22.05.2013 20:31 Merkliste 0

Wenn sich die Regierung schon selbst entmündigt

KARL ETTINGER (Die Presse)

SPÖ und ÖVP sollten im Jänner die Bürger nicht nur zum Heer, sondern auch über Uni-Gebühren und Gesamtschule befragen, statt nur den Wahlkampf zu verlängern.

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Es ist kein Wunder, wenn viele Österreicher der Regierung misstrauen. Diese rot-schwarze Koalition nimmt selbst ihre eigenen Beschlüsse nicht ernst. Da haben SPÖ und ÖVP extra eine Verlängerung der Legislaturperiode von vier auf fünf Jahre durchgeboxt, um nur nicht zu früh durch eine Wahl belästigt zu werden. Aber statt dieses Zusatzjahr tatsächlich zu nützen, wird jetzt einfach der Wahlkampf auf ein Jahr bis zum regulären Termin der Nationalratswahl 2013 in die Länge gezogen. Denn nichts anderes als ein Ersatzwahlkampf und ein Testlauf für die Mobilisierungskraft der Parteisekretariate von SPÖ und ÖVP wird die Volksbefragung über Wehrpflicht oder Berufsheer im Jänner 2013. Wer da noch an sinnvolles Arbeiten in der Regierung glaubt, ist tatsächlich ein unverbesserlicher Optimist.

Die Koalition liefert mit der Volksbefragung über die Zukunft der österreichischen Landesverteidigung jedenfalls den Offenbarungseid für ihre völlige Lähmung. Diese ist inzwischen bereits so weit fortgeschritten, dass die Bürger selbst die Aufgabe des Regierens in die Hand nehmen müssen.


Von einem Ausbau der direkten Demokratie und mehr Mitbestimmung der Bevölkerung war zwar seit dem heurigen Frühjahr aus dem Mund von Politikern viel die Rede. Der nominelle Regierungschef Faymann und sein schwarzer Kompagnon Spindelegger sollten nur bitte nicht so tun, als legten sie plötzlich so viel Wert auf die Meinung der Bevölkerung. Die Österreicher werden im kommenden Jänner nur als Retter in höchster Regierungsnot zu den Abstimmungslokalen gerufen, um einen Ausweg in der rot-schwarzen Schlacht um das Heer mittels Volksbefragung zu weisen.

Das Instrument der Volksbefragung existiert immerhin schon seit beinahe einem Vierteljahrhundert, ohne dass es auf Bundesebene je genützt worden wären. Jetzt wird es von SPÖ und ÖVP plötzlich aktiviert, um noch ein paar Monate länger das wohlige Gefühl an den Schalthebeln der Ministerien auskosten zu dürfen. Und um damit zu überdecken, dass in Wahrheit das SPÖ-ÖVP-Regierungsmandat aufgrund fehlender Gemeinsamkeiten in wichtigen Fragen längst abgelaufen ist.

Wenn diese Regierung die Bevölkerung zwecks Überlebenshilfe zur Abstimmung über das Heer ruft, könnte sie gleich den Mut haben, die Österreicher im Jänner auch über einige andere Konfliktthemen entscheiden zu lassen. Erstens ist die Organisation einer Volksbefragung teurer als ein Wellnessausflug der Regierung übers Wochenende und kostet einige Millionen Euro. Zweitens gibt es etliche Probleme, die SPÖ und ÖVP seit dem Amtsantritt des Kabinetts Faymann im Dezember 2008 vor sich herschieben, etwa im Bildungsbereich.


Warum soll die Bevölkerung nicht auch selbst darüber entscheiden, ob sie für die (Wieder-)Einführung von Studiengebühren ist? Wer die Menschen für so mündig hält, über die Beibehaltung des Grundwehrdienstes oder den Umstieg auf ein Berufsheer abstimmen zu lassen, wird denselben Menschen schwer erklären können, dass sie zu dumm für ein Ja oder Nein zu Uni-Gebühren sind.

