Herzinfarkt auf Kaffeetassen

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Der Kampf gegen den Zigarettenkonsum ist zur Betreuungssucht der EU-Kommission ausgeartet.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Ich bin Nichtraucher und dankbar dafür, dass in meiner Umwelt heute deutlich weniger geraucht wird als noch vor zehn Jahren. Aber ich trinke gern Kaffee. Es wäre mir eine Qual, wenn auf jeder Kaffeetasse ein blutiges Infarktherz abgebildet wäre. Die Frage des staatlichen Eingriffs in menschliche Laster, wie ihn die EU-Kommission mit ihrer neuen Tabakrichtlinie versucht, ist immer auch eine Frage des Eingriffs in die persönliche Umwelt. Dabei ist sensibel abzuwägen, ob gesundheitliche Vorteile eine solche Bevormundung rechtfertigen.

Das Problem ist, diese Abwägung kann nicht mit Zahlen berechnet werden, obwohl das die EU-Kommission im Rahmen ihres neuen Vorstoßes für noch abschreckendere Zigarettenpackungen versucht. Denn letztlich zählt nur der Mensch mit seiner Eigenverantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft. Diese Eigenverantwortung zu fördern, ist die viel schwierigere Aufgabe als das Verordnen von immer strikteren Rauchverboten und das Drucken immer hässlicherer Bilder.

Die EU-Kommission hat ebenso wie die Administration der USA in der Raucherfrage eine Betreuungssucht entwickelt. Sie erhöht immer wieder die Dosis, ohne auf Nebenwirkungen zu achten. Diese Aktivitäten sind kein Beleg für einen bewussten Umgang mit mündigen Bürgern. Die wir aber sein wollen – auch wir Nichtraucher.

 

wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

16 Kommentare

Denn letztlich zählt nur der Mensch mit seiner Eigenverantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft.

sie sind fokussiert auf den erwachsenen raucher, wo es bereits weniger um div formen der verantwortung sondern um suchtverhalten geht.

doch leider vergessen sie, dass auch kinder und jugendliche bereits rauchen (ö ist hier sogar europameister !). welche "Eigenverantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft" fordern sie von einem 10 bis 14jährigen kind ein?

wenn auch nur einem einzigen ein greuelphoto als ausweg aus neugier und gruppenzwang zugute kommt, dann bin ich als gelegenheitsraucher gern bereit, diesen anblick ebenfalls in kauf zu nehmen!

btw ihr kaffee-vergleich ist unsinn!
1. kaffee ist KEIN suchtmittel.
2. der zusammenhang kaffee-herzinfarkt ist ein gerücht. es gibt keinenen nachweisbaren, ausser man trinkt den kaffee kübelweise.
3. von gefahren durch passiv-kaffeetrinken ist mir nichts bekannt.

wenn sie so krampfhaft ihren kommentar mit einem bild beginnen wollen, dann wäre ein kindersitz besser geeignet. sie sind in ihrer negierung der realität und ihrer anbetung des eigenverantwortungsfetisch doch sicher der ansicht, es sei ungeheuerlich, dass gesellschaft und behörden versuchen, die fahrlässige oder grob fahrlässige tötung der eigenen kinder zu verhindern. oder?

Re: Denn letztlich zählt nur der Mensch mit seiner Eigenverantwortung für sich selbst und die Gemeinschaft.

Auch die Regierungen der 27 EU-Mitglieds-Staaten entmündigen sich laufend selbst! Wer kennt sie nicht, die ständigen Beteuerungen, in der heutigen Zeit könne kein Land seine eigenen Entscheidungen treffen, alles und jedes müsse innerhalb eines größeren Rahmens geregelt werden: Nur wenn die EU-Staaten gegenüber dem Rest der Welt als "geschlossener Block" auftreten, wären sie noch überlebensfähig. Auf sich selbst gestellt würde jedes Land bald hoffnungslos im internationalen Konkurrenzkampf untergehen. Außerhalb des schützenden Schirmes der EU gibt´s kein Heil! Dabei sind es aber gerade die diversen Solidaritätsverpflichtungen gegenüber ins Trudeln geratene "Familienmitgieder", welche die ökonomischen Grundlagen früher wirtschftlich stabiler Länder nachhaltig untergraben...

Es gewiss nicht ausgemacht...

..... dass die EU uns hinsichtlich unserer Gesundheit überreguliert aber hinsichtlich der Finanzwirtschaft über Jahre nach dem Motto "nichts hören, nichts sehen und nichts sagen" gehandelt hat. Abschreckung mittels Horrorbildern bei Zigaretten aber beinharten Lobbyismus der Banker zulassen und den Finanzhaien mit Deregulierung Tür und Tor öffnen. Das ist auf lange Sicht nicht der Schutz unseres Wirtschaftsraumes. So kann man auch das grundsätzlich notwendige und zukunftsgewinnende Projekt EU zu Grabe tragen.

Re: Es gewiss nicht ausgemacht...

Die Diskrepanz zwischen der Sucht nach Regularien bei Themen, die den Einzelnen unmittelbar und direkt treffen und dem Wegsehen bei wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Themen, ist erschreckend.

Wobei sich mir die Frage stellt, ob das Wegsehen nicht auch auf einer bestimmten Motivation fußt.

Re: Re: Es gewiss nicht ausgemacht...

JA, Motivation durch die wahrscheinlich geschicktesten Lobbyisten die sich in Brüssel bewegen. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich in den 90er Jahren, als man uns Lehrer für Wirtschaftskunde und Politische Bildung nach Brüssel geschleppt hat, damit wir dort zu Multiplikatoren pro EU "gemacht werden", nicht damit gerechnet habe, wie sehr sich am Sitz der Kommission bereits die Lobbyisten breit gemacht hatten. Ich habe immer an das Friedsprojekt geglaubt und bisher ist die Friedenssicherung ja auch gelungen, allerdings durchschauen die Menschen immer mehr, wie sehr die Finanzwirtschaftsbosse die EU dominieren. Wirtschaften heisst "Vorