Es gehört zu den undankbaren Pflichten eines auf Fernost spezialisierten Journalisten, sich immer wieder mit dem Inselstreit zwischen China und Japan befassen zu müssen. Undankbar ist diese Pflicht, weil es sich bei dem Konflikt um das diplomatische Pendant des traditionellen japanischen Nō-Theaters handelt: Die Aktionen der beteiligten Parteien sind dermaßen ritualisiert und repetitiv, dass sie sich höchstens in Nuancen voneinander unterscheiden.
Einmal sind es zwei chinesische Fischkutter, die die von Japan kontrollierte und von China beanspruchte Inselgruppe (die je nach Land Senkaku bzw. Diaoyu heißt) ansteuern, dann sind es wieder drei; einmal bleiben sie fünf Stunden in dem Gewässer, dann wieder sieben; und die Unterschiede in den Demarchen, die daraufhin von Tokio nach Peking geschickt werden, muss man auch mit der Lupe suchen. Nichts Neues unter der Sonne, wie es so schön heißt.
Dass es in diesem Konflikt so gesittet zugeht, hat einen Grund – und dieser Grund heißt United States Marine Corps. Für die Amerikaner erfüllt Japan die Funktion eines riesigen Flugzeugträgers, von dem aus sie den Westpazifik überblicken. Peking weiß also: Sollte der Streit mit Tokio eskalieren, wären die USA sofort involviert. Darin unterscheidet sich Japan von südostasiatischen Nationen wie Vietnam, die ebenfalls mit China um Seegebiete streiten, aber keine US-Truppen beherbergen – und folglich leichter erpressbar sind. Wenn es um die Diaoyu-Inseln geht, kann China bellen, aber nicht beißen.
michael.laczynski@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.07.2012)















