Jamaika steht für Sommer, Sonne, Strand, Reggae, Rum und schöne Menschen. Geht es um Sport, werden die Einwohner der Karibikinsel sofort mit Leichtathletik in Verbindung gebracht. „Cool Runnings“ erlebt in London aber keineswegs eine Neuauflage des Bob-Märchens, sondern wird von den Sprintern auf der Tartanbahn eindrucksvoll vorgelebt. An den Jamaikanern führt auch bei diesen Sommerspielen über 100, 200 und 400 Meter kaum ein Weg vorbei.
In Kingston Town finden jährlich die „Champs“, die landesweiten Schulmeisterschaften, statt und ziehen eine ganze Nation in ihren Bann. Dort laufen aber keineswegs die Superstars, sondern Kinder. Das ist die seit Jahrzehnten tunlichst gepflegte Wurzel für das breite Sportinteresse. Die besten Läufer werden ausgefiltert und auf diverse Leichtathletikklubs aufgeteilt, trainiert und von Kindesbeinen an gefördert. In Österreich wäre so etwas vollkommen undenkbar. Hierzulande gilt Laufen zwar als beliebter Hobbysport, bei Kindern im Turnunterricht aber fast als Strafe, als „Training ohne Ball“.
Weltrekordhalter Usain Bolt, Weltmeister Yohan Blake, Asafa Powell oder Sprinterin Veronica Campbell-Brown sind in ihrer Heimat Kultstars. Das Quartett wird auch in London dafür sorgen, dass Amerika im Sprint sieglos bleiben wird. Seit dem letzten großen Dopingfall – es traf Justin Gatlin, den Olympiasieger von Athen 2004 –, müssen sich die USA mit der Rolle des „Mitläufers“ zufriedengeben.
Blake, der seinem Landsmann und Titelverteidiger Bolt bei den Trials zwei bittere Niederlagen zugefügt hat und darob als Favorit auf den Sieg über 100 Meter gehandelt wird, stellte sich bei einem Termin seines Ausrüsters den Fragen vieler Journalisten. Er vermied dabei die üblichen Begriffe wie Rivalität oder Krieg, die Laufbahn sei doch für alle da. Als Österreicher musste man bei einer Antwort hellhörig werden. Man dürfe an nichts denken, der Kopf müsse frei sein, alles andere zähle nicht. Im Gegensatz zu Markus Rogan wird Blake sein Ziel erreichen und eine Medaille gewinnen. Aber ohne vorher zu jammern oder sich mit falschem Understatement schlechter zu machen, als er ist. Sein Kopf ist ihm nämlich nicht im Weg.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2012)















