22.05.2013 16:46 Merkliste 0

Die Kolossin von Ilfracombe: Damien Hirsts jüngster Schocker

ALMUTH SPIEGLER (Die Presse)

In einem südwestenglischen Ort hat der britische Künstler Damien Hirst seine „Verity“ aufgestellt: Die Kritiker haben ihm für diese Scheußlichkeit die Ehre abgesprochen.

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Sie suchen noch ein Halloweenkostüm? Oder eine Verkleidung fürs Künstlerhaugschnas am 10.November? Damien Hirsts monströse Statue „Verity“ ist ein heißer Tipp dafür, man braucht dafür nur einen Schwangerschafts-Anzug, sehr viel Schminke und ein Schwert.

Wie ein Alien ist das neueste Produkt aus Hirsts Factory im idyllischen südwestenglischen Örtchen Ilfracombe gelandet. 20 Meter hoch, 25 Tonnen schwer, blickt die nackte Schwangere aus Bronze wie eine groteske Mischung aus Freiheitsstatue und Koloss von Rhodos aufs Meer hinaus. Wehrhaft das Schwert in die Höhe gestreckt. Hinter dem Rücken die Waagschale versteckt. Die Personifikationen von (nackter) Wahrheit und (bewaffneter) Gerechtigkeit werden hier vermischt. Pathetisch genug, aber die Anspielungen gehen weiter: Eine Körperhälfte der „Verity“ ist wie im Anatomie-Lehrbuch von der Haut befreit, gibt den Blick auf Muskeln, Sehnen, Eingeweide und Embryo frei.

Wobei man jetzt nicht einmal an das unsägliche Gruselkabinett eines Gunther von Hagens denken muss. Auch ein heimlicher Wien-Besuch Hirsts im Josefinum ist eher unwahrscheinlich. Es ist ganz einfach die Weiterführung einer Serie, die Hirst bereits im Jahr 2000 mit dem ähnlich überlebensgroßen anatomischen Männermodell „Hymn“ begann – und die ihm gleich die Klage einer Spielzeugfirma eintrug. Hatte er für „Hymn“ doch einfach im Anatomiebaukasten seines kleinen Sohnes gestöbert und daraus eins zu eins kopiert. Es folgten Zahlungen an Charity-Organisationen. Es folgte im selben Stil noch eine „Virgin Mother“, deren Haltung diesmal eine kunsthistorische Quelle zitierte, eine legendäre kleine Statue von Edgar Degas.

Dessen fetischhaftes Wachsmodell einer „Kleinen Tänzerin im Alter von 14 Jahren“ (1881) war die einzige seiner Statuen, die Degas zu Lebzeiten ausgestellt hat, präsentiert in einem Glaskasten, so wie Hirst seine Objekte gerne in Aquarien präsentiert. Und auch Degas wurde damals angegriffen, weil seine Tänzerin als zu realistisch empfunden wurde.

Was Hirst mit seiner „Verity“-Chimäre inhaltlich angerichtet hat, ist also mehr als fraglich – ein Kriegerdenkmal für Teenager-Schwangerschaften? Mit dem erhobenen Schwert irgendwie auch gen Irland gerichtet? Den Standort Ilfracombe, der sich über einen momentanen Tourismusaufschwung freuen darf, politisch aufzuladen wäre allerdings ein Irrweg. Es ist viel banaler, fast könnte man denken, wie bei Hirst üblich, kommerzieller: Vielleicht ging ja das Lokal, das Hirst in Ilfracombe betreibt, zuletzt nicht mehr ganz so gut.

Der jüngste PR-Schuss des prägendsten Künstlers der Jahrtausendwende scheint diesmal aber nach hinten losgegangen. So einig waren sich Kritiker nämlich noch nie über eine seiner Arbeiten: Die Briten verglichen „Verity“ mit Propagandaskulpturen, wie Saddam Hussein sie nicht besser hätte in Auftrag geben können. Hirst habe damit den Ruf der „British Art“ für alle Zeiten zerstört. Als Künstler sei er nicht mehr ernst zu nehmen, brach die Süddeutsche das Schwert über ihn. Leider. Sie sagen die „Verity“.

