Das Wiener Museumsquartier hat einen neuen Besucherrekord: Rund vier Millionen junge urbane Leute haben sich vergangenes Jahr hier vergnügt, freut sich der neue MQ-Hausmeister Christian Strasser. Tickets für eine der kulturellen Institutionen im MQ lösen natürlich deutlich weniger. Aber so wenige? 1,5 Millionen nur waren es bei der letzten Zählung.
Da sitzt die durchschnittliche MQ-Besucherin – weiblich, Wienerin, 36 Jahre alt – also in diesem flotten Naherholungsgebiet beim Caffè Latte und überlegt. Denkt an das sogenannte „Quartier 21“ in ihrem Rücken, die nobelste Kulturbesenkammer Wiens, in der kleine Kulturinitiativen oder Künstlergruppen ihre Büros betreiben. Jedesmal schleicht man hier peinlich berührt wie ein Eindringling durch ein völlig undurchsichtiges Angebot zwischen öffentlicher Kulturarbeit und Off-Ausstellung und kommt sich dabei dementsprechend unmöglich vor. Also Blick nach vorn.
Vor mir der völlig unattraktive Eingang in die Kunsthalle, im toten Winkel, irgendwo hinten im Eck. Ich blicke nach links – ein weißer Museumstempel, durch scheinbar unendlich viele Stufen dem schnöden Besuchergewusel des MQ-Hofs enthoben. Ich blicke nach rechts – ein schwarzer Museumstempel durch scheinbar unendlich viele Stufen dem schnöden Besuchergewusel enthoben. Was für eine schwachsinnige Architektur!
Selbst als Kunstinteressierter überlegt man mehrmals, diese Burgen zu erklimmen. Von wegen die Schwellen niedrig halten. In Österreich wird die Kunst auf ein Podest gestellt (damit man sie besser ignorieren kann). Oder man verbannt sie in den Untergrund wie im neuen Joanneumsviertel in Graz. Da muss man sich erst ein Herz fassen und (wenigstens per Rolltreppe) in die Hölle (Besucherzentrum) abfahren, um (geläutert? orientierungslos?) wieder in der Neuen Galerie aufzutauchen.
Diese Bauten schauen ohne Zweifel alle sehr chic aus. Aber einladend sind sie sicher nicht. Da muss man sich schon jenseits des Kombi-Tickets etwas einfallen lassen, um das Fußvolk abzuholen. Rolltreppen vielleicht wie in der Albertina? Scherz. Fast mit Wehmut denkt man an die unendlichen Schlangen vor dem MoMA in New York. An die fröhlichen Picknicker im Lichthof des British Museum (freier Eintritt in die ständige Sammlung). In Österreich aber nimmt man die Kunst sportlich: das Salzburger Museum – am Mönchsberg. Das 21er Haus – am Zentralbahnhof. Oder das Nitsch-Museum – in Mistelbach.
Zehn Jahr feierte das MQ im Vorjahr. Es ist ein großer Publikumserfolg. Die Kunst allerdings muss sich hier so fühlen, wenn sie das überhaupt kann, wie der Esel mit der Karotte vor der Nase. Zu tun bleiben eine Neuausrichtung des „Quartier 21“. Und endlich eine fulminante Festwochen-Ausstellung.
E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)















