19.05.2013 01:34 Merkliste 0

Strasser, ein Medienversagen

GEORG RENNER (Die Presse)

Die Verfehlungen des Ex-EU-Parlamentariers hätten früher aufgedeckt werden können.

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Im Mai 2010 besuchte eine Delegation niederösterreichischer Journalisten auf Einladung Ernst Strassers, noch kein ganzes Jahr EU-Parlamentarier, Brüssel, um sich von dem damaligen Vorsitzenden der ÖVP-Fraktion über sein salbungsvolles Wirken informieren zu lassen. Dabei waren neben dem Autor dieser Zeilen Kollegen von ORF, „NÖN“, „News“, „Kurier“, „Standard“ und „Bezirksblättern“. Bei einem Abendessen im Restaurant „Les Chapeliers“ im Zentrum Brüssels machte Strasser schon damals – ohne dass sich jemand als Klient getarnt hätte – keine Mördergrube aus seinem Herzen: „Parlamentarier! Die reden und reden und reden, und jeder glaubt, er wär' so wichtig – für mich ist das gar nichts“, war zwischen dem einen oder anderen Glas Wein ebenso zu hören wie der Schlüsselsatz „Ich bin eigentlich nur hier, um Kontakte für meine Firmen zu knüpfen“.

Aufgegriffen hat das damals – niemand. Sei es aus falsch verstandenem Respekt, sei es, weil wir dachten, Strasser hätte im Scherz gesprochen: Nichts von der Verachtung, die er da für seine Funktion und indirekt für seine Wähler zum Ausdruck brachte, wurde berichtet – und niemand dachte an Korruption. Es blieb ironischerweise britischen Journalisten aus Rupert Murdochs Brachialmedienreich überlassen, Strassers moralische und politische Verfehlungen publik zu machen.

Ein Versagen von uns Medienvertretern: Dass wir damals im „Les Chapeliers“ nicht nachgeforscht haben, war ein schwerer Fehler; Strassers Absichten waren offensichtlich für jeden, der genauer hingehört hätte – eine Lektion, die wir gelernt haben.

Übrigens: Mit am Tisch saß damals auch ein Vertreter der niederösterreichischen VP.

 

georg.renner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.08.2012)

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24 Kommentare
Gast: Gfrastsack
09.08.2012 10:31
2 0

Und wer ist das?

Dann kommen sie wenigstens jetzt ihrer journalistischen Sorgfaltspflich nach und nennen und den Namen des niederösterreichischen ÖVP Vertreters...

Trotzdem Hut ab, für dieses (späte) Eingeständnis.

Gast: MiddleAge
08.08.2012 10:53
0 0

Auch Journalisten...

... können korrumpierbar sein. Wenn man noch jung und unerfahren ist, merkt man nicht einmal, dass man korrumpiert wurde. Warum hat denn der Strasser überhaupt Journalisten in so ein Lokal eingeladen? Eine Pressekonferenz mit Kaffee und Kuchen wäre angemessen gewesen, aber eine Einladung ins Chapeliers? Journalisten werden laufend von allen möglichen Leuten (Politikern, Wirtschaftstreibenden) eingeladen...warum nur?

Gefordert ist auch bei Journalisten eine professionelle Distanz zu Personen und auch zu Firmen, über die berichtet wird. Sonst wird man schnell zum - verzeihen Sie den deftigen Ausdruck - "Trottel vom Dienst".

Gast: Gast: Leser
07.08.2012 18:56
1 0

Einladung

Als Erklärung bietet sich wohl an, dass die Restaurantrechnung offenbar von Strasser (bzw. seinem Geschäftskonto) bezahlt wurde.

Gast: Dolfi Teufel
06.08.2012 22:09
2 0

"Die Wahrheit wird man doch noch sagen dürfen"!

Übrigens: der Medienzar "Mordechai" Murdoch ist Australier, geschäftlich im gesamten angelsächsichen Raum im Pressewesen engagiert und ein erklärter Gegner der EU. Seine bezahlten Schreiberlinge haben Strasser - wie unschwer zu erkennen ist - zwecks Diffamierung des EU-Parlaments "aufs Kreuz gelegt"! Dieser "Blattschuß" würde von unserer Linken mit Wonne berichtet, war es doch eine glänzende Gelegenheit, mithilfe der ausländischen (allerdings berühmt-berüchtigten) angelsächsichen Journalistik ein weiteres ehemaliges Mitglied der verhaßten Regierung Schüssel beim Wähler zu desavouieren!

Bei der ganzen Angelegenheit stellt sich mir allerdings die Frage, wie ein einzelner Abgeordneter eine gesetztgebende Körperschaft in ihrem Abstimmungsverhalten beeinflussen kann.Einen erfolgreichen "Stimmenkauf" gibt es bekanntlich nur bei knappen Abstimmungen, wo es wirklich auf einzelne Abgeordnete ankommt.

"Lobbying" wird weiters erfolgreich betrieben, wenn einflußreiche Vereine wie etwa der ÖGB auf die ihnen nahestehenden Abgeordneten politischen Druck ausübt oder im internationalen Maßstab, wenn etwa Großmächte durch Sanktionen die auf die Politik souveräner Staaten Einfluß nimmt...

