18.06.2013 09:38 Merkliste 0

Der Umfaller eines chinesischen Hürdenläufers lässt keinen kalt

MARKKU DATLER (Die Presse)

Olympische Spiele sind zwar ein glanzvolles Theater, aber für die Teilnehmer ist es das wahre Leben. Der Fehltritt von Liu Xiang ließ aufhorchen, der Tod eines Ringrichters ging hingegen völlig unter.

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Bei Olympia geht es nicht immer nur um Sieg oder Niederlage. Es geht bei diesem Theaterstück um Emotionen, um Menschen und deren Lebensgeschichten, deren Schicksale. Krimis, Dramen, Betrug – alles live im Fernsehen, und Milliarden Menschen schauen weltweit zu. Die Programmpalette reicht von Religion, Gleichberechtigung, Armut, Unterdrückung, Verfolgung, Krankheit bis hin zum klassischen Schicksal und dem echten und nicht wie so oft von Österreichern in völlig falschem Zusammenhang verwendeten Pech.

Liu Xiang ist unbestritten einer der besten Hürdensprinter der Welt. Der Chinese gewann bei den Sommerspielen 2004 in Athen Gold und löste damit eine in dieser Dimension noch nie erlebte Leichtathletik-Begeisterung in seiner Heimat aus. Der ehemalige Weltrekordler sollte auch das Gesicht der Spiele in Peking 2008 sein, musste aber wegen einer Verletzung kurz vor dem Start passen. China war am Boden zerstört, und auch in London widerfuhr Liu Xiang Unglaubliches. Er stolperte im Vorlauf schon über die erste Hürde und verletzte sich dabei schwer. Die bereits eingerissene Achillessehne dürfte weiteren, noch gröberen Schaden genommen haben. Sein Olympiatraum war erneut geplatzt.

Dann aber geschah etwas, das nur bei Olympischen Spielen geschieht. Liu rappelte sich wieder hoch und hüpfte auf dem linken Bein die 110 Meter lange Strecke an der Seitenlinie entlang. Seine Kontrahenten warteten geschlossen hinter der Ziellinie auf den 29-Jährigen, der unter tosendem Applaus diese Tortur auch meisterte. In diesem Augenblick war allen klar: Liu Xiang ist zwar eine tragische Figur, aber der sentimentale Sieger der Spiele in London.


Der Chinese ist der bekannteste Sportler bei den Sommerspielen, dem das Schicksal etwas in den Weg legte, er ist aber bei Weitem nicht der tragischste Fall. Dass etwa der irische Turner Kieran Behan in London dabei sein konnte, gleicht einem Wunder. Er hatte einen malignen Tumor im Bein und saß nach der Operation lange im Rollstuhl. Später, bei einem Trainingsunfall, verletzte er sich so schwer am Gehirn, dass er alles neu lernen musste. Auch einfachste Dinge wie sitzen und stehen. Oder Südafrikas 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius, der mit Prothesen läuft, weil seine Beine unterhalb der Knie wegen eines Gendefekts amputiert werden mussten. Oder das Ableben eines türkischen Ringrichters: Garip Erkuyumcu erlag vor wenigen Tagen in seinem Hotel einem Herzinfarkt.

Über die wahren Hintergründe, warum sich gleich sieben Kameruner von ihrem Team in London absetzten, ist bislang auch noch nichts bekannt. Ob es wirklich nur „wirtschaftliche Gründe“ sind, die zur „Abgängigkeitsmeldung“ führten, wie es in einer offiziellen Aussendung stand, sei dahingestellt.

Beispiele, in denen es sich um wahres Schicksal dreht, derer gibt es sonder Zahl. Sie gehen allerdings auch in London im Wirbel um Gold, Silber und Bronze oder Weltrekorden zumeist unter. Kommerz, TV und der Goldrausch überstrahlen alles. Doch solche Momente führen der materialistisch denkenden Sportwelt schnell wieder vor Augen, dass ihre Protagonisten, selbst die als unfehlbar eingestuften Chinesen, weiterhin aus Fleisch und Blut sind. Olympia ist zwar eine bunte TV-Show, das Erlebte aber ist real.

 

E-Mails an: markku.datler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)

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