20.05.2013 19:30 Merkliste 0

Die Pietà des „Arabischen Frühlings“

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

Das Pressefoto 2011 zeigt ein christliches Motiv in einem islamischen Zusammenhang. Ein Symbol unseres westlichen Blicks.

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Eine Frau hält einen Mann in ihren Armen. Sie trägt einen Schleier. Er ist nackt, verwundet anscheinend, vielleicht sogar tot. So weit wären wir uns bei dieser Bildbeschreibung seit dem 14.Jahrhundert einig im Abendlande – das ist eine klassische Pietà, ein Bild frommen Mitleids und Erbarmens. Maria hält den vom Kreuz abgenommenen Leichnam ihres Sohnes auf dem Schoß umfangen, eine ungemein populäre Darstellung von Michelangelo bis Bellini, wenn auch durch keine direkte Bibelstelle, sondern rein apokryph belegt.

Die Schmerzensmutter, von der hier die Rede sein soll, ist aber umfassender verhüllt, als sich die Künstler seit dem Mittelalter das so vorgestellt haben, nämlich von Kopf bis Fuß. Und sie ist es nicht in himmlisch blauem Stoff, sondern in irdisch schwarzem. Diese Irdnis ist schließlich nicht Judäa 30 oder 31 nach Christi, sondern der Jemen des Jahres 2011. Es handelt sich auch nicht um eine Plastik oder ein Gemälde, sondern um eine Fotografie von den Protesten in der Hauptstadt Sanaa, die schließlich im November zur Abdankung von Präsident Ali Abdullah Saleh führten.

Was aus dem 18-jährigen Zayed wurde, den der Einsatz von Tränengas bei einer der Demonstrationen derart außer Gefecht gesetzt hatte, wissen wir nicht. Das Bild, das ihn in den Armen seiner ebenfalls im politischen Widerstand engagierten Mutter Fatima al-Qaws zeigt, ging dennoch um die Welt, es wurde zum Pressefoto des Jahres 2011 gekürt und ist ab morgen in der Wiener Fotogalerie „Westlicht“ ausgestellt.

Dass die Jury des in den Niederlanden vergebenen Preises aber gerade dieses Bild nicht nur auszeichnete, sondern sogar als „Symbol des Arabischen Frühlings“ bezeichnet, ist nahezu perfid. Gewinnt es seine Stärke doch aufgrund einer Komposition, die nur im christlichen Westen derart wirken kann, wo jeder das im Christentum tradierte Mutter-Sohn-Motiv sofort entschlüsseln kann. Samuel Aranda, der junge Fotograf, der diese Situation für die New York Times in einer zum Lazarett umfunktionierten Moschee vorfand und ablichtete, kommt eben nicht wohl von ungefähr aus dem katholischen Spanien.

Mehr als ein „Symbol des Arabischen Frühlings“ ist dieses Bild in seiner pyramidalen, reduzierten Komposition vor neutralem Hintergrund also ein Symbol unseres eingeschränkten, unseres westlichen Blicks auf die Vorkommnisse im arabischen Raum. Und dieser Blick sieht in einer (teilweisen) Wende zum extremen Islam eben lieber einen „Frühling“. Und stilisiert eine ihrer Individualität durch Vollverschleierung beraubten Frau zur neuen Schmerzensmutter.

 

E-Mails: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.09.2012)

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15 Kommentare
Gast: Myrte
12.09.2012 11:41
0 0

....da die Erde rund ist...

....möchte ich auch meine Schilderung etwas abrunden. Falls meine Stellungnahme gemeint ist....ich bin nicht Dr Ingrid Thurner :-)
Auf ähnliche Intoleranz und Kleingeistigkeit wie in obigem Artikel treffe ich natürlich auch, wenn ich mit Muslimen über den Islam spreche....seine Entstehung, Kriege, Teilnahme an Sklaverei, Unterdrückung der Frauen und Mädchen, Glaube an Blutopfer...etc etc. Die 3 abrahamitischen Religionen unterscheiden sich nur in kleinen Details....sie kommen alle aus dem gleichen Nest. Ich warte sehnlichst auf den Tag, an dem Christen, Juden und Muslime gemeinsam ihre Geschichte reflektieren, bekennen und bereuen. Dann erst ist der Spross des Friedens sichtbar.

Gast: metzgerjäger
11.09.2012 15:50
0 0

hervorragend

..daran ändert auch die stellungnahme von dr. ingrid thurner nichts.

Gast: Myrte
10.09.2012 19:09
0 0

Christliches Motiv, Frau Spiegler ???

