22.05.2013 04:55 Merkliste 0

Himmel oder Hölle: Die Schwellen zur Kunst sind hoch

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Das Museumsquartier feiert zwar mit vier Mio. Besuchern wieder einen Rekord. Die Kunst aber muss sich fühlen wie der Esel mit der Karotte.

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Das Wiener Museumsquartier hat einen neuen Besucherrekord: Rund vier Millionen junge urbane Leute haben sich vergangenes Jahr hier vergnügt, freut sich der neue MQ-Hausmeister Christian Strasser. Tickets für eine der kulturellen Institutionen im MQ lösen natürlich deutlich weniger. Aber so wenige? 1,5 Millionen nur waren es bei der letzten Zählung.

Da sitzt die durchschnittliche MQ-Besucherin – weiblich, Wienerin, 36 Jahre alt – also in diesem flotten Naherholungsgebiet beim Caffè Latte und überlegt. Denkt an das sogenannte „Quartier 21“ in ihrem Rücken, die nobelste Kulturbesenkammer Wiens, in der kleine Kulturinitiativen oder Künstlergruppen ihre Büros betreiben. Jedesmal schleicht man hier peinlich berührt wie ein Eindringling durch ein völlig undurchsichtiges Angebot zwischen öffentlicher Kulturarbeit und Off-Ausstellung und kommt sich dabei dementsprechend unmöglich vor. Also Blick nach vorn.

Vor mir der völlig unattraktive Eingang in die Kunsthalle, im toten Winkel, irgendwo hinten im Eck. Ich blicke nach links – ein weißer Museumstempel, durch scheinbar unendlich viele Stufen dem schnöden Besuchergewusel des MQ-Hofs enthoben. Ich blicke nach rechts – ein schwarzer Museumstempel durch scheinbar unendlich viele Stufen dem schnöden Besuchergewusel enthoben. Was für eine schwachsinnige Architektur!

Selbst als Kunstinteressierter überlegt man mehrmals, diese Burgen zu erklimmen. Von wegen die Schwellen niedrig halten. In Österreich wird die Kunst auf ein Podest gestellt (damit man sie besser ignorieren kann). Oder man verbannt sie in den Untergrund wie im neuen Joanneumsviertel in Graz. Da muss man sich erst ein Herz fassen und (wenigstens per Rolltreppe) in die Hölle (Besucherzentrum) abfahren, um (geläutert? orientierungslos?) wieder in der Neuen Galerie aufzutauchen.

Diese Bauten schauen ohne Zweifel alle sehr chic aus. Aber einladend sind sie sicher nicht. Da muss man sich schon jenseits des Kombi-Tickets etwas einfallen lassen, um das Fußvolk abzuholen. Rolltreppen vielleicht wie in der Albertina? Scherz. Fast mit Wehmut denkt man an die unendlichen Schlangen vor dem MoMA in New York. An die fröhlichen Picknicker im Lichthof des British Museum (freier Eintritt in die ständige Sammlung). In Österreich aber nimmt man die Kunst sportlich: das Salzburger Museum – am Mönchsberg. Das 21er Haus – am Zentralbahnhof. Oder das Nitsch-Museum – in Mistelbach.

Zehn Jahr feierte das MQ im Vorjahr. Es ist ein großer Publikumserfolg. Die Kunst allerdings muss sich hier so fühlen, wenn sie das überhaupt kann, wie der Esel mit der Karotte vor der Nase. Zu tun bleiben eine Neuausrichtung des „Quartier 21“. Und endlich eine fulminante Festwochen-Ausstellung.

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)

