Dumpfheit vor Parteitagskulissen, doch dahinter fliegen die Fetzen

28.10.2012 | 18:24 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Zwei Tage nach der US-Präsidentenwahl wird die Welt nach Peking blicken, wo ein Wechsel an der Führungsspitze ansteht.

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Zwei Tage, nachdem die Amerikaner einen neuen Präsidenten gewählt haben, kommen ab 8. November in Peking 2000 Delegierte aus dem ganzen Land zusammen, um die neue Führung der Volksrepublik China zu küren. Der 18. Parteitag der KP Chinas ist ein mindestens genauso bedeutendes weltpolitisches Ereignis wie die US-Präsidentenwahl – halt nicht so laut, so schrill, so überreizt. Kommunistische Parteitage verlaufen dumpf, spröde, einstudiert – jedenfalls vor den Kulissen. Dahinter aber fliegen die Fetzen – ja, sie sind schon geflogen, wie der tiefe Falle der Paradefigur der Parteilinken, Bo Xilai, in diesem Jahr gezeigt hat.

Politische Zeitschriften überall widmen sich ausgiebig dem chinesischen Parteitag, versuchen zu erklären, was da im Vorfeld alles passiert ist, und zu prognostizieren, was herauskommen könnte. In der US-Zeitschrift „Current History“ rät der Politikwissenschaftler Joseph Fewsmith von der Boston University, genau darauf zu achten, wer in den Ständigen Ausschuss des Politbüros aufrücken wird. Nur so lasse sich herausfinden, ob der designierte neue Führer Xi Jinping jüngere Vertrauensleute in dieses wichtigste politische Entscheidungsorgan bringe, die ihn bei der Umsetzung seiner Visionen unterstützen können. Nur, welche Visionen hat Xi überhaupt?

In der deutschen Zeitschrift „Internationale Politik“, die China in der Oktoberausgabe ebenfalls einen Schwerpunkt widmet, beklagt Oliver Radtke von der Robert Bosch Stiftung, dass sich Xi Jinping und der wahrscheinlich nächste Regierungschef Li Keqiang bisher nicht in die Karten hätten blicken lassen: „Was sie öffentlich sagen, ist beliebig interpretierbar.“ Konsequenz: „Nach wie vor weiß die chinesische Bevölkerung – sofern sie politisch interessiert ist – nicht, wie sie ihre eigenen Führungspersönlichkeiten einschätzen soll.“ Jonathan Fenby, Ex-Chefredakteur der „South China Morning Post“, hat einen anderen Ansatz: „Während Beobachter normalerweise auf Wirtschaft und Politik blicken, könnte die rasante Entwicklung der modernen Gesellschaft, die der traditionell restriktiven Politik der KPCh immer mehr entgleitet, zum tatsächlich größten Test für die Regierung werden.“ Die Macher der deutschen Zeitschrift zeigen sich auch ziemlich mutig: „Auslaufmodell China“ betiteln sie ihren Schwerpunkt zur Volksrepublik.

Das Verhältnis zwischen China und den USA wird die weltpolitische Entwicklung in den kommenden Jahren und Jahrzehnten jedenfalls wesentlich mitprägen. Und noch immer haben US-Präsidentschaftskandidaten, die im Wahlkampf besonders forsch und auftrumpfend gegenüber China aufgetreten sind, nach dem Einzug ins Weiße Haus ihre Rhetorik blitzschnell gemäßigt. Andererseits, wie Andrew Nathan und Andrew Scobell im Oktober-Heft von „Foreign Affairs“ darstellen, sieht die chinesische Elite, vor allem die mit dem Sicherheitsapparat verbundene, die USA als feindliche, aggressive Macht, die fest entschlossen sei, Chinas Aufstieg zur Supermacht abzublocken. Und tatsächlich gibt es immer wieder amerikanische Stimmen, die in dieser Richtung argumentieren und so chinesische Ängste verstärken.

Als ob China nicht auch genug innere Sorgen hätte: Zum Beispiel, mit den Folgen der inneren Kulturbrüche fertig zu werden, die China im 20. Jahrhundert durchgemacht hat und die Trümmerlandschaften im ganzen Land hinterlassen haben. In „Lettre International“ beschreibt der deutsche Sinologe Hans Kühner diese (Selbst-)Zerstörungen der kulturellen Traditionen, die von chinesischen Intellektuellen freilich lange vor der Machtübernahme der Kommunisten 1949 geistig vorbereitet wurden.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)

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