Das Versagen der Osteuropa-Experten im Ukraine-Drama

Fachpublikationen gehen der Frage nach, wieso Spezialisten Putins Aggressionspolitik nicht vorausgesehen haben.

Nach dem Kollaps des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa 1989/1991 ging in Fachzeitschriften, akademischen Kreisen und hinter verschlossenen Türen auch in westlichen Geheimdienstzirkeln eine lebhafte Diskussion darüber los, warum dieses historische Megaereignis so unerwartet eingetroffen, warum der Westen nicht besser darauf vorbereitet war und warum es keine entsprechenden nachrichtendienstlichen Prognosen gegeben hatte. Eine solche Diskussion geht jetzt wieder los. Warum hat in den westlichen Führungen offenbar niemand vorausgesehen, dass Moskau auf den Machtwechsel in Kiew mit dem Landraub der Krim und mit der anhaltenden Destabilisierung des Donbass durch hybride Kriegsführung reagieren würde?

Weil, so vermutet der polnische Historiker und frühere Europaabgeordnete Pawel Kowal in der neuesten Ausgabe von „New Eastern Europe“, das niemand voraussehen wollte. Kowal sieht drei große Versäumnisse außenpolitischer Analytiker in den Medien, Universitäten, Denkfabriken und Regierungsstuben: Sie hätten nicht die richtigen Schlüsse aus den osteuropäischen „Farbrevolutionen“ von 2003 und 2004 gezogen, sie hätten in Bezug auf Russland immer nur ein Modernisierungs- und Reformmodell im Kopf gehabt, nie aber über ein alternatives Retromodell nachgedacht, und sie hätten die Erklärungen Wladimir Putins und die Dokumente aus dem Kreml nie wörtlich genommen, stets nur Energiefragen als Hauptanliegen des heutigen Russland angesehen. Pessimistische Einschätzungen der Entwicklungen in Russland seien von der westlichen Politik als „schlechte Nachrichten“ einfach nicht zur Kenntnis genommen worden – und die Analytiker in den Denkfabriken, die am Tropf staatlicher finanzieller Zuwendungen hängen, haben solche „schlechten Nachrichten“ dann eben zurückgehalten.

In der jüngsten Ausgabe der führenden Berliner Fachzeitschrift „Osteuropa“ startet die Marburger Historikerin Anna Veronika Wendland eine Brachialpolemik gegen ihre eigene Zunft: die deutsche Osteuropa-Forschung. Einer ihrer Hauptvorwürfe: Deutsche Beobachter aller Couleur hätten die Ukraine immer als „legitimen Teil der russländischen Einflusssphäre“ gesehen, „nie aber gelernt, die Ukrainer als Subjekte ihrer Geschichte wahrzunehmen“. Wendland kritisiert den „geopolitischen Fatalismus“ ihrer Kollegenschaft und ruft sie dazu auf, endlich politische Aufklärungsarbeit zu leisten.

Dabei hält sie nichts davon, Putin als zweiten Stalin oder Hitler zu beschreiben, sondern als das, was er ist – „ein im System KGB sozialisierter Staatschef“, der jene Machtmittel einsetze, die seiner Meinung nach gut funktionieren: „hybride Kriegsführung, Militärintervention sowie Annexion, systematische Desinformation und Instrumentalisierung von Kriminellen im Staatsauftrag“.

Wendland schreckt auch nicht davor zurück, prominente Kollegen wie den publizistisch höchst aktiven, führenden deutschen Stalinismus-Forscher Jörg Baberowski zu attackieren, der zwar viel über Stalins Gewalt- und Terrorpolitik weiß, aber offenbar nur wenig über die Ukraine. Wie sich überhaupt zum tragischen Geschehen dort auch in Deutschland viele selbst ernannte „Experten“ zu Wort melden, die von Land und Leuten keine Ahnung haben. Dies gilt vor allem für Altpolitiker der SPD wie Erhard Eppler, Gerhard Schröder und vor allem Helmut Schmidt, der im „geopolitischen Kasinoton des ehemaligen Wehrmachtsoffiziers“ (Wendland) Verständnis für die russische Aggressionspolitik einfordert.

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