Der Ägyptische Frühling lebt

Eine Diktatur wird nicht von einem Tag auf den anderen zu einer lupenreinen Demokratie.

Ja, jetzt zeigen sie halt ihr wahres Gesicht, diese Islamisten, von wegen Arabischer Frühling – könnte man über das urteilen, was sich in Ägypten dieser Tage abspielt, wenn man es sich einfach machen wollte. Zu einfach.

Erstens darf es wirklich keinen überraschen, dass die Muslimbrüder versuchen, ihre Vision eines künftigen Ägypten in der neuen Verfassung zu verankern, wenn sie schon die Möglichkeit haben. Das Gegenteil wäre eine Schlagzeile wert. Zweitens darf es ebenso wenig überraschen, wenn Kairos Islamisten nun jene unschönen politischen Werkzeuge anwenden, die ihnen das Mubarak-Regime beibrachte.

Vor allem aber zeigen die letzten Tage, wie lebendig der Arabische Frühling in Ägypten weiterhin ist. Hunderttausende gingen nicht Anfang 2011 auf die Straße, um unter Einsatz ihres Lebens eine Diktatur zu stürzen, nur um sie durch eine andere ersetzt zu sehen. „Das Volk will den Sturz des Regimes!“, riefen sie damals, und sie rufen es heute wieder.

Man transformiert einen Staat nach Jahrzehnten unter diktatorischer Knute nicht von einem Tag auf den anderen in eine Demokratie. Aber es scheint in Ägypten eine im doppelten Sinn kritische Masse zu geben, die dieses Ziel nicht aus den Augen verloren hat.

 

helmar.dumbs@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.12.2012)

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