Meiner Meinung nach sollte man die Causa "Strasser" einmal nüchtern und fern von der Tagespolitik betrachten. Ob das unserer Justiz schon in Hinblick auf die Karrierechancen einzelner StA od. Strafrichter tatsächlich gelingt, bin ich schon neugierig!

Und in ein paar Jahren ...

... werden sich dann ein paar "wahrheitsliebende" Journalisten daran erinnern, dass doch 2012 die Inseratenkampagne schon ein schiefes Licht auf Politik und Presse geworfen hat und diese Machenschaften schon früher hätten aufgedeckt werden müssen.

Und ganz zufällig wird dies genau dann passieren, wenn ohnehin alles aufgeklatscht ist und von wichtigeren und aktuelleren Skandalen abgelenkt werden muss.

Hr. Renner, wenn Sie diese Reue tatsächlich ernst meinen, dann nehmen sie invetigativen Journalismus und die wichtige Rolle unabhängiger und kritischer Medien wenigstens heute ernst, anstatt über "vergossene Milch" zu lamentieren. Dann kann ich auch wieder Achtung vor den Medienleuten empfinden. Aktuell sind die österreichischen Medien ja leider Teil des Filzes und Part of the Game ..

Re: Und in ein paar Jahren ...

Medien sind mittlerweile nur noch Part of the game. Wer an die 4. Säule glaubt, glaubt auch an den Osterhasen

Gast: Glaubnienix
06.08.2012 12:17
0 0

Der Mann gehört ausgezeichnet

Für seine Wahrheitsliebe. Der denkt sich nicht viel dabei. Die, die ihm zu seiner Funktion verhalfen, für ihn die Werbetrommel rührten und damit ein paar Wählerstimmen brachten, sind es , denen er zu Dank verpflichtet ist und von wo zukünftiges Gutes zu erwarten ist, natürlich nicht das Stimmvieh. Warum sollte man das bei einem guten Glas Wein nicht aussprechen. Nach den Üblichkeiten, ist das System Scheindemokrtie doch ein abgekartetes System?, in dem auch der eine oder andere Medienzampano eine Statistenrolle bekommt.
Er hat nur nicht bedacht, dass wir eine Zeitenwende durchlaufen.

Österreich wird erst wieder aufleben,

wenn es diese verdammte ÖVP nicht mehr gibt!

,Strasser...

..... war in der ÖVP als Wahlkampfstratege bekannt und wurde daher von Pröll jun. - dem Josef - für die EU-Wahl herangezogen, da dieser Karas nicht als Wahlkampflokomotive gesehen hat. Die vielen Vorzugsstimmen verdankt Karas wahrscheinlich jenen ÖVP - Sympatisanten die diese Umstände nicht gutierten. Dass dem "Organisator" Strasser ein Parlamentsposten zu gering erschien konnte man bereits bei dessen Wahl beobachten. So wie hier - in diesem Kommentar - ein Journalist ganz ehrlich "mea culpa" sagt, müssten auch wir Wählerinnen und Wähler uns fragen, warum wir auf Typen wie dem "Strasser Ernstl" eher "abfahren" als auf den Typ "Othmar Karas" der offensichtlich in Brüssel die ihm anvertraute Arbeit sehr gewissenhaft verrichtet. Mein Typ zum Nachdenken: Werden Politikerinnen und Politiker von uns Wählerinnen und Wähler immer mehr danach beurteilt, ob sie gegebenfalls für uns "ganz persönlich" einen Vorteil "heraushauen" können und nicht danach ob sie dem "bonum commune" - dem Allgemeinwohl - dienen wollen? Natürlich ist Politik auch das "Vertreten für Interessensgruppen" aber immer auch "das Gestalten von Lebensbereichen die für die Allgemeinheit wichtig sind".

nicht immer sind die Wähler ...

... diejenigen, die sich täuschen lassen sondern getäuscht werden. dies offenbart sich im fall strasser in bei der eu-wahl auf eindrucksvolle weise. über 100.000 vorzugsstimmen für karas haben nicht ausgereicht, pröll davon abzuhalten, dennoch strasser zum delegationsleiter zu machen. wes geistes kind strasser war und ist, haben die wähler offensichtlich besser durchschaut als die övp-führung - es sei denn, sie handelte wider besseres wissen.

in vielen anderen fällen muss ich ihnen leider beipflichten. nicht anders ist es zu erklären, dass ein demagoge wie haider, ein blender wie grasser, schlichte gemüter wie dörfler, faymann oder platter in solche Positionen kommen können, ganz abgesehn von solch dubiosen figuren wie hp martin oder den scheuch-brüdern.

politisches denken ist an politische bildung geknüpft. diese wird in österreich offensichtlich mit allen mitteln verhindert.
der grossartige deutsche kabarettist georg schramm thematisiert das in einem seiner programme auf deutschland bezogen - und für österreich ohne einschränkung anwendbar - auf unübertreffliche art und weise. anzusehen auf youtube. und anschließend bitte innere einkehr halten.

blender, populisten und demagogen sind die grosse gefahr für die demokratie. jeder ist aufgerufen, mit wachem verstand sein kreuzchen auf dem stimmzettel zu machen.

