Wer zum Ausdruck bringen will, dass er irgendein Ereignis für besonders unwichtig hält, greift manchmal zum Sager vom „Fahrrad, das in China umfällt“. Klar, so was ist in dem Land, dessen mehr als 1,3 Milliarden Menschen hunderte Millionen Drahtesel besitzen, natürlich so häufig wie unwichtig. Der Spruch impliziert aber eine Metaebene: China, das ferne Land hinter den Bergen mit seinen lächelnden Menschen ist rückständig und arm – und daher per se nicht so wichtig.
Wenn nun dieser Tage die halbe Regierung des Wirtschaftsriesen Deutschland samt der größten deutschen Wirtschaftsdelegation ever China besucht, wird klar, dass der Spruch nicht mehr passt. Erstens, weil in Chinas Städten Autos die Fahrräder verdrängt haben. Und zweitens, weil das kommukapitalistische Land bereits offen als Imperium auftritt und Europa, dem selbst ernannten Kontinent der Zivilisation und Menschenrechte, tatsächlich die Leviten liest: Wie sagte Chinas Premier Wen Jiabao bei der Pressekonferenz mit Kanzlerin Angela Merkel? Er sei ob der Eurokrise, des möglichen Euro-Austritts Griechenlands und einer möglichen Pleite Italiens und Spaniens extrem besorgt. Er mahnte Berlin, den schwachen EU-Ländern zu helfen – und bemerkte, dass Sparen allein, wie Merkel glaubt, das Problem nicht lösen könne.
Sicher, Deutschland und China sind wirtschaftlich massiv voneinander abhängig, beide brauchen einander als Märkte. Aber Europa braucht Peking immer dringender als Geldgeber, als Käufer von Euro-Anleihen. Und: So wie Wen tönte, klang es nicht mehr nach dem Fahrrad-China von einst, sondern nach einer neuen Supermacht, auch im militärischen Sinn. Und irgendwie erinnerte es an einen Großkönig, der seinen Vasallen rüffelt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2012)