Ähnliches gilt für die gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen. Wenn die ÖVP so sicher ist, dass das derzeitige differenzierte System mit Gymnasien mehr Anklang findet, braucht sie keine Angst vor einer Volksbefragung zu haben. Momentan wehrt sich die ÖVP-Spitze noch mit Händen und Füßen gegen die Gesamtschule. Gleichzeitig scheren nicht nur die Steirer aus, selbst im einst tiefschwarzen, erzkonservativen Tirol denkt ÖVP-Landeshauptmann Platter ab 2014 an einen Modellversuch zur Gesamtschule. Er will die „Fenster in der Bildungspolitik“ aufmachen, aber auf Bundesebene herrscht bei SPÖ und ÖVP nur Angst vor Zugluft.

Selbstverständlich dürfen die Bürger dann bei einer Volksbefragung nicht mit Alibifragen, deren Ergebnis jeden Interpretationsspielraum zulässt, gepflanzt werden. Was sonst dagegen spricht? Die Bevölkerung würde noch intensiver fragen, wozu dann eigentlich die Regierung da ist. Die entmündigt sich und schafft sich mit einer umfassenden Volksbefragung quasi selbst ab.

 

E-Mails an: karl.ettinger@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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16 Kommentare
Gast: astray
05.09.2012 21:39
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gesamtschule

eine volksbefragung über die gesamtschule ist eine glänzende idee.
dann würde diese unsägliche bankrotteurin schmied und ihre bürgerlichen steigbügelhalter,allen voran landgendarm platter und schilcher sehen,dass sie auf verlorenem posten stehen und gegen den willen des volkes ideologische spielchen betreiben!

Worüber werden wir überhaupt abstimmen?

Faktum ist: Die SPÖ ist für ein Berufsheer, die ÖVP für die Beibehaltung der Wehrpflicht. Welche der beiden Alternativen heute (und morgen!) für unser Land die sinnvollere ist, kann man als Außenstehender nie und nimmer wirklich objektiv entscheiden! Herr Darabos beispielsweise präsentierte schon zahlreiche, von einander stark divergierende Berechnungen über die Kostenfrage. Jene hohen Offiziere, welche für die Beibehaltung des Status quo plädieren, trumpfen hingegen mit einem ganz anderen Zahlenmaterial auf: Zu teuer, zu wenig effizient würde ein reines Berusheer sein! Wer kennt sich da noch aus? Besonders interessant wird es, mit welcher Fragestellung man zu diesem Thema die Bevölkerung konfrontiert! Ich schätze, es wird sich um einen schier unglaublichen Wischiwaschi-Text handeln; mit einer äußerst kryptischen Fragestellung am Schluß!

Zugegeben: Gewiß ginge es auch anders: Mit realistisch nüchternen Fakten und Zahlen, die auch einer wirklich kritischen Kontrolle Stand halten. Aber genau DAS wird es ganz sicher nie spielen! Also wird es ein Votum sein, bei dem sich die Bevölkerung wie bei einem Stochern im Nebel vorkommen dürfte. Und am Ende wird sie dann auch noch Schuld daran haben, wenn es die falsche Entscheidung ist, zu der sich die Leute durch gerungen haben. Denn irgend einen Pferdefuß wird man bei JEDEM Ergebnis finden. Garantiert...

Gast: anderswo
04.09.2012 18:20
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Abstimmen über ESM!


Es ist ein Witz, wie wir veräppelt werden. Was der Paddei nicht passt, wird gar nicht einmal erwähnt.

Brav, brav. Gibt hoffentlich Goodies für's Bravsein.

Re: Abstimmen über ESM!

Im Vergleich zur Bundesheer-Abstimmung wäre die Sache mit dem ESM sogar sehr leicht: Wer unbegrenzte Garantien für Solidaritätszahlungen abgeben soll, obwohl er die potentiellen Adressaten seit Jahren als notorische Lügner und Betrüger kennt, der wird sich hüten, DAFÜR zu stimmen! Aber vor einer solchen "Volksbefragung" werden sich unsere "Volksvertreter" aus guten Gründen hüten: Sie würde für sie mit einer riesigen Blamage ändern. Weil sie dann erkennen müßten, wie weit sich bereits unter ihrem politischen Quargelsturz vom Denken und Befinden ihrer Wähler entfernt hatten. Und damit auch jegliche Prokura verloren, in ihrem Namen zu denken, reden und handeln...

