"Glücklich ist, wer vergisst..." Österreichs geheime Hymne

17.02.2013 | 18:21 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

Ein Schweizer Korrespondent resümierte seine zwölf Jahre in Wien. Und eine Abrechnung mit der deutschen Hitler-Forschung.

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Wir haben hier bereits über die mustergültige Tradition des Schweizer Weltblatts „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, ihren Auslandskorrespondenten zum Abschied von ihren Posten noch einmal viel Platz für einen ausführlicheren Blick auf ihr Gastland zu gewähren. Vor ein paar Tagen war Charles E. Ritterband an der Reihe („NZZ“, 4.Februar). Ungewöhnlich lange, nämlich zwölf Jahre, hat er aus Wien über das politische Geschehen in Österreich und in Ungarn berichtet. Er hat sich dabei nicht nur Freunde gemacht. Von ziemlich hoher Stelle in Wien wurde einst in Zürich gegen ihn und seine Berichterstattung interveniert. Eigentlich eine Auszeichnung für ihn. Allerdings hat sich Ritterband sogar in zwölf Jahren niemals den hohen Respekt erworben, den seine Vorgänger von der „NZZ“ in der Bundeshauptstadt genießen konnten.

Auf jeden Fall kann man Ritterband nicht vorwerfen, dass er begonnen hätte, mit seinem Gastland zu fraternisieren. Auch seine Abschlussbetrachtungen zu Österreich fallen ziemlich kritisch aus. Das ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird – und in dem man sehen kann, dass tiefe Falten das schön geglaubte Antlitz durchfurchen. Zum Beispiel: „In Österreich wird gern und viel debattiert, mit dem Resultat, dass dann alles beim Alten bleibt und alle eigentlich ganz zufrieden sind damit. ,Da muss was g'schehn!‘, ruft die österreichische Volksseele voll Tatendurst. Und umgehend schallt das Echo zurück: ,Da kann ma nix machen!‘“

Oder: „Österreich ist eine durch und durch konservative Nation, auch wenn sie sich zur Hälfte kämpferisch-sozialistisch gibt. Österreich, so lautet das geflügelte Wort, blicke immer optimistisch in die Vergangenheit.“ Oder: „Kritische Geister unterstellen den Österreichern, im Grunde immer noch irgendwie ein Volk von Untertanen zu sein. Man ist niemals aufmüpfig, man brummt zwar, man ,raunzt‘, wie die Wiener sagen, und geht dann froh auf ein Achtel zum ,Heurigen‘. Irgendwie ist man immer noch ein bisserl monarchistisch in Österreich (...) An andere Zeiten aus der österreichischen Vergangenheit erinnert man sich eher ungern: ,Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist‘, heißt es im Trinklied aus der ,Fledermaus‘, fast so etwas wie die geheime Nationalhymne.“

Noch ein Bruch der Regeln dieser Kolumne, über interessante Denkanstöße in politischen Zeitschriften, nicht aber in Tageszeitungen zu referieren. Aber die Kritik des deutsch-britischen Historikers Thomas Weber im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (30.1.) an der deutschen akademischen Forschung zu Adolf Hitler ist so fundamental, dass darauf hingewiesen werden muss. Achtzig Jahre nach der Machtergreifung sei „Hitler im Leben Deutschlands zwar gleichermaßen omnipräsent und ominös. Aber er wird, vielleicht ungewollt, nicht mehr ernst genommen.“

Weber gibt dafür nicht der Boulevardpresse oder der ZDF-History-Redaktion die Schuld, sondern er zeigt auf die Historischen Seminare deutscher Hochschulen: „Da wird zwar in der Regel solide, gut und fleißig zum Nationalsozialismus publiziert. Aber zu selten kommt etwas wirklich Neues heraus. Noch seltener geht es um Hitler. Fast alle neuen Forschungsergebnisse zu Hitler der letzten 20Jahre stammen entweder von Nichtwissenschaftlern oder aus dem Ausland.“ Weber zitiert auch den kritischen Befund des Romanautors Timur Vermes („Er ist wieder da“): „Wir haben nicht zu viel Hitler, sondern zu viel vom gleichen Hitler. Immer dieselben Erklärungen, immer dieselben Zugänge, immer dieselben Perspektiven.“ Ein Kardinalproblem für die historische Forschung wie für zeitgeschichtlichen Journalismus. Also: Höchste Zeit für frische Ansätze.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2013)

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10 Kommentare

12 Jahre Wien und nichts als Klischees, die wir

bereits seit den 50ern von Qualtinger und Co zu hören bekommen haben?
Wobei ich ein großer Qualtinger-Fan bin, er hat das alles in wesentlich pointierterer Weise gebracht.