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7 Kommentare

Neuausrichtung des Quartier 21

Der Besen Frau Spieglers fordert –neben ihrer - die Persönlichkeitsrechte ALLER Labels verletzenden Herabsetzung – eine "NEUAUSRICHTUNG des q 21". Was würde dies bei genauer Recherche bedeuten? Wie http://www.m-q.at/index.php?page_id=18 zeigt, versammelt das q 21 folgende Projektlinien: Electric Avenue, Transeuropa, Kulturbüros, Hof 7, Ovaltrakt, Haupthof, Klosterhof. Sollten nach Fr. S. Struktur und Labels aller dieser Linien neu gestaltet werden? Sie meint wohl eher nur eine Restrukturierung der Electric Avenue (E/A). Da aber die dort etablierten Initiativen, wie ein Rückgriff auf deren Websites, Publikationen usw. über den obigen Link zeigt, unterschiedlichste – überwiegend im Bereich der Digitalen Kunst und Kultur angesiedelte, meist evolutiv experimentelle – Projekte realisieren ( Events [Raum D], Ateliers, Shops, Info-Point, Präsentation [ASIFA, Or-Om] u.dgl.) würde ein Redesgning durch windschlüpfrige Vereinheitlichung gerade das gesamte experimentelle Förderkonzept alternativ – überwiegend digital – arbeitender Initiativen und ihrer autonomen Räume zunichte machen.
Es ist sicher nicht erforderlich, dass JEDER Besucher des MQ die gesamte Struktur des q 21 vor Augen hat. Eine ausführliche Informationstätigkeit sowohl der MQ-Administration als auch des ESEL-Info-Points in der E/A liefern jedem, der die *inhaltlichen Hintergründe* erkennen will, ausreichend Grundlagen. Also: Nicht Neuausrichtung des q 21 sondern Neuausrichtung der Sp. - SICHTWEISE auf q 21 und E/A!

Gast: Franz Ablinger, monochrom
09.08.2012 16:15
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Einmal durchgehen reicht nicht.

Trotz des umfangreichen und gut rezipierten Programms haben gerade kleine Kulturinitiativen nicht das Budget, ständig anwesend zu sein. Immerhin ist das quartier21 Arbeitsstätte und Atelier der Kunstschaffenden, da besteht keine Ausstellungspflicht. Aber es bietet die Chance, KünstlerInnen bei der Arbeit zuzusehen und vielleicht Interessantes zu erleben - wenn man sich darauf einlässt und nachfragt.
Die Alternativen? Shops, größere Institutionen, mietbare Veranstaltungsfläche? Dann wäre das MQ derselbe Kulturtempel wie es ihn tausendfach auf dem Planeten gibt. Mit den schon hundert Mal gesehenen Wanderausstellungen. Nett, aber fad.
Die Mischung macht's! Nicht umsonst kommen Delegationen aus aller Welt, um sich das gelungene Experiment Museumsquartier Wien anzusehen - und zu lernen. Architektonisch kann man immer quengeln, aber unter den gegebenen Umständen versuchen die großen und kleinen Institutionen gemeinsam mit und im MQ, ein für alle interessantes Programm auf die Beine zu stellen. Und ich denke, das kann sich sehen lassen.

Bitte Inhalt statt Oberfläche

Mit ihrem Beitrag zum "quartier 21" – er ist ja nicht der erste – hat Ihr disqualifizierender, herabwürdigender und künstlerische und individuelle Persönlichkeitsrechte verletzender Angriff das Maß des Erträglichen überschritten. Die im q 21 vertretenen Labels und das jährliche Event-Profil des Raum D befinden sich hinsichtlich ihrer überwiegend im Bereich der Digitalen Netz- Kunst und -Kultur im Internet erfolgenden Aktivitäten jenseits der von Ihnen vorwiegend betreuten Schnittstelle von analoger Traditionskunst und Kunstmarkt, welche in einem von Beliebigkeit bedrohten 4. Aufguss der klassischen Moderne qualitativ leicht kritisiert werden könnte. Diese Labels – jenseits des üblichen Kunstbetriebs – hätten ohne die Unterstützung des q 21 kaum eine Chance in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.
Sie – Frau Spiegler – haben sich noch nie mit den digitalen Inhalten dieser Initiativen und Ihrer Präsentation in Raum D auseinandergesetzt sondern versuchen ständig, diese Gruppen als Schmuddelkinder abzukanzeln.
Or-Om etwa würde sich sehr freuen, wenn sie statt der Versendung von Nebelgeschoßen deren Kunsttheorie und -Praxis inhaltlich in ihrer Zeitung kritisch behandeln könnten.

Gast: eSeL.at
09.08.2012 15:24
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Eingangsportal

"...wie der Esel mit der Karotte vor der Nase."
- genau!

