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Alarm oder Fehlalarm: Ungarn auf dem Weg zum autoritären Staat?

19.02.2012 | 18:22 |  BURKHARD BISCHOF (Die Presse)

"Quo vadis, Hungaria?", fragt "Osteuropa" im jüngsten Heft. Man hätte sich dabei mehr differenzierte Antworten gewünscht.

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Wir haben schon darauf gewartet, dass sich „Osteuropa“, die beste Zeitschrift im deutschsprachigen Raum (und darüber hinaus) zu mittel- und osteuropäischen Fragen, dem Thema Ungarn unter Viktor Orbán widmen würde. Tatsächlich fragt die Zeitschrift in der jüngsten Nummer „Quo vadis, Hungaria?“ und versucht auf 432 Seiten Antworten darauf zu geben, angereichert mit Dokumenten, Fotos, Grafiken, Tabellen. Da finden sich 28 wissenschaftliche Aufsätze zu Politik und Rechtssystem, Wirtschaft und Gesellschaft, Erinnerung und Kultur, überwiegend von ungarischen Autoren. Und doch reicht die Qualität dieses Heftes etwa an den „Osteuropa“-Spezialband zur Ukraine nicht heran.

Dies wohl deshalb, weil sich die Herausgeber Manfred Sapper und Volker Weichsel von dem erbitterten ideologischen Kampf, der mittlerweile zwischen Orbán-Fans und Orbán-Kritikern nicht nur in Ungarn selbst, sondern überall dort tobt, wo es größere exilungarische Gemeinden gibt, haben irgendwie anstecken lassen. Ihr scharfes Editorial gipfelt in dem Satz: „In Budapest geht es um mehr als um eine innere politische Entwicklung. Auf dem Spiel steht der politische Kernbestand des geeinten Europa: Freiheit und Rechtsstaatlichkeit.“ Ist das nicht ein bisschen gar zu starker Tobak?

Es gibt überhaupt keine Zweifel, dass viele der politischen und wirtschaftlichen Manöver, die es seit der triumphalen Rückkehr Viktor Orbáns und seiner Partei Fidesz an die Macht (mit 53 Prozent der Stimmen eroberte sie dank des Wahlrechts eine Zweidrittelmehrheit im Parlament) in Ungarn bedenklich bis empörend sind. Auch kann man über das Weltbild von Viktor Orbán, das die Publizistin Krisztina Koenen in diesem Band anhand von Zitaten aus seinen Reden und Interviews beschreibt, eigentlich nur den Kopf schütteln: Demnach tickt der ungarische Premier antiwestlich, antikapitalistisch, kollektivistisch, scharf nationalistisch, autoritär.

Gleich mehrere Autoren sehen Ungarn derzeit tatsächlich auf dem Weg zu einem autoritären System mit aufgehobener Gewaltenteilung und erodierenden Freiheitsrechten – unter ihnen Bálint Magyar, ein früherer Wissenschaftsminister und Gründungsmitglied des inzwischen von der politischen Bildfläche verschwundenen liberalen Bundes Freier Demokraten (Szdsz).

Dennoch, es gibt auch eine differenzierte Sicht auf die Entwicklungen in Ungarn, und zumindest die Budapester Politikwissenschaftlerin Ellen Bos bemüht sich in diesem Heft um eine solche. Sie schildert auch, wie es in dem total vergifteten und polarisierten innenpolitischen Klima „letztlich fast unmöglich wurde, einen neutralen Standpunkt einzunehmen“ – und versucht es in ihrem Aufsatz trotzdem. Bei aller Kritik an Orbáns bisherigen Maßnahmen kommt sie zum Schluss, dass es bisher keine Aufhebung der Gewaltenteilung gebe, kein autoritäres Regime errichtet worden sei und es nicht gerechtfertigt sei, „von einem Ende der Pressefreiheit zu reden“. Kurz: Bos versucht zwischen Schein und Sein zu unterscheiden – was wohl das Wichtigste ist, wenn man die Entwicklungen in Ungarn einigermaßen objektiv einschätzen will.

Ungewöhnlich für „Osteuropa“ ist, dass dieses Ungarn-Sonderheft etwas schlampig redigiert wurde. Aus Ex-Premier Péter Medgyessy wird da etwa Megyessy, aus dem Premier wird ein Präsident Orbán. Vor allem aber fehlen die tiefer schürfenden Analysen zur wirtschaftlichen Lage (es gibt nur einen Überblicksbeitrag). Und es fehlt ein Beitrag, der das – brisante – Naheverhältnis der katholischen Kirche zu Orbán einmal eingehender durchleuchtet hätte.

 

E-Mails an: burkhard.bischof@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)

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8 Kommentare
Gast: setti54
21.02.2012 07:06
5 1

setti54@yahoo.fr

Es ist wichtig um gerechtig sein, es ist wichtig mit gut gebaute Artikel zu operieren in eine Zeitung.
Es mir scheint dass jetzt ein Kommentar davon.
Ich weiss dass Ungarn haben vielen problemen,
meisstens geerbt von die Socialisten.
Wenn EU-Staaten haben erlauben 4 Jahre lang richtig arbeiten, alles sauber machen, dann Ungarn wird ein grosse Uberrachung sein in Europe.

Antworten Gast: Österreicher
21.02.2012 11:25
1 5

Ungarn ist aus freien Stücken

einer Wertegemeinschaft beigetreten, in der wie der Name schon sagt gewisse Werte festgelegt sind.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder man bleibt in dieser Wertegemeinschaft und befolgt die Vorgaben, bzw. versucht Änderungen in den offiziellen Gremien und Organen durchzusetzen

Oder man verläßt diese Wertegemeinschaft um eigene Wege zu gehen.