Re: ,Strasser...

sie haben völlig recht: der wahre versager ist und bleibt der wähler.

nur als beispiel für ihr "bonum commune": welcher politiker wird bei einer eu-wahl eher gewählt?
jener der, wie es dem amt als eu-abgeordneter gebührt, verspricht sich für das funktionieren und wohl der eu einzusetzen?
oder jener, der (wie in der vergangenheit beobachtet) blöd daherredet und mit "ich werde für österreich arbeiten" eine pflichtverletzung ankündigt?

dem wähler sind solche massiven verletzungen der aufgaben eines abgeordneten wurscht. und es ist nicht verwunderlich, dass der bürger am ende den abgeordneten ebenfalls wurscht ist!

Wenn Strasser angeklagt wird, könnte er einiges über Schüssel und die Parteifinanzierung ausplaudern

das wäre für die ÖVP und den ihr nahestehenden Medien ein veritables Desaster. Die GroKo wäre damit Geschichte. Und das wird mit allen Mitteln verhindert, da sei doch die Justitzministerin vor.

Gast: der g'scherte
06.08.2012 07:13
5 0

in St Pölten , in Brüssel und anderswo

Journalisten wurden auch in Brüssel verpröllt (wie in St Plöten gewöhnt). Journalisten ließen zu, daß ein Fotograf verscheucht wurde-die anderen blieben solidarisch in der Kärntner Pressekonferenz, weil der hiafler da vorn erzählt ja was neues .
Manchmal ist die Haut so dick, daß man ohne Rückrat stehen kann.

Gast: haspinger
06.08.2012 07:04
7 1

Was nützt die Aufdeckung, wenn die zuständige Ministerin eine längst fällige Anklage verhindern muß, damit illegale Parteifinanzierungen nicht transparent werden?

Strasser und Grasser haben doch mit ihrem wissen um illagale Parteifinanzierung ein Faustpfand, welches sie vor längst fälligen Anklagen bis zur Verjährung schützt.
Scheint UHP nicht zu tangieren, könnte ja bei Verzetnitsch ähnlich sein....

Gast: total crash
06.08.2012 05:29
3 0

Ein Versagen von uns Medienvertreter[....]

[...]Strassers Absichten waren offensichtlich für jeden[...]

Aber nicht für die Österreichischen Journalisten,weil von Presseförderung und Ganzseitigen Inseraten Kampagnen der hiesigen Baddeien und/oder Politiker bestens Gelebt werden kann,deshalb hatt und wird man Weghören,-sehen.
Es bleibt so,samt jetziger medialer heuchlerischer Schreibsülze;o(

Selbsterkenntnis

ist der erste Schritt zur Besserung. Bravo!

Aber nur der erste! Also bitte weiterhin wachsam bleiben und keinen falschen Respekt vor selbsternannten "Autoritäten" hegen.

Gast: Erwin der I.
05.08.2012 21:27
2 4

Nix Neues

Herr Renner, dass sie ein Versager sind fällt ihnen erst jetzt auf? Haben sie nicht einen gut dotierten Preis vom Land Niederösterreich erhalten? Und? Klingelt es?

Antworten Gast: Nicht das Land
06.08.2012 08:34
2 0

Re: Nix Neues

hat den Preis vergeben, sondern der "Verein zur Förderung des Journalismus in Niederösterreich". "Gesponsert wird der Preis von namhaften Unternehmen wie der Raiffeisen-Holding NÖ-Wien, Hypo Investmentbank AG, der EVN, der NÖ Versicherung, den Lotterien, Novomatic, Agrana und der Flughafen Wien AG. "

Re: Re: Nix Neues

ja, ja ... alles "namhafte" Unternehmen ... aber auch "rein"?

Gast: b754
05.08.2012 21:03
3 1

medienversagen auch was schüssel betrifft

aber der wird natürlich weiter geschützt von der övp denn sonst würde der ganze sumpf ans licht kommen und nicht nur diese nebenschauplätze

Re: ein Fall


von unheilbarer Schüsselparanoia!

respekt vor diesem 'mea culpa'!

allein: ihre kollegen werden sie bestenfalls ignorieren. vermutlich auslachen.
und genau diesselbe miese performance abliefern, wie sie es auch in der vergangenheit gemacht haben.
jede wette!

Antworten Gast: b754
05.08.2012 21:44
1 1

Re: respekt vor diesem 'mea culpa'!

die zensur ist fest am werk wenns um die verantwortung von schüssel geht da machen die heuchler weiter wie gehabt nämlich alles verschweigen

Antworten Antworten Gast: Hansi Hüpfer
06.08.2012 06:50
7 1

Re: Re: respekt vor diesem 'mea culpa'!

Die rote Schickeria in Wien und nicht Schüssel, dem fast täglich an Bein gepinkelt wird, sind die Wurzeln alles Übels. Schüssel ist Geschichte, die Rotgrünen treiben's noch immer zum Schaden Ö.

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