Sie suchen noch ein Halloweenkostüm? Oder eine Verkleidung fürs Künstlerhaugschnas am 10.November? Damien Hirsts monströse Statue „Verity“ ist ein heißer Tipp dafür, man braucht dafür nur einen Schwangerschafts-Anzug, sehr viel Schminke und ein Schwert.
Wie ein Alien ist das neueste Produkt aus Hirsts Factory im idyllischen südwestenglischen Örtchen Ilfracombe gelandet. 20 Meter hoch, 25 Tonnen schwer, blickt die nackte Schwangere aus Bronze wie eine groteske Mischung aus Freiheitsstatue und Koloss von Rhodos aufs Meer hinaus. Wehrhaft das Schwert in die Höhe gestreckt. Hinter dem Rücken die Waagschale versteckt. Die Personifikationen von (nackter) Wahrheit und (bewaffneter) Gerechtigkeit werden hier vermischt. Pathetisch genug, aber die Anspielungen gehen weiter: Eine Körperhälfte der „Verity“ ist wie im Anatomie-Lehrbuch von der Haut befreit, gibt den Blick auf Muskeln, Sehnen, Eingeweide und Embryo frei.
Wobei man jetzt nicht einmal an das unsägliche Gruselkabinett eines Gunther von Hagens denken muss. Auch ein heimlicher Wien-Besuch Hirsts im Josefinum ist eher unwahrscheinlich. Es ist ganz einfach die Weiterführung einer Serie, die Hirst bereits im Jahr 2000 mit dem ähnlich überlebensgroßen anatomischen Männermodell „Hymn“ begann – und die ihm gleich die Klage einer Spielzeugfirma eintrug. Hatte er für „Hymn“ doch einfach im Anatomiebaukasten seines kleinen Sohnes gestöbert und daraus eins zu eins kopiert. Es folgten Zahlungen an Charity-Organisationen. Es folgte im selben Stil noch eine „Virgin Mother“, deren Haltung diesmal eine kunsthistorische Quelle zitierte, eine legendäre kleine Statue von Edgar Degas.
Dessen fetischhaftes Wachsmodell einer „Kleinen Tänzerin im Alter von 14 Jahren“ (1881) war die einzige seiner Statuen, die Degas zu Lebzeiten ausgestellt hat, präsentiert in einem Glaskasten, so wie Hirst seine Objekte gerne in Aquarien präsentiert. Und auch Degas wurde damals angegriffen, weil seine Tänzerin als zu realistisch empfunden wurde.
Was Hirst mit seiner „Verity“-Chimäre inhaltlich angerichtet hat, ist also mehr als fraglich – ein Kriegerdenkmal für Teenager-Schwangerschaften? Mit dem erhobenen Schwert irgendwie auch gen Irland gerichtet? Den Standort Ilfracombe, der sich über einen momentanen Tourismusaufschwung freuen darf, politisch aufzuladen wäre allerdings ein Irrweg. Es ist viel banaler, fast könnte man denken, wie bei Hirst üblich, kommerzieller: Vielleicht ging ja das Lokal, das Hirst in Ilfracombe betreibt, zuletzt nicht mehr ganz so gut.
Der jüngste PR-Schuss des prägendsten Künstlers der Jahrtausendwende scheint diesmal aber nach hinten losgegangen. So einig waren sich Kritiker nämlich noch nie über eine seiner Arbeiten: Die Briten verglichen „Verity“ mit Propagandaskulpturen, wie Saddam Hussein sie nicht besser hätte in Auftrag geben können. Hirst habe damit den Ruf der „British Art“ für alle Zeiten zerstört. Als Künstler sei er nicht mehr ernst zu nehmen, brach die Süddeutsche das Schwert über ihn. Leider. Sie sagen die „Verity“.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)