Meist verfolge ich die aktuellen Schmähungen ja nur kopfschüttelnd....aber nun muss auch einmal aufgeklärt werden. Das angeblich christliche Symbol ist urägyptisch, nämlich Isis mit dem Horus-Kinde....
vielleicht sollten Sie, Frau Spiegler Ihrem Namen auch gerecht werden und solche Meldungen reflektieren und recherchieren, bevor Sie sie veröffentlichen. Ich beobachte mit großer Sorge, wie durch immer mehr christl. Portale Hass auf die Muslime dieser Welt geschürt wird. Falls es uns auf dem langen Weg entfallen sein sollte....das Christentum entstand im Orient, sowie auch das Judentum und der Islam....alle 3 aus einer einzigen Quelle !!! Sie sind Geschwister und werden die Aufgabe, eine Familie zu werden wohl oder übel bewältigen müssen. Und wenn es noch etwas zu bekennen und bereuen gäbe, dann die vielen vielen Untaten der Christen an ihren schwarzen und roten Brüdern und Schwestern !!! Ich bin entsetzt.....Amen

Gast: Die Wahrheit macht frei
07.09.2012 13:58
3 0


Gast: Be-obachter
07.09.2012 13:57
2 1

Ein Bericht über den Völkermord

im Sudan - gegangen von Islamisten an der Urbevölkerung - wäre hier besser am Platz!

was ist denn das für ein mühsam konstruierter holler?

eine mutter, die ihren sohn liebt und sich um ihn sorgt, soll ein monopol des christentums sein?

almuth spiegler, "Die neue Edelfeder der Presse. Auch wer sich gewöhnlich nicht für den Kunstmarkt und die Galerie-Szene interessiert, liest sie gern." (aus der würdigung anlässlich eines journalistenpreises).
doch wer sich für aussenpolitik interessiert, der bevorzugt etwas besser qualifizierte autoren als almuth spiegler...

Re: was ist denn das für ein mühsam konstruierter holler?

edelfeder??
sie ist der rest von FLE

Antworten Gast: Gerne nur Gast
07.09.2012 09:27
6 0

Die Prämierung eines Pressefotos


und eine Analyse darüber ist nicht "Außenpolitik", du armer Narr.

Außer gegen die Autorin stänkern nichts drauf, Falaffel?

Re: Die Prämierung eines Pressefotos

eine diskussion über politisch-gesellschaftliche ereignisse in anderen ländern ist nicht aussenpolitik?

im islamhasser-forum der presse läuft sowas nach meinung mancher also unter innenpolitik...


Re: Re: Die Prämierung eines Pressefotos

ein besserer ausdruck ist: islamwarner.

Antworten Gast: K. Sch.
07.09.2012 09:05
4 0

Re: was ist denn das für ein mühsam konstruierter holler?

Sie haben einen Artikel in der Presse - wieder einmal, oder? - nicht verstanden.

Gast: Gerne nur Gast
07.09.2012 00:04
8 0

Mutig


und wahr:

"..unseres westlichen Blicks auf die Vorkommnisse im arabischen Raum. Und dieser Blick sieht in einer (teilweisen) Wende zum extremen Islam eben lieber einen „Frühling“."

Ich gratuliere. Realistische Islamkritik von unerwarteter Seite.

Antworten Gast: schlÄchter
07.09.2012 09:53
0 1

Re: Mutig

sg gng!
von mir
+
mfg
s.

Gast: gäst
06.09.2012 20:54
1 4

Sie lesen

die Meinung der superindivduellen Almuth Spiegler, die aus einem Land kommt in dem man nicht im H&M gewesen zu sein braucht um genau zu wissen was dort gerade so an den Mann oder die Frau gebracht wird. Das universale Moment in dem Bild, nämlich der Kampf gegen Unterdrückung, kann ihr halt nicht kommen. Wer seine Ketten nicht spürt, sieht auch die der "Anderen" nicht.
Was aus den politischen Revolutionen dort wird steht auf einem anderen Blatt. Mitverfasst unter anderem von einem Haufen Golfmonarchien, deren Existenz einzig und allein der öldurstigen Christenheit geschuldet, die ihre reaktionär-despotischen Freunderln nicht nur in den arm nimmt, wenns ihnen mal schlecht geht weil das Volk revoltiert, sondern gleich die Waffenschmiede in die Hand nimmt.
Im Grunde hält uns nichts auf, genauso wie die abgebildeten Aufständischen dagegen zu sein. Außer vielleicht unser achso hohes Ausmaß an Individualität.

Gast: grösso
06.09.2012 20:18
0 2

Vieleicht ganz anders

Schon mal etwas von Topoi gehört? Grundschemata, die in ihrer Symbolkraft für jeden Menschen gleichermaßen gelten, weil sei Grundhumanes ausdrücken, das egal in welcher Kulltur erlebte Bezüge aufgreift, bei denen nur der historische Konnex andere Gesichter annimmt, die aber menschliches Erleben in allen Breiten und Höhen der Welt erfassen?

Zudem: wenn schon, hat das Christentum eine abstrakte Grundkonstellation konkretisiert, die genau in dem Landstrich ihre ultimative Realgestalt fand, wo auch dieses Bild aufgenommen wird. Maria und Jesus sahen von der Physiognomie wohl eher wie Syrer aus, denn wie Spanier.

Sodaß ich genau das Gegenteil des von der Autorin Insinuierten erkenne: Einen Akt interreligiösen Mitfühlens. Und ich behaupte, daß das Bild genau deshalb so ergreift, wenn auch jeden (Christ oder Moslem) anders.

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