22.05.2013 00:39 Merkliste 0

Very British: Das Lächeln eines Volksschullehrers

Von MARKKU DATLER (Die Presse)

10.000 Freiwillige leisten bei den Spielen in London hervorragende Dienste. Sie sind freundlich, schuften und schwitzen – für Kost und Logis. Dafür drohen Beamte nun mit Streik.

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Olympische Spiele sind immer, für alle Beteiligten, ein einziger Wettbewerb. Sportler wollen Medaillen gewinnen, TV-Sender die besten Übertragungsplätze, Fotografen die besten Positionen, Journalisten die Topstorys. Sponsoren verlangen überall ihre Logos präsent zu sehen, Funktionäre erwarten Sitzplätze in der ersten Reihe etc. Manche Anrainer in London betrachten das muntere Spiel unter den fünf Ringen jedoch aus einer ganz anderen Sichtweise: Ihnen kann es nicht schnell genug gehen, dass die ungebetenen Besucher wieder aus der Nachbarschaft verschwinden. Ihre Häuser und Wohnungen sind im Stadtteil Stratford durch einen Metallzaun „ausgegrenzt“ und hinter einer hässlichen, endlos langen violetten Abdeckungsplane versteckt.

In Großbritannien freut man sich dennoch überwiegend auf die dritten Sommerspiele in London. 10.000 Freiwillige, sogenannte „Volunteers“, sind im Einsatz, einer von ihnen heißt Bob. Er verrichtet seine tägliche Zwölf-Stunden-Schicht auf dem Flughafen Heathrow. Gleich nach dem eigens für die Olympia-Familie freigehaltenen Schalter der Passkontrolle wartet der Volksschullehrer auf die ihm zugeteilte Klientel: Journalisten. Er nimmt sie tatsächlich an der Hand, lächelt und führt sie schnurstracks zur Akkreditierung. Das Prozedere ist in fünf Minuten erledigt, Bob lächelt immer noch – wie ein Lehrer – und weist dann den direkten Weg zum Airport Express. Er ruft sogar noch in väterlicher, höflicher Manier hinterher: „Nice to meet you, have a nice trip.“

Schneller geht es nicht: 20 Minuten nach dem Ausstieg aus dem Flugzeug waren alle Modalitäten erledigt und der Zug erreicht. Dafür gebührt London die Goldmedaille, nur wird dieses Service nicht jedem angeboten. Touristen ohne IOC-Akkreditierung müssen bei der Passkontrolle schmoren, sie dauert derzeit knapp eineinhalb Stunden. In diesem Fall spielt Wettbewerb plötzlich keine Rolle mehr. Weil die Beamten in ihrem gewerkschaftlichen System und bei der Gehaltserhöhung übersehen wurden, kündigten sie für Donnerstag, den Tag vor der Eröffnungsfeier, auch einen Streik an. Das löst einen Schlusssprint aus, es wäre für London ein Fiasko. Also tummeln sich nun Politik und Olympiavertreter, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen.
Bob hat auf diese Frage keine Antwort. Außer Unterkunft, Essen und einer hässlichen violetten Uniform erhält er während seines Airport-Einsatzes keinen Penny. Dass er die Pässe kontrollieren könnte, ist vollkommen ausgeschlossen. Bob lächelt – immer.

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

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4 Kommentare
Gast: T. Light
25.07.2012 10:44
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da sieht man es wieder

Die kapitalistische Marktwirtschaft funktioniert doch nicht - der Staat wird immer wieder gebraucht - nicht einmal der erzkonservative Cameron schafft es, ohne Staat auszukommmen...

wenn es ernst wird,

dann funktioniert nur noch ein einsatz von idealisten a la bob. und staatliche strukturen.

für die sicherheit der spiele wurden private security-firmen engagiert. doch deren mitarbeiter fallen massenweise aus: schlecht bezahlt, schlecht ausgebildet, demotiviert. krankenstände und abwesenheiten sind hoch.
also muss letztlich doch wieder der staat ran in form von tausenden soldaten...

wann wird markku datler endlich auch ehrenamtlich seine kommentare verfassen?


so ganz ohne bezahlung lebts sichs doch wirklich besser, oder etwa nicht? könnte sein, dass dem lieben markku dann das lachen vergeht, aber uns lesern und v.a. dem chefredakteur würde er ein lächeln aufs gesicht zaubern.

also: los gehts! das ehrenamt journalist ruft! spende dein gehalt der "presse" oder bist du so ein egoistischer gewerkschaftsheini, der auf bezahlung besteht?

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Re: wann wird markku datler endlich auch ehrenamtlich seine kommentare verfassen?

Versklavung ist heute en vogue und die meisten sind so blöd und finden das auch noch toll. Vor ein paar Jahren hatten ja Mitarbeiter von DHL dafür demonstriert, unterbezahlt zu werden. Es spielen sich ziemlich erstaunliche Dinge ab. Und es ist heute viel besser, weil für Leibeigene oder Sklaven war man ja auch verantwortlich.

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