19.06.2013 12:12 Merkliste 0

Die rote Blackbox

MICHAEL LACZYNSKI (Die Presse)

Der Sturz des KP-Bonzen Bo Xilai hat das kommunistische Establishment aufgescheucht.

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Es gibt vermutlich wenige Länder, die journalistische Kreativität dermaßen stark stimulieren wie China. Das ist weder der geografischen Distanz noch dem exotischen Klang von Namen wie Shanghai oder Shenzhen geschuldet, sondern Folge des politischen Rahmens. Um einen Terminus aus der Systemtheorie zu bemühen: Von außen betrachtet erscheint die Volksrepublik wie eine Blackbox – die Mechanismen der kommunistischen Macht lassen sich nur anhand des Verhaltens ihrer Exponenten erahnen. Nachdem also der Blick ins Innere nicht gestattet ist, bleibt nichts anderes übrig, als Hinweise zu sammeln und zu kombinieren.

Hefei, der Austragungsort des Mordprozesses gegen Gu Kailai, ist eines jener vielsagenden Indizien. Die Tatsache, dass über die Frau des in Ungnade gefallenen KP-Würdenträgers Bo Xilai nicht am Tatort Chongqing gerichtet wird, lässt nur einen Schluss zu: Die Machthaber in Peking sind sich der Loyalität der Richterschaft von Chongqing nicht sicher – das wiederum bedeutet, dass der Rückhalt des linksnationalistischen Volkstribunen Bo in der chinesischen Megacity vom KP-Establishment als Gefahr eingestuft wird.

Und noch einen sachdienlichen Hinweis hat es dieser Tage gegeben: Die kommunistische Nomenklatura hat sich im Badeort Beidaihe zu einer Klausur zurückgezogen – angeblich, um die für den Herbst anstehende Wachablöse an der Spitze von Partei und Staat zu finalisieren. Das ist verwunderlich. Denn der jetzige Parteichef Hu Jintao hat dieses sommerliche Ritual nach seinem Amtsantritt 2002 de facto abgeschafft.

Die Schlussfolgerung? In der roten Blackbox rappelt es. Und zwar unüberhörbar.


michael.laczynski@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)

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1 Kommentare
Gast: Ringobingo
09.08.2012 10:03
0 0

Beidaihe...

Diese Behauptung ist leider falsch. Die Treffen der Parteispitze in Beidaihe finden nach wie vor regulär statt, das letzte mal zB imzuge des Zugunglücks von Wenzhou im Juli letzten Jahres.

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