Musikalische Wiener Planspiele und die große Tradition

Bernhard Kerres verlässt Wiens Konzerthaus vor den Feiern zu dessen 100. Geburtstag, Mitte kommenden Jahres. Matthias Naske soll ihn ersetzen.

 

Die Saison hat noch gar nicht begonnen, schon brodelt es. Bernhard Kerres, Chef der Wiener Konzerthausgesellschaft, will sich verändern und verlässt sein Haus Mitte 2013. Das klingt wie eine Routine-Angelegenheit, doch stehen im Musikleben einige wichtige Daten an, die es zu feiern gilt. Darunter nicht zuletzt den 100.Geburtstag des Konzerthauses, das Kaiser Franz Joseph im November 1913 eröffnet hat.

Die große Schwester, die Gesellschaft der Musikfreunde, zelebriert seit geraumer Zeit – und noch eine ganze Spielzeit lang – ihren 200.Geburtstag. Sie beschäftigt zu diesem Zweck nicht nur – und sozusagen gewohnheitsmäßig – die Crème de la Crème des internationalen Musikbusiness mit Werken von Bach bis Zemlinsky. Sie hat aus gegebenem Anlass auch etliche Aufträge an die führenden Komponisten unserer Zeit vergeben.

Die Pflege des Zeitgenössischen wiederum war in der jüngeren Vergangenheit gefühlsmäßig doch eher im 101Jahre jüngeren Konzerthaus daheim. Erst mit den jüngstvergangenen Spielzeiten haben sich hier die Grenzen ein wenig verwischt.

Jedenfalls konnte der Musikverein die Musik des 20. und des beginnenden 21.Jahrhunderts in seinen Repertoire-Kanon eingemeinden – und dem „anderen“ Haus blieb vor allem die Cross-over-Schiene zur Imagebildung.

Die Erfolge auch auf diesem Gebiet erweisen sich nun vielleicht als nicht schlagkräftig genug, um zu kaschieren, dass man seit der riesigen Renovierung vor einem guten Jahrzehnt – unverschuldet – auf einem gigantischen Schuldenberg sitzt.

Grund genug für die öffentlichen Geldgeber, vor der anstehenden 100-Jahr-Feier einmal darüber nachzudenken, wie dieses Problem nachhaltig lösbar wäre; und das Konzerthaus angesichts der enormen Nachfrage nach Livemusik von im weitesten Sinne „klassischer“ Prägung in der Musikstadt wieder konkurrenzfähig zu machen.

Immerhin: Das Baujuwel aus der Jugendstil-Ära mit exzellenter Akustik– das nur wegen der direkten Konkurrenz des unschlagbaren „Goldenen Saales“ kein Superstar unter den internationalen Konzerthäusern sein kann – war unter der Intendanz des legendären Egon Seefehlner einst die Wiege der Wiener Festwochen.

Zu solcher Höhe wieder zurückzufinden, bedarf es weitsichtiger Politik – finanziell: Das Haus gehört auf eine sichere Basis gestellt. Und künstlerisch: Mit Matthias Naske, ehemals Jeunesse Wien, heute Luxemburg, einem besonnenen, aber der Musik liebevoll-kennerisch hingegebenen Manager, könnte ein guter Mann dafür gefunden sein.

 

E-Mails an: wilhelm.sinkovicz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2012)

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