Ein Klavier, ein Klavier – wer Loriot kennt, ganz gleich, ob er ihn liebt oder nicht ausstehen kann, zitiert diesen Ausruf zuweilen, weil er weiß, was es heißt, ein Pianino geliefert zu bekommen. Vielleicht erklärt sich der erstaunliche Schätzwert von umgerechnet etwa einer halben Million Euro für ein ganz spezielles Exemplar dieser Spezies auch daraus, dass die präsumtiven Käufer den beliebten Kurzfilm gesehen und ihre Lehren daraus gezogen haben.
Konkret geht es um ein verhältnismäßig kleines Instrument, das nur über einen Umfang von 58 Tasten verfügt. Für einen Barbetrieb kann das genügen, vor allem wenn der Laden irgendwo in Nordafrika steht und die Menschen, die ihn frequentieren, Verfolgte, Gehetzte, vom Schicksal Getriebene allesamt, schon zufrieden sind, wenn überhaupt einer ihre triste Situation mit schönen Klängen aufhellt. Zum Beispiel, indem er „As Time Goes By“ anstimmt.
Jedenfalls könnte das legendäre Pianino, auf dem Dooley Wilson, zu dem kein Mensch sagt: „Spiel's noch mal, Sam“ – und doch wird der Satz notorisch mit dem nicht dazugehörigen Film in Verbindung gebracht – das Pianino also, auf dem Dooley Wilson so tut, als spielte er, könnte Rekorde brechen. Genau jenes Möbelstück kommt nämlich bei Sotheby's unter den Hammer. Eine halbe Million, das ist viel mehr, als man für jeden wirklich erstklassigen Konzertflügel zahlen muss. Das zeigt uns die Wertigkeiten in unserer Gesellschaft. Ein Klavier! Das galt einmal als Statussymbol. Dann kam die Zeit, in der die alten Leut', die noch so selbstverständlich Klavier spielen gelernt hatten, wie sie in der Tanzschule waren, wegstarben – und die Stutzflügel en masse weggeschenkt wurden – und nicht selten auf der Müllhalde landeten, weil keiner sie brauchen konnte. Ganz abgesehen davon, dass in einem durchschnittlichen Haushalt heute keiner mehr wüsste, wo er ein solches Elefanteninstrument hinstellen sollte, kommt ja die Musik nicht einmal mehr aus dem CD-Player, sondern aus dem Internet.
Und Livemusik? Versuchen Sie einmal, in einer normalen Wiener Wohnung Musik zu machen, und stoppen Sie, wie lang es dauert, bis die Polizei kommt.
Das gilt nicht nur hierzulande. Das „Casablanca“-Klavier ist ein Mahnmal. Interessant wäre in Wahrheit nur noch die Antwort auf eine Frage: Wie viel könnte man bei einer Versteigerung für jenes Instrument erlösen, auf dem Elliot Carpenter seinerzeit „As Time Goes By“ wirklich gespielt hat?
Und: Was wird der glücklich Bestbieter der Auktion sagen, wenn er sich erstmals an seine Trophäe setzt und draufkommt, dass da keine Musik zu hören ist, auch wenn er beherzt so tut, als könnte er Klavier spielen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2012)