Gast: verbrecher-gesindel..
04.09.2012 14:55
2 0

u. gleich die befragung über die höhe der parteienförderung anhängen..

u. die todesstrafe für korrupte politverbrecher sollte auch gleich abgefragt werden..

Gast: Ceterum
04.09.2012 13:23
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Gefährliches "Volksbegehren"

Ein „Volksbegehren mit verbindlichem Charakter“ ist in der österreichischen Verfassung nicht vorgesehen. Wenn man den Boden der Verfassung derart verlässt, ist – ähnlich wie derzeit in der EU – alles möglich: Die Fragestellung wird vermutlich darauf hin gestaltet werden, um die Bürger in eine Verständnis-Falle zu gelocken, und die Regierungsparteien werden über die „Interpretation“ nachher streiten ohne Ende.
Dass dabei die Landesverteidigung „letal vergrämt“ wird, ist geradezu das kleinere Übel. Irreparabel hingegen wird der Vertrauensverlust in die (Regierungs-)parteien und ihr Verhältnis zur Demokratie sein.

Wir haben eine Regierung?

Wirklich? Nein, nicht möglich! Was bzw. wer nennt sich hier Regierung? Die jenigen, die den EU-Bonzen die Füße küssen, die uns täglich über die Maintstream-Medien ausrichten lassen, dass es uns doch so gut gehe weil wir den Euro haben und weil unser Land so gut dastehe wie kein anderes. Die jenigen, die nicht zugeben wollen, dass uns die Schulden längst über den Kopf gewachsen sind, die ein nicht vorhandenes Bidlungssystem als eines der besten in Europa propagieren. Die jenigen nennen (schimpfen) sich Regierung und sind doch nicht fähig, ein Land zu führen, in dem es eine steigende Arbeitslosigkeit gibt, in dem die ASVG-und SVA-Pensionen immer mehr gekürzt werden und in dem Unmut in der Bevölkerung herrscht, da die Korruption in allen politischen Parteien das Sagen hat. Dieses Lachkabinett ist also unsere Regierung. Man könnte Tränen lachen, wäre die Situation nicht so ernst.

Warum nicht?

Ich hielte es für eine glänzende Idee, das Volk nicht nur zum Bundesheer zu befragen. Die kosten so einer Befragung sind hoch, es "rechnet" sich also, ein paar andere Themen abzufragen. Ich persönlich habe als bürgerlicher Wähler (für den es im Moment leider keine Partei gibt) nichts gegen eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen sofern man innerhalb der Klassen differenziert und je nach Begabung fördert. Gerne stimme ich auch über Studiengebühren ab (her damit und ordentliche Stipendien dazu). Auch das unsäglich dumme Tabakgesetz gehört geändert und man soll ruhig mal fragen, ob nicht eine Mehrheit für Rauchverbote in allen Lokalen zu erzielen ist. Der Gesundheitsminister zuckt ja nur mit den Schultern und meint, dafür fände er keine Mehrheit. Dabei wäre es ja -verdammt noch mal- seine Aufgabe, eine Mehrheit zu überzeugen, dass Rauchverbote kein Lokalsterben verursachen, aber die Herzinfarkt-Zahl sofort senken. Ein wunderbares Beispiel für die Unfähigkeit der Regierungsparteien nach sachlichen Kriterien und unabhängig von Lobbying (in dem Fall Wirtschaftskammer/Tabakindustrie) zu entscheiden. Bei der Frage nach dem Berufsheer wird für mich als Vater zweier Töchter entscheidend, ob Burschen weiter benachteiligt werden sollen und alleine zu Heer oder Zivildienst verpflichtet werden. In diesem Falle muss man (wenn man für Gleichberechtigung der Geschlechter eintritt) nämlich gegen die allgemeine Wehrpflicht stimmen.