Mit der eSeL REZEPTION als Infobüro am Eingang zur Electric Avenue @quartier21 geben wir derlei Hungrigen gerne - und oft!- vor Ort Empfehlungen, wo sich der gefürchtete (?!) Aufstieg zur Kunst (oder Augenhöhe-Direktkontakt mit q21-Iniatitiven) lohnt. Keine Angst vor Eindringlingsgefühlen, wir sind als Shop getarnt... >;e)

Gast: Quartier für Digitale Kultur
09.08.2012 13:40
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Grüße aus der Besenkammer

Das Almuth Spiegler sich wie ein "Eindringling" in Sachen Zeitgenössischer Kunst- und Kultur fühlt, ist irgendwie traurig. Auch wäre es schöner, wenn ihr die Architektur des MQ besser gefallen würde. Schöne Wünsche, aber dafür könnte es wohl schon zu spät sein.

Da ruft sie lieber ein trotziges "hinweg mit dem Kleinkram!" und verlangt an dessen Stelle nach fulminanten Produktionen der Wiener Festwochen. Ja, das wäre einfach.

Es wäre einfach, weil es un-peinlich, bewährt, publikumssichernd und so gar nicht Besenkammerexperiment wäre. Und gerade das sind die Puzzlestücke des Zeitgenössischen: Experimentell, unangepasst und manchmal so peinlich, dass man den Blick abwenden möchte.

Wien und das MQ tun gut daran, diese Freiflächen des Zeitgenössischen bereitzustellen; sie tun gut daran Kunst und Kultur nicht auf bloße CashCows und CentersOfExcellence zu verengen.

Vielleicht wäre es toll, dieses kultur-pluralistische Konzept breiter zu erklären, um auch die Verschreckten davon zu überzeugen, dass Kunst- und Kulturarbeit auch abseits von "fulminanten" Einzelereignissen gemacht werden soll und muss. Gerade an Orten wie dem quartier21 bzw. MQW.

Thomas Thurner

Antworten Gast: Vitus Weh
10.08.2012 13:27
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Re: Grüße aus der Besenkammer

Hallo Thomas, Dein Plädoyer für die peinlichen Puzzlestücke des Zeitgenössischen finde ich sehr sympathisch.

Genau um inmitten des symbolischen Kulturzentrums MQ auch die schillernde Vielfalt der Kulturformen zu zeigen, um Platz für experimentelle Ansätze bereitzustellen und um die Bedeutung der Produktion zu betonen, wurde vor 10 Jahren das quartier21 gegründet. Vieles am quartier21 war dabei von Anfang an selbst experimentell. Einiges davon hat sich sehr bewährt, anderes weniger.
Mir ist beim Artikel besonders aufgefallen, dass Almuth Spiegler das quartier21-Konglomerat offensichtlich ausschließlich über die Electric Avenue wahrnimmt. Damit ist sie jedoch wahrscheinlich Volkes Stimme und trifft sie sich mit 90 % der MQ-Besucher. Weder spricht sie also über das bemerkenswert gute Artist-in-Residence-Programm des q21, noch über die tollen experimentellen Ausstellungen im Freiraum, noch über die beim Publikum beliebten Themenpassagen, noch über den idealen Bürostandort für Redaktionen, Agenturen und Festivalbüros.
Wenn aber all diese Aspekte des Zeitgenössischen vom breiten Publikum nicht wahrgenommen werden, weil das q21 mit dem (begrenzten) digitalen Spiegelkabinett der Electric Avenue gleichgesetzt wird, dann empfinde ich das schon als ein gröberes Problem.

Gast: Fleming
09.08.2012 05:58
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.bauchladen...

Für die Kunst alleine rührt man in Österreich keinen Finger,.. da muss schon anderes Beiwerk herhalten,.. fressen, saufen, kaufen, ....alles wurde verramscht, verhüttelt, verpackt,... und die Direktoren präsentieren- unterwürfig, wie sie nun mal sind- der Politik die Quoten.
Und weit und breit niemand auszumachen, der diesen Bazar wieder einmal richtig ausmistet,.. die Kritiker dienen dem Markt und den Auflagen, die Künstler kollaborieren sowieso, die Kulturmanager
kommen aus der Lifestylebranche,..aber seien wir mal ehrlich,.. all diese Kulturbuden haben doch auch ihre Planer, Berater und Architekten gehabt-- warum sind die bloss so ruhig ???

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