"Glücklich ist, wer vergisst..." Österreichs geheime Hymne

Ein Schweizer Korrespondent resümierte seine zwölf Jahre in Wien. Und eine Abrechnung mit der deutschen Hitler-Forschung.

Wir haben hier bereits über die mustergültige Tradition des Schweizer Weltblatts „Neue Zürcher Zeitung“ berichtet, ihren Auslandskorrespondenten zum Abschied von ihren Posten noch einmal viel Platz für einen ausführlicheren Blick auf ihr Gastland zu gewähren. Vor ein paar Tagen war Charles E. Ritterband an der Reihe („NZZ“, 4.Februar). Ungewöhnlich lange, nämlich zwölf Jahre, hat er aus Wien über das politische Geschehen in Österreich und in Ungarn berichtet. Er hat sich dabei nicht nur Freunde gemacht. Von ziemlich hoher Stelle in Wien wurde einst in Zürich gegen ihn und seine Berichterstattung interveniert. Eigentlich eine Auszeichnung für ihn. Allerdings hat sich Ritterband sogar in zwölf Jahren niemals den hohen Respekt erworben, den seine Vorgänger von der „NZZ“ in der Bundeshauptstadt genießen konnten.

Auf jeden Fall kann man Ritterband nicht vorwerfen, dass er begonnen hätte, mit seinem Gastland zu fraternisieren. Auch seine Abschlussbetrachtungen zu Österreich fallen ziemlich kritisch aus. Das ist wie ein Spiegel, der einem vorgehalten wird – und in dem man sehen kann, dass tiefe Falten das schön geglaubte Antlitz durchfurchen. Zum Beispiel: „In Österreich wird gern und viel debattiert, mit dem Resultat, dass dann alles beim Alten bleibt und alle eigentlich ganz zufrieden sind damit. ,Da muss was g'schehn!‘, ruft die österreichische Volksseele voll Tatendurst. Und umgehend schallt das Echo zurück: ,Da kann ma nix machen!‘“

Oder: „Österreich ist eine durch und durch konservative Nation, auch wenn sie sich zur Hälfte kämpferisch-sozialistisch gibt. Österreich, so lautet das geflügelte Wort, blicke immer optimistisch in die Vergangenheit.“ Oder: „Kritische Geister unterstellen den Österreichern, im Grunde immer noch irgendwie ein Volk von Untertanen zu sein. Man ist niemals aufmüpfig, man brummt zwar, man ,raunzt‘, wie die Wiener sagen, und geht dann froh auf ein Achtel zum ,Heurigen‘. Irgendwie ist man immer noch ein bisserl monarchistisch in Österreich (...) An andere Zeiten aus der österreichischen Vergangenheit erinnert man sich eher ungern: ,Glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist‘, heißt es im Trinklied aus der ,Fledermaus‘, fast so etwas wie die geheime Nationalhymne.“

Noch ein Bruch der Regeln dieser Kolumne, über interessante Denkanstöße in politischen Zeitschriften, nicht aber in Tageszeitungen zu referieren. Aber die Kritik des deutsch-britischen Historikers Thomas Weber im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (30.1.) an der deutschen akademischen Forschung zu Adolf Hitler ist so fundamental, dass darauf hingewiesen werden muss. Achtzig Jahre nach der Machtergreifung sei „Hitler im Leben Deutschlands zwar gleichermaßen omnipräsent und ominös. Aber er wird, vielleicht ungewollt, nicht mehr ernst genommen.“

Weber gibt dafür nicht der Boulevardpresse oder der ZDF-History-Redaktion die Schuld, sondern er zeigt auf die Historischen Seminare deutscher Hochschulen: „Da wird zwar in der Regel solide, gut und fleißig zum Nationalsozialismus publiziert. Aber zu selten kommt etwas wirklich Neues heraus. Noch seltener geht es um Hitler. Fast alle neuen Forschungsergebnisse zu Hitler der letzten 20Jahre stammen entweder von Nichtwissenschaftlern oder aus dem Ausland.“ Weber zitiert auch den kritischen Befund des Romanautors Timur Vermes („Er ist wieder da“): „Wir haben nicht zu viel Hitler, sondern zu viel vom gleichen Hitler. Immer dieselben Erklärungen, immer dieselben Zugänge, immer dieselben Perspektiven.“ Ein Kardinalproblem für die historische Forschung wie für zeitgeschichtlichen Journalismus. Also: Höchste Zeit für frische Ansätze.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.02.2013)

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