 

E-Mails an: almuth.spiegler@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)

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6 Kommentare
Gast: Fleming
30.10.2012 17:00
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..der Zeit ihre Kunst...

wenn es einen Künstler gibt, der die Dekadenz, die abgründigen gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen unserer Gegenwart in seinem Werk spiegelt, dann ist es Damien Hirst. Kein anderer hat eine derartige Perfektion und auch Professionalität vorzuweisen, sein Werk wird stellvertretend für unsere zeit überleben, auch wenn die Kritiker hier plötzlich die Notbremsung ziehen wollen, sie alle sind doch in genau demselben System gefangen.


Gast: PÖHSE
30.10.2012 12:16
0 0

'Künstler' dürfen nicht die Landschaft verschandeln,


nur, weil ein paar 'kunstbeflissene'' Polit-Banausen das verordnen.
In einer echten Demokratie unvorstellbar .

Gast: Offener
30.10.2012 11:42
0 0

Wahrheit polarisiert

Meine Meinung: Diese Statue stellt überdimensioniert die Wahrheit unseres Seins dar. Wer sich die Mühe macht, einmal die Google Bildersuche zu benutzen wird sehen, dass die andere Hälfte der Frau ganz normal aussieht.

Meinem Empfinden nach stellt Hirst die Verletzlichkeit des Menschen dar, und zwar gleich auf zweierlei Ebenen: Erstens die körperliche Seite, bei der eben nur unsere Haut den Unterschied zwischen ästhetisch und abstoßend macht und zweitens sehe ich auch einen Bezug zu unseren Seelen - zieht man die "Haut" (also die durch soziale Prägung, Phobien, Reaktionen auf unsere Umwelt usw. gebildete Schale) ab, legt man die Sicht auf das Innere frei: Das wahre Selbst, das dann verletzlich, aber ehrlich ist.

Da unsere Gesellschaft diese Form der Selbsterkenntnis zugunsten des Konsums zu unterdrücken sucht (man definiert sich durch das materielle Haben, nicht durch das Sein im Sinne wertungsfreier Aufmerksamkeit) wundert es mich nicht, dass diese Statue so polarisiert.

Horror und Grusel sehe ich nirgendwo - nur schlichte Wahrheit und eine Frau, die mit der Gerechtigkeit im Rücken und dem Schwert in der Hand ihr Kind (im übertragenen Sinn ihr offen gelegtes Innerstes) schützt.

Applaus und Respekt für dieses einmalige Kunstwerk!

Gast: ggggggg
30.10.2012 10:40
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Unabhängig von der künstlerischen Qualität der Skulptur:

könnte diePresse so nett sein und ein ein Foto der GESAMTEN Figur zeigen!!?? Ist doch mehr als ärgerlich, dass man nur einen Teil sieht.

Gast: brt
29.10.2012 20:51
2 0

geschmäcker sind verschieden

aber ich würde notgedrungen umziehen wenn dieses aggressive riesenmonster mit totenschädel vor meinem wohnzimmerfenster aufgestellt worden wäre.
das ist energetisch in einem wohngebiet nicht zu ertragen.

in der tate gabs von hirst ja auch diesen grauenvollen weiblichen engel mit totenschädel und teilweise bloßgelegten muskeln und knochen zu sehen.
zutiefst abstoßend.
aber angeblich gibt es wirklich leute die auf totenschädel stehn.

Re: geschmäcker sind verschieden

Ganz offensichtlich ließ sich der Künstler vom Anblick der Außerirdischen in dem Science-fiction-Film "Species" beeiflußen. Auf der Kinoleinwand oder auf dem TV-Schirm lasse ich mir das als Horror-Fan sehr gern gefallen. Aber in solchen Riesenausmaßen in der freien Natur ist eine solch Skulptur zugegeben schon eine arge optische Zumutung an die vorbei kommenden Touristen. Für die Einheimischen natürlich noch mehr...

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