Gast: lèoville
04.09.2012 09:09
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Wenn sich die Regierung schon selbst entmündigt

Ettinger sieht also in einer Volksbefragung eine Entmündigung der Regierung. Interessant.
Offensichtlich hegt er Symphatie für totalitäre Systeme. Dort entmündigen sich die Regierungen keinesfalls mit Volksbefragungen - wozu auch?

Offensichtlich stimmen die gekauften Systemmedien ihre Leser schon auf den Übergang in eine Diktatur ein - die Oligarchie ist ja bereits Realität. Und da braucht man solche störenden Aktionen, wie Volksabstimmungen natürlich nicht. Eine Volksabstimmungn soll es ja auch jetzt nicht geben: lediglich eine zu nichts verpflichtende Volksbefragung.

Und über den ESM wurden wir erst gar nicht befragt, von Volksabstimmung darüber keine Rede. Aber solche Kleinigkeiten stören eine "freie Presse" unter Nowak nicht - da sei die Styria vor.

Antworten Gast: arbertville
05.09.2012 10:17
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Re: Wenn sich die Regierung schon selbst entmündigt

Sie dürften den Artikel nicht begriffen haben........
macht nix, lesen Sie halt die Krone.

Alibihandlungen - Volksbefragungen sind nicht bindend

Wenn schon, dann Volksabstimmungen. Aber dann nicht inflationär, sondern zu existentiellen Fragen. ESM und Verträge, welche die demokratischen Rechte und/oder sie staatliche Souveränität beschneiden, wären zwingend vor einer Ratifizierung im Parlament einer Volksabstimmung zu unterziehen.
Darüber liest man in der gleichgeschalteten Presse nichts. Es wird versucht, dem Volk mit Alibihandlungen eine intakte Demokratie vorzutäuschen. Und eine ehemalige Qualitätszeitung läßt sich dazu als Systemmedium bereitwillig mißbrauchen.
Wie kommt man sich dabei als Journalist vor, Herr Ettinger, wenn man zum Auftragsschreiber mutiert?

Gast: mutzurbürgerdemokratie
03.09.2012 23:36
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volksabstimmung über wichtige themen wie esm, eu vertragsänderungen, bankenhaftungen, wehrdienst u sicherung der asvgpensionen nach 40 jahren arbeit könnte man durchaus abhalten- wird aber von einer SPÖ u. faymann mit sicherheit verhindert


Antworten Gast: zwickerl
04.09.2012 10:51
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Re: volksabstimmung über wichtige themen wie esm, eu vertragsänderungen, bankenhaftungen, wehrdienst u sicherung der asvgpensionen nach 40 jahren arbeit könnte man durchaus abhalten- wird aber von einer SPÖ u. faymann mit sicherheit verhindert

hat nicht Herr fayman den damaligen Onkel Hans (mit bürgerlichen Namen H. Dichand) brieflich versichert, alle wichtigen EU-Themen einer Volksabstimmung zuzuführen?
Warum erinnert ihn niemand daran?
An Stelle Herrn Spindeleggers würde ich es tun!

Gast: 2qa
03.09.2012 22:38
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Herr Ettinger

schreibt die ganze Zeit über eine Regierung.

Welche meint er? Also, beim besten Willen, ich weiss von keiner.

Oder sollte er die Kasperltruppe rund um Pat und Patachon meinen?


Gast: phj
03.09.2012 20:07
3 0

Das käme ja fast einer direkten Demokratie gleich.

Das wird in Österreich nie passieren.
Abgesehen davon, daß die letzte Entscheidungsinstanz die EU ist.


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Re: letzte Entscheidungsinstanz die EU ?

Nicht mehr lange.
Entweder die EU zerbricht am EURO und Österreich wartet den Zerfall ab oder Österreich steigt schon rechtzeitig aus, bevor die EU zerbröselt.

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