Ein Kennzeichen guter Propaganda ist die Halbwahrheit. Man blendet einfach aus, was für einen selbst unvorteilhaft ist und überspitzt das, was dem Gegner schadet. Diese Art vor Propaganda gibt zwar keineswegs die Wahrheit wieder, birgt aber einen wahren Kern in sich. Und das macht sie so effektiv.
Es war Propaganda dieses Stils, die Syriens Fernsehen vor zwei Wochen verbreitete: In einer Talkshow wurde mit Saudiarabien abgerechnet, das Syriens Rebellen unterstützt. „Wie kommen die Saudis darauf, unseren Präsidenten über Menschenrechte und Demokratie zu belehren?“, ereiferte sich ein Diskutant. „In Saudiarabien dürfen Frauen nicht einmal Auto fahren.“ Natürlich war in der Talkshow nicht von den Verbrechen der syrischen Regierungstruppen die Rede. Das Argument mit den Saudis jedenfalls wirkte – es hatte einen wahren Kern.
Schon in Libyen hatten sich die arabischen Golfmonarchien für den Aufstand starkgemacht. Innerhalb der Arabischen Liga, die nun erneut zu Syrien getagt hat, gehören die Saudis zu denen, die ein hartes Vorgehen gegen Syriens Regime befürworten. Sie tun das aber nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern aus Eigeninteresse: um den Konkurrenten Iran zu schwächen und ihre Vorstellung eines sunnitischen Islam im arabischen Raum zu stärken. Die Freiheit, die die Saudis meinen, ist eine andere Freiheit als die, die viele Syrer meinen – und vor allem etwas anderes als das, was man sich in Europa unter Freiheit vorstellt.
wieland.schneider@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)















