Joseph Blatter steht nach der Korruptionsaffäre ehemaliger Fifa-Granden das Wasser bis zum Hals. Von allen Seiten hagelt es Kritik, vor allem deutsche Spitzenfunktionäre haben sich auf den 76-jährigen Schweizer eingeschossen, ihn offen zum Rücktritt aufgefordert. Der Präsident des Weltfußballverbands schlägt nun wild um sich, er konterte mit der Aussage, dass es bei der WM-Vergabe für 2006 nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte.
Das „Sommermärchen“ zu besudeln ist allerdings für den Deutschen Fußballbund mehr als nur eine Ehrenbeleidigung. Eine Gegenattacke, die es in sich hat, schließlich hat sich Joseph Blatter nun mit dem mächtigsten europäischen Mitglied angelegt. Eine Art Kriegserklärung; der Ausgang ist völlig offen.
Blatters System hat Bestand, schon drei Mal hat er den Kongress bei der Wahl überzeugen können. Gegenspieler hat er aus dem Weg geräumt, Widersacher mundtot gemacht. Der „Sonnenkönig“ vom Züricher Sonntagsberg regiert wie ein Patriarch, er ist ein sportpolitischer Überlebenskünstler im Milliardenspiel Fußball. Jetzt aber hat er sich, übrigens Ehrenmitglied des DFB, einen Feind einer neuen Dimension zugezogen.
Blatters Getreue schweigen – wie die Lämmer. Ebenso Michel Platini, der Uefa-Präsident, der den Schweizer als Fifa-Boss beerben will. Er braucht dieser Selbstzerfleischung jetzt nur noch zuzusehen. Abwartend, ob das auf persönlichen Profit ausgerichtete System zerfällt. Gewinnt Blatter aber auch noch diesen Machtkampf, dann hat sich der DFB die wohl schmerzhafteste Niederlage eingehandelt. Schlimmer als jedes verlorene WM- oder EM-Finale.
wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2012)















