Abseits jeglicher inhaltlicher Auseinandersetzung gelten für Barack Obama und Mitt Romney gemeinhin unterschiedliche Maßstäbe. Was die Stimmungsmacher im internationalen Aufmerksamkeitszirkus beim US-Präsidenten als Lappalie übergehen, spielen sie beim republikanischen Herausforderer zur Panne oder zum Skandal hoch.
Als Obama 2008, so ganz nebenbei auch bei einer Wahlkampfspendengala, kleinstädtische Wähler aus Pennsylvania als verbitterte Menschen, die sich an Waffen, Religion oder Ressentiments klammerten, bezeichnete, regte sich zumindest außerhalb der USA niemand über diese abfällige Bemerkung auf. Denn sie bestätigte ja das eigene Klischee.
Bei Romney ist alles anders: Wenn er bei einer geschlossenen Veranstaltung sagt, dass 47 Prozent der Amerikaner immer für Obama stimmen werden, weil sie vom Staat abhängig sind, wird das mit höchster Empörungsbereitschaft zu einer herzlosen Verächtlichmachung halb Amerikas stilisiert.
Dabei gab Romney nicht nur seine Wahlkampfstrategie preis, die bewusst die sich auflösende Mitte der polarisierten US-Gesellschaft ignoriert, sondern schnitt ein für die USA wesentliches Thema an: Deren jetziges Sozialsystem ist, vor allem wegen der hohen Gesundheitskosten, auf Dauer nicht finanzierbar. Seit 1960 sind die Sozialtransfers, selbst wenn man die Inflation und das Bevölkerungswachstum herausrechnet, um mehr als 700 Prozent angewachsen.
Am höchsten war der Anstieg übrigens unter republikanischen Präsidenten. Aber darüber schweigt wiederum Romney lieber.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)















