Man weiß ja schon lange, dass die schönsten Theorien grau und schimmlig werden, wenn man sie in der Praxis erprobt. Dafür gibt’s genügend Beispiele. Auf Anhieb fällt mir etwa die antiautoritäre Erziehung ein. Klingt total gut, die Kleinkinder wie selbstständig denkende und urteilende Wesen zu behandeln, die wissen, was gut für sie ist. In der Praxis sind dann aber so viele unsympathische Vierjährige herausgekommen, die in aller Seelenruhe Kieselsteine in das Essen der Tischnachbarn werfen, und so viele Pubertierende, die ihren Großmüttern empfehlen, sie sollen sich schleichen und ihren grausligen Gugelhupf gleich mitnehmen, dass man inzwischen davon abgekommen ist.
Ebenso erging es dieser Wirtschaftstheorie, wonach es für alle Bürger gut ist, wenn die Reichen immer reicher werden. Alles nur graue Theorie! Daneben aber gibt es ein Grau, das es erfolgreich von der Theorie in die Praxis geschafft hat. Die Farbe der Autos. Graue Autos wirken technisch ausgereifter, seriöser, wertvoller und vor allem: dezenter als knallbunte. Graue Autos passen sich perfekt der Umgebung an, in der sie sich hauptsächlich aufhalten. Häuserfassaden, Gehsteige, Straßenbelag. So als wollten sie sagen: Die Luft ist rein! Vergesst einfach, dass wir da sind! Bis man eines Tages auf eine leere Straße tritt und ein autoförmiges Stück Asphalt rast auf einen zu. Aber das Gute ist: Die Bremsen in den neuen grauen Autos besser! Theoretisch.
Die Ich-Pleite: Grau ist alle Theorie
von annemarie (Die Presse - Schaufenster)















