In dem europäischen Krisentheater, das wir seit mittlerweile gut zwei Jahren über uns ergehen lassen müssen, waren die Rollen bisher klar verteilt: Auf der einen Seite die Südeuropäer – versammelt unter dem Banner der demokratischen Legitimität und geeint in ihrem Versuch, die Attacken der nordeuropäischen Erbsenzähler auf ihre Selbstbestimmung abzuwehren. Auf der anderen Seite die grauen Herren aus Brüssel und Frankfurt – Büttel des deutschen Finanzkapitals, die in den Hauptstädten des Südens ein strenges Regiment führen möchten, wenn man sie lässt.
Doch diese praktische Schablone hat nun ausgedient. Und zu verdanken haben wir das ausgerechnet den Deutschen, die immer lauter über ein Referendum nachdenken, im Zuge dessen über eine Änderung des Grundgesetzes befunden werden soll. Denn so gut wie alle Wege aus der Schuldenkrise führen über eine engere europäische Zusammenarbeit – was eine partielle Aufgabe der deutschen Souveränität bedeutet.
Dass diese Wendung in Griechenland und anderswo für Nervosität sorgen muss, liegt auf der Hand. Denn sie entspricht so gar nicht der südeuropäischen Lesart der Souveränität, die den Schuldnern den Zugriff auf die Konten der Gläubiger erlaubt.
Das Recht auf Selbstbestimmung gilt demnach nur südlich des Weißwurstäquators. Und der Versuch, dieses Recht auch in Deutschland auszuüben, ist ein Sakrileg. Sollten es die Deutschen also ernst meinen mit ihrem Referendum, können wir uns auf mahnende Stimmen aus Athen gefasst machen, die vor den Gefahren der Demokratie für das geeinte Europa warnen.
michael.laczynski@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.08.2012)