Nun mag man sagen, dass eine Aussage, wenn sie seit 60 Jahren wiederholt wird, einen Wahrheitsgehalt haben muss - das wird wohl so sein - nur, erstens: wo ist es wirklich anders?

Welches Volk, dem es nicht entsetzlich schlecht geht, sehnt wirklich Veränderung herbei?
Wo setzt sich die Mehrheit selbstbewusst gegen Vorgesetzte und Regierende durch?
Wo wird nicht unliebsame Vergangenheit verdrängt und im Alkohol vergessen gesucht?
Was ist also die Besonderheit?
Das Wiederholen von Klischees und Allgemeinplätzen macht diese nicht notwendig falsch, aber es zeugt auch nicht von wirklicher Tiefe der Analyse.
Denn Österreich muss schon ein bissl mehr sein als die erwähnten Klischees - sonst wäre es längst tatsächlich und nicht nur in der Heurigenfolklore untergegangen...

Wem nach 12 Jahren nur Hitler einfällt dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Aber so sind die politisch Korrekten halt.

Re: Wem nach 12 Jahren nur Hitler einfällt dem ist wirklich nicht mehr zu helfen.

Fehlschuss.
Der erste Teil dieser Kolumne beschäftigt sich mit Ritterbands Bericht über 12 Jahre Auslandskorrespondenz für die NZZ. Und da kommt Hitler nicht vor.

Der zweite Teil der Kolumne dreht sich um Webers Artikel in der FAZ, wo es um Hitler, aber nicht um seine Zeit in Österreich geht.

Es ist ein wenig verwirrend, weil die beiden Teile eigentlich nichts miteinander zu tun haben, aber trotzdem unter einer gemeinsamen Überschrift stehen...

Österreich ist nicht Wien/NÖ/Bgld.

Ein Irrtum, dem leider auch der Schweizer Korrespondent unterliegt, obwohl er 12 Jahre hier verbracht hat.
Gerade ein "seriöser" Korrespondent der NZZ sollte nicht 12 Jahre in Wiener Kaffeehäusern und Heurigenlokalen verbringen, sondern auch mal Zentral- und Westösterreich analysieren.
Dieses ist mentalitätsmäßig völlig anders gelagert als Wien und das sollte auch seriöserweise in eine solche Abschiedsbetrachtung einfließen.
(Man kann ja auch die Schweiz nicht nur als ein Groß-Zürich begreifen...)

Re: Österreich ist nicht Wien/NÖ/Bgld.

Grossraum ZH ist in den anderen Kantonen ähnlich beliebt wie Wien :)

Östzereich sit nicht Wein/NÖ/Bgld.


„Wir haben nicht zu viel Hitler, sondern zu viel vom gleichen Hitler. Immer dieselben Erklärungen, immer dieselben Zugänge, immer dieselben Perspektiven.

Und wen, außer tatsächlich die Historiker,die aber auch nur abstrakt, interessiert das noch ?!!
Langweilig !

Der Österreicher ist ein Mensch, der voller Zuversicht in die Vergangenheit blickt !


Nestroy: " Der Mensch ist gut, nur die Leit san a Gsindel"

Wir sind Weltmeister im Verdrängen, Bearbeiten von Nebenthemen (wie Gendern der Bundeshymne) u. unser Sebstwert lebt mit dem Skizirkus.

Betrug ist nie die getürkte Frühpension zu Lasten der Kinder, oder autom. Vorrückungen ohne Leistungsnachweis !!

Wahrheit ist uns ein Gräuel !!

600 Jahre Habsburger ??

Re: Der Österreicher ist ein Mensch, der voller Zuversicht in die Vergangenheit blickt !

Klar, dass da jetzt wieder die Ösi-Selbst-Basher in Scharen auftreten. Es sei jedoch angemerkt, dass gerade die NZZ stark von ihren Geldgebern beeinflusst wird und keinesfalls eine Ikone des unabhängigen Journalismus darstellt!

Re: Re: Der Österreicher ist ein Mensch, der voller Zuversicht in die Vergangenheit blickt !

Vielleicht erklären Sie den Leuten noch, wer genau die Geldgeber der NZZ sind? Sonst machen sich etwa noch Verschwörungstheorien breit.

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