Mein persönliches Empfinden als ich Ihren Beitrag las: "Um Gottes Willen, gehts schon wieder in einem Europäischen Land um SAUBER MACHEN?"

Gast: Tibor aus Ungarn
20.02.2012 22:38
6 1

Tibor

2/3 Mehrheit für FIDESZ, heute – nach 2 Jahren - genauso stark, ein Aus von den liberalen SZDSZ aus dem Parlament, ein Rückfall für die Gyurcsány Sozis = früheren Kommunisten: Mir passt das, und uns vielen passt das.

Ist Orbán antiwestlich ? Was heisst das, bitte ? Können sie mir erklären ?

Antikapitalistisch ? Eine Frage: Warum ist diese enorme Krise? Weil Kapitalismus keine korrekte, demokratische Geldstruktur ausgebaut hat. Es muss SICHTBAR sein, und demokratisch!

Scharf nationalistisch? Wir haben ihn gewählt, um – endlich mal – die Interessen (inkl. Wirtschaft, Kultur, etc.) der in diesem Land – Ungarn – lebenden Bürgern zu vertreten! Wen gefällt es nicht? Macht Österreich, oder die USA das anders ? Ungarn zeigt Respekt für andere Länder, nicht wahr ?

Autoritär ? Ein Premier muss starke PErsönlichkeit sein, Gott sei Dank: Orbán ist unglaublich intelligent, deshalb ist er so gefährlich für die Sozi-Kommunistische Welt. Er regiert, oft ohne bei dem GROSSEN zuerst mal um Genehmigung zu bitten, und SIE SIND DARAN NICHT GEWÖHNT. Diplomat ist er oft nicht, er sagt sofort, was er meint, und stört viele Interessen! Ab und zu ein Elefant im Porzellan-geschäft! Für die ungarische Bürger!

BITTE NICHT VERGESSEN:

In Ungarn ist es so: Die Sozial-Liberalen war eine Koalition der INTERESSEN,
Die Christlich-Demokraten mit FIDESZ formen eine Koalition aufgrund von WERTEN –

GROSSER UNTERSCHIED!!!

Gast: tverdomi
20.02.2012 09:56
3 3

Quo vadis, EU ? "Stalin Opas" und "Stalin Omas" haben gut zu lachen!

Die EU sollte aus dem Elfenbeinturm auskommen. Und die Ungarische Verhältnisse wirklich anschauen!

Die Vorfechter der kommunistischen Ideologie haben die Theorie des Kapitalismus in jede Woche mehrmals besiegt. Dann ging Mann auf die Straße, und hat Mann festgestellt: „Ich lebe in der Mittelalte“.

Die Unabhängigkeit der Justiz

Die Richter die heute über 60 sind könnten nur Richter werden, wenn die ein Parteibuch gehabt haben. Interessante weise sind „Sozialisten“ wegen Korruption nie verurteilt worden. Wenn Sie endlich mal in die Rente gehen wir dadurch die Justiz in Ungarn erst mal unabhängig. Alle Richter dürfen bleiben die nachweisen können, dass Sie ohne Zustimmung der Kommunistische Partei Richter geworden sind.

Die EU sagt diese Beamten können bis 70 nicht in der Rente geschickt werden, weil sonst die Unabhängigkeit der Justiz gefährdet ist. Anders gesagt die Bolschewiki in der Justiz zu halten ist jetzt eine EU-Aufgabe geworden.

Die Theoretische EU spricht über unabhängige Justiz die real existierende eUDSSR halt Bolschewisten an der macht. Im Gericht lacht uns „Stalin Oma“ uns „Stalin Opa“ ins Gesicht. Feinde des Volkes wir sind von eUDSSR geschützt.

Gast: Spinoza
19.02.2012 19:35
5 1

wohltuend

Danke Herr Bischhof für Ihre wohltuende Zusammenfassung.
Kritik an Ungarn ist sicher berechtigt, nur schockierend ist der immerwiederkehrende Hass der aus den meisten Kommentaren, Artikeln, Beiträgen u.ä. einem entgegenschlägt.
und das meist unter dem Deckmantel aus Sorge um das Volk.

Antworten der-denker
20.02.2012 19:18
0 4

Re: wohltuend

Es wäre wohltuend, würden Sie die Realität erkennen (wollen):

Bibelvers „Wer Wind sät, wird Sturm ernten“ (Hos 8,7 GNB), Buch Hosea

Es gibt keinen größeren Haßprediger als Victor Orbán, seit er 2002 die Wahlen verloren hat.

Er hat die ungarische Bevölkerung gespaltet und mit seinem berechnenden Nationalismus in Geiselhaft genommen.

Alleine schon der Name "Trianon" war und ist in aller Munde, auch jener die noch nie die Möglichkeit oder Notwendigkeit hatten bzw. fanden, sich mit den geschichtlichen Fakten auseinanderzusetzen.

Doch ein Ungarn in den Grenzen vor Trianon wird es nie wieder geben! Das sollten auch jene einsehen, die hier einem üblen Unruhestifter aufsitzen.


Antworten Antworten Gast: Hertha
20.02.2012 22:36
3 1

Re: Re: wohltuend

"Doch ein Ungarn in den Grenzen vor Trianon wird es nie wieder geben!"

Genau das ist es warum die Ungarn, mehr als alle andere, ein gemeinsames Europa herbeigesehnt haben.

Antworten Antworten Antworten der-denker
23.02.2012 10:41
1 2

Re: Re: Re: wohltuend

Die Aussagen der letzten Pro-Orban-Demonstration der ca. 40.000 Leute ließen nicht darauf schließen, dass man ein gemeinsames Europa herbeisehnen würde, es sei denn nach den Vorstellungen von Orban und seinen Hofnarren.

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