BIMAIL VON Georg Sporschill SJ
Demokratie ist die schlechteste Regierungsform, aber immer noch besser als alle anderen, soll Churchill gesagt haben. Eine Versammlung von Menschen ergibt noch keine Meinung, ein Gremium hat kein Gewissen, keine Ideen. In einer Menge können sich schwache Menschen verstecken, sie können schlechte Entscheidungen ermöglichen, Missstände decken und den Falschen zujubeln. Jede Versammlung lebt von Personen, auch wenn es nur Einzelne sind, die ihre Stimme erheben, eine Meinung vertreten und sich für ein Anliegen einsetzen. Durch beherzte und weise Menschen zieht der Geist in ein Gremium und in eine Institution ein.
Papst Johannes XXIII. hatte die Idee zu einem neuen Konzil; das letzte lag beinahe hundert Jahre zurück. Von der Versammlung der Bischöfe erwartete er Antworten und Hilfen für eine Welt, die sich verändert hatte. Die Glaubenskongregation im Vatikan machte sich ans Werk. Konzilsdokumente wurden produziert, die Konzilsväter sollten sie nur absegnen. Als die fertigen Schemata dem Papst vorgelegt wurden, ließ er sie in der Schublade verschwinden. Er wollte allen Bischöfen Mitspracherecht geben, in der Erwartung, dass der Heilige Geist überraschen würde. Tatsächlich blieb kaum ein Stein auf dem anderen, die Kirche erneuerte sich und ging auf die Menschen zu, in der Sprache der vielen Völker, im Hören auf die Nöte der Zeit, in der Anerkennung der anderen Kirchen und Religionen. Ohne Angelo Giuseppe Roncalli und seinen loyalen Nachfolger Paul VI., ohne die Arbeit von mutigen Theologen wie Karl Rahner, Josef Ratzinger, Hans Küng hätten die Schubladenprodukte alles Neue verhindert und die Konzilsväter zu Ja-Sagern gemacht.
Eine gute Entscheidung braucht zweierlei: das demokratische Gremium − und den Mut und die Weisheit einzelner Menschen. Deshalb bestand zurzeit Jesu der Hoherat, die höchste religiöse und politische Behörde des Judentums, aus zwei Gruppen, aus den „Ältesten“ und aus den Sadduzäern und Pharisäern. Im Hohenrat ragten einige Stimmen heraus wie Gamaliel, der zum Entstehen der Jesusbewegung zu bedenken gab: „Wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden; stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen“ (Apg 5,38–39). Unüberhörbar sind auch die Stimme des Hohepriesters Kajaphas und sein Rat: „Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht“ (Joh 11,50).
Eine Entscheidung braucht Lehrer und Politiker, Weise und Umsetzer. Vor allem aber braucht es dazu beherzte Menschen, die ihre Stimme erheben.
Wie kommen deine Entscheidungen zustande? Triffst du sie allein, oder hast du Berater? Auf wen hörst du?
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2010)















