Gedankenlese: Blick in politische Zeitschriften

Warum der Kreml die Erinnerung an die Revolution 1917 unterdrückt

Das Bild eines spontanen, schwer kontrollierbaren Aufruhrs gegen ein korruptes Regime kann Moskau nicht brauchen.

Hundert Jahre Russische Revolution: Eigentlich hätte man erwartet, dass dieses Schlüsselereignis des 20. Jahrhunderts die Geschichteabteilungen in den Buchläden mit Werken dazu überquellen lassen würde. Nichts dergleichen. Neue deutschsprachige Bücher zu Russland 1917 gibt es bisher nur wenige – und die umfangreichste Abhandlung darüber ist eine Übersetzung aus dem Englischen (Stephen A. Smith: „Revolution in Russland“).

Tatsächlich gibt es die erwartete Schwemme zum Russischen Revolutionsjubiläum aber in der englischsprachigen Welt. Viele der renommierten Russland-Forscher Großbritanniens haben sich zu 1917 zu Wort gemeldet, wie eine Nachschau in der größten Buchhandlung von Edinburgh im Juli ergeben hat. Immerhin, auch die wichtigsten deutschen Geschichtsmagazine widmeten dem Ereignis Spezialausgaben – „Damals“, „Geo Epoche“ „Geschichte“, „Spiegel Geschichte“, „Zeit Geschichte“.

Besonders bemerkenswert aber ist das betretene Schweigen, mit dem das offizielle Russland dem Umsturzjahr begegnet. Es ist fast so, als wollten sich Putin und Co. wegducken, als seien ihnen die zwei Revolutionen von 1917 – die erste im Februar eine echte Revolution, die zweite im Oktober eigentlich ein Staatsstreich – peinlich, nicht wirklich erinnerungswürdig, nicht zu ihrer Geschichtspolitik passend: „Betrachtet man die massive Verurteilung der Revolution von 1917 durch Politik, Spindoktoren und die orthodoxe Kirche“, schreibt Russland-Kenner Michael Thumann in „Zeit Geschichte“ (2/2017), „könnte man denken, das Gedenken von 2017 müsse zu einem historischen Begräbnis der Revolution werden.“

Tatsächlich hat Russlands regierende Elite das Trauma der „Farbrevolutionen“ nach wie vor nicht überwunden. Und das hemmt ganz offensichtlich jegliche nüchterne Auseinandersetzung mit dem Revolutionsjahr 1917. Der Aufstand einer ausgehungerten, geschundenen Bevölkerung gegen ein korruptes, abgehobenes, sich in gestohlenen Reichtümern suhlendes Regime – dieses Bild darf nach dem Willen der gegenwärtigen Machthaber in Moskau keinen Halt in den Köpfen der Untertanen finden.

Georgien 2003, Ukraine 2004 und 2013/14, Massenproteste gegen Wahlfälschungen in Russland 2011/12, der Arabische Frühling 2011 – all diese Beispiele eines spontanen, schwer kontrollierbaren Aufbegehrens bereiten im Kreml chronische Kopfschmerzen. Ja, so etwas darf es eigentlich gar nicht geben, so etwas kann nur von finsteren, ausländischen Kräften angezettelt sein, lautet die offizielle Lesart. Diese Haltung erklärt auch, wieso Russland als eines der wenigen Länder dem politischen Totalversager Nicolas Maduro in Venezuela noch immer die Stange hält.

Die Petersburger Schriftstellerin Elena Chizhova vermutete in einem Aufsatz in der „Neuen Zürcher Zeitung“, dass die Grabesstille seitens der Staatsmacht zur Revolution 1917 bis zum Ende des Jahres anhalten werde; damit greife sie nur auf ein bewährtes spätsowjetisches Rezept zurück: „Schlafende Hunde soll man nicht wecken.“ Georges Nivat wiederum, emeritierter Slawist der Universität Genf, hat eine weiter gefasste Erklärung für die große Ausblendung des Roten Jahres in Russland: „Dass man das Jubiläum des Jahres 1917 nicht feiert, ist weniger Putin als vielmehr dem ganzen Land zuzuschreiben, das nicht so recht weiß, was es von diesem Jahr halten soll, in dem eine Revolution die andere auffraß“, schreibt er in „Lettre International“ (Nr. 117).

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2017)

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