08.11.2009 10:49 | Meine Presse Merkliste0

Land der Keller? Schuld, Sühne und Verteufelung

>> THEMA: DRAMA IN AMSTETTEN (Die Presse)

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Die Asiaten staunen!

„Pressestimmen“, 30. April
Hier werden hauptsächlich europäische Pressestimmen vorgestellt. Schade, dass Sie asiatische Pressestimmen nicht bringen. Auch in Asien beschäftigt das Thema zahlreiche Menschen. Ich verfolge online die Berichterstattungen und Lesermeinungen aus Taiwan, China und Japan. Die Asiaten reagieren mit großem Schock, da man Österreich als ein beliebtes Urlaubsland meistens mit Gemütlichkeit verbindet. Jetzt tauchen auch zahlreiche Artikel über die „österreichische Seele“ auf.

Z.B. ist es hierzulande üblich, dass ein Vater am Wochenende „Häuslbauer“ spielt und im Garten bastelt. In Asien existiert weder eine „Kellerkultur“ (aufgrund des Erdbebens), noch besitzt man einen Garten (in den von Wolkenkratzern dominierten Ländern unmöglich); daher ist es für die „Asiaten“ schwer nachvollziehbar, dass man zu Hause „einfach so“ einen Keller bauen bzw. erweitern kann. Man staunt auch, dass Österreich so viel Angst um sein Image hat, und dass der Bundeskanzler die schöne, biedermeierliche Fassade so schnell wie möglich wiederaufbauen möchte.

MMag.art Chia-Tyan Yang

8010 Graz

Wohltuend unaufgeregt

„Hinter den Fassaden der Ybbsstraße“, 30.April
Herzlichen Dank für den Artikel von Michael Köttritsch auf der Seite eins. Er hat sich in wohltuender Art von den aufgeregten Berichten anderer Medien abgehoben.

Ich habe am Mittwoch im erwähnten Elektrofachgeschäft in der Ybbsstraße einen Einkauf getätigt und konnte dabei einen Blick in die Dammstraße werfen, in der ein Übertragungswagen neben dem anderen parkt. Ich glaube, ein Großteil der Neugierigen kommt, um der geballten Medienmaschinerie und den Reporterteams bei ihrer Arbeit zuzusehen. So was sieht man nicht alle Tage. Das Ereignis selbst ist weder in meinem beruflichen noch privaten Umfeld ein großes Thema und überhaupt viel zu schrecklich, um darüber groß diskutieren zu können.

Mag. Josef Hochstöger
73340 Amstetten

Josef F. als „Superbursch“

Ad ORF-Berichterstattung zum Fall Amstetten
Wenn man im ORF den Ausführungen eines Landespolizeikommandanten, eines Bezirkshauptmannes sowie eines renommierten Gerichtspsychiaters zuhört, gelangt man fast zwangsläufig zu dem Schluss, dass der bestbeleumundete, vitale und „grenzgeniale“, aber „psychisch sicher nicht gestörte“ Großvater von Amstetten eigentlich ein Superbursch sein muss. Respekt vor diesen hochachtungsvollen Aussagen führender Vertreter unseres Landes! Dass bei dieser offenen Wertschätzung für einen mutmaßlichen sadistischen Täter bisweilen eine latente Verachtung für die schwachen, kranken Opfer und ihr Recht auf Privatsphäre mitschwingt, zeigt leider, wie tiefverwurzelt nationalsozialistische Denkweisen hierzulande nach wie vor sind. Vorschlag: Sollten wir in absehbarer Zukunft wieder neue KZ brauchen, um unerwünschte Mitbürger diskret verschwinden zu lassen, könnte man sich seitens der offiziellen Stellen ja des „technisch hochbegabten“ und „perfekt planenden“ Herrn F. erinnern.

Mag. Dr. Ingomar Robier
9020 Klagenfurt

Vorliebe für „Inzest“-Begriff

In der Berichterstattung zum „Amstetten-Fall“ missfällt mir der exzessive Gebrauch des Begriffs „Inzestfall“. Auch wenn es sich hier AUCH um einen solchen Fall handelt, ist das bedenklich. Nach dem Geständnis kommen hier eine Reihe anderer schwerwiegender Tatbestände (Vergewaltigung, etc.) mit klarer Rollenverteilung von Täter und Opfer in Frage, während der „Blutschande “(!)-Paragraf im StGB für denjenigen Straffreiheit vorsieht, der „zur Zeit der Tat das 19. Lebensjahr noch nicht vollendet hat, wenn er zur Tat verführt worden ist“. Die Nützlichkeit der strafrechtlichen „Inzest“-Regelung für die eigentlichen Opfer ist hier zu bezweifeln.

Dann entwerfen interviewte Experten für den eventuellen Nachwuchs solcher Verbindungen genetische Monstrositäten. Man sollte sich die Frage stellen, ob es einem zusteht, das „widernatürliche“ Werden eines anderen zu behaupten. Umso erstaunlicher ist das in einem Land, in dem man viele neue biotechnologische Entwicklungen, wie z.B. die Präimplantationsdiagnostik, gerade aus Gründen des „Schutzes der Menschenwürde“ skeptisch beurteilt. Für die Entwicklung einer Zivilgesellschaft wäre es nützlicher, würden jetzt Politiker ihre Energie für einen öffentlichen Diskurs zu solchen Widersprüchen einsetzen, anstatt auf der „Wir sind trotzdem ein tolles Land“-Patriotismuswelle zu reiten.

Dr. Christian Krassnig
1050 Wien

Frauenfeindliches Österreich

Wer kennt nicht aus seinem Umfeld Fälle von Gewalt gegen Frauen (oder Kinder)? Aber wer kann aus eigener Erfahrung von einem Fall erzählen, wo Gesetz, Staat, Gesellschaft (oder er/sie selbst) die Opfer geschützt und gegen die Täter vorgegangen wären? Der Fall Amstetten ist ein fast unerträglich überdeutliches Beispiel von phallokratischer Perversion. Aber das ganze Verbrechen erzählt uns in Reinform von einer gesellschaftlich nach wie vor gängigen Grundhaltung: Frauen (und Kinder) sollen gehorchen, Männer schaffen an.

Frauenfeindlichkeit ist in Österreich tief verankert, wir sind weit entfernt von einer aufgeklärten, geschlechtspolitisch demokratischen Grundhaltung. Man braucht nicht erst an der Innenstadt-Bar oder im ländlichen Wirtshaus genauer hinzuhören. Eine der ersten Auslandsreisen unseres Bundespräsidenten galt Saudi Arabien, wo Frauen nicht einmal Auto fahren dürfen. Ich schäme mich, Österreicher zu sein, nicht weil monströse Verbrecher wie Josef F. zufällig meine Landsleute sind, sondern weil wir hier bestimmt die letzten sind, die sich aus der Ruhe bringen lassen oder uns einen Cent entgehen lassen, nur weil irgendwo Frauen zu Tode gesteinigt werden.

Mag. Robert Hübner
4060 Leonding

Lasst die Thujenhecke wachsen!

Also bitte! Kaum sind wir aus dem Starmania-Fieber erwacht, um uns gründlich auf die Euro 2008 vorzubereiten, ereilt uns das Grauen aus Amstetten. Wie unangenehm es doch ist, mit den realen Facetten des Lebens konfrontiert zu werden, und das gleich um's Eck beim Nachbarn. Rund eine Milliarde Menschen leidet an den Folgen von Hunger und Durst. Nur gut, dass wir nicht das auch noch vor unserer Haustür mit ansehen müssen. Ein Segen, dass uns unsere nationalen Medien weitestgehend mit Bildern aus Armutsländern, wo unter anderem auch die Super-Billig-Produkte produziert werden, die wir für unser tägliches Glück benötigen, verschonen. Da können wir beruhigt weiter ein gemütliches Leben auf unserer Insel der Seligen führen. Die Thujenhecke noch ein bissel höher wachsen lassen, dann kann uns keiner mehr stören in unserer Scheinwelt.

Eva Kretz
4861 Kammer/Attersee

Fischer hat Chance vertan

Gerade hatten die Fälle Amstetten und Kampusch die österreichische Seele in Schwingung gebracht, da beruhigte schon unser HBP: „Der Fall hat nichts Abgründig-Österreichisches“. Kann man es sich so leicht machen? Ist nicht dieses allgemeine Wegschauen ein Teil von uns? Das ist es, was Teil der österreichischen Seele ist. Und jedes Verbrechen braucht einen Boden auf dem es gedeihen kann. Schlag nach bei John Steinbeck, „Früchte des Zorns“. Hier bedürfte es klarer Worte einer moralischen Instanz, um uns wachzurütteln. HPB, Sie haben eine Chance vertan! Es hätte der österreichischen Seele gut getan.

Rupert Derler

8984 Pichl

Kein „psychopathisches“ Land

Es ist banal und populistisch, Verbrechen zu nationalisieren und psychische Krankheiten und Gräueltaten im Besitz einer Staatsbürgerschaft zu suchen. Dieser Akt der Reinwaschung von eigenen Problemen und der Fingerzeig auf ein vermeintlich psychopathisches Land wirken sicher kurzzeitig befreiend. In weiterer Folge wird sich diese Art von Berichterstattung und pauschaler Verteufelung aber als Bumerang erweisen.

Eine denkende Gesellschaft soll sich weder zu Unrecht pauschal beschuldigen lassen noch sich ihrer Verantwortung entziehen. Die Österreicherinnen und Österreicher sind nicht schuld an diesem konkreten Verbrechen in Amstetten. Sie sind verantwortlich dafür, dass sie an einer Gesellschaft arbeiten, die solche Verbrechen unmöglich macht. Und die nationale Benennung in diesem Satz ist beliebig austauschbar.

Stefan Kubina
1110 Wien

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.05.2008)

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