein. Unter anderem kommen da zwei frühere britische Moskau-Korrespondenten zu Ehren: Einmal wird das neue Buch des „Economist“-Journalisten Edward Lucas über die umfangreiche russische Spionage im Westen („Deception. Spies, Lies und How Russia Dupes the West“) rezensiert. Sodann findet sich ein ausführliches Interview mit dem „Guardian“-Korrespondenten Luke Harding, den die russischen Behörden 2011 rausgeschmissen haben. Auch er hat ein sehr gutes Buch geschrieben („Mafiastaat. Ein Reporter in Putins Russland). Im Interview hält Harding fest: „Die Idee, dass jemand antirussisch ist, der gegen den Kreml opponiert oder die Menschenrechtspolitik des Kreml kritisch beurteilt, ist schlicht und einfach Unsinn.“

Gut gelungen ist auch die Analyse von Jadwiga Rogoža über die Verschiebungen in Putins innerem Machtzirkel seit seiner Rückkehr in den Kreml. Fazit: „Die Politik des Kreml seit Putins Rückkehr lässt jegliche neue Qualität vermissen und verlässt sich auf konservative Szenarien. Der Kontrast zu den Veränderungen, die Russland im letzten Jahrzehnt durchgemacht hat, könnte nicht größer sein.“

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2012)

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