25.05.2012 19:44 | Meine Presse Merkliste 0

Alle Uhren stehen still, weil TAI es will

 (Die Presse)

Diese Silvesterfeier dauert eine ganze Schaltsekunde länger. Das verdanken wir der Erde, die wie ein Betrunkener durchs Weltall torkelt.

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Was ist eine Sekunde? Lächerlich wenig, sagen Historiker. Verdammt viel, sagen Skirennläufer. 9.192.631.770 Schwingungen eines Cäsium-133-Atoms, sagen die Wissenschaftler, die es wieder viel genauer nehmen, als wir es eigentlich wissen wollten.

Computer nehmen es auch sehr genau und sind daher auf diese exakte Atomzeit (TAI) geeicht. Doch haben wir Zeit schon gemessen, als wir von der Cäsiumresonanz noch keine Ahnung hatten, mit einem menschlicheren Maß: 1/86400 eines mittleren Sonnentages sollte die Sekunde dauern. Und das wollen wir auch nicht ändern, denn bei Tag und Nacht kennen wir uns aus. Aber in dieser „bürgerlichen Zeit“ herrscht Anarchie.

Denn die Erde eiert. Sie dreht sich zuweilen schneller, auf Dauer aber immer langsamer. Daran ist der Mond schuld: Er lässt das Wasser bei Ebbe und Flut an den Planeten reiben und bremst ihn dadurch ab. Die Folge: Die Tage dehnen sich, die Zeit gerät außer Takt.

Dagegen hilft nur ein schlampiger Kompromiss. Ab und zu schmuggeln wir eine Sekunde ein, damit Sonnen- und Atomzeit wieder so halbwegs zusammenpassen. Heute, zu Silvester, ist es wieder so weit. Freuen wir uns über die Schaltsekunde nach 23:59:59 Uhr, auch wenn wir kaum schnell genug schalten können, um sie zu bemerken. Es könnte unsere letzte sein: Da die Schaltsekunden eine schreckliche Fehlerquelle für Computer und GPS-Geräte darstellen, will man sie künftig bündeln. Zu Silvester 2600 könnte man dann eine ganze Stunde länger feiern. Schade, dass wir das alle nicht mehr erleben werden. gau

ZUR PERSON

Name: Schaltsekunde

Gibt es seit: 1972

Die letzten gab es: 1997, 1998, 2005 [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2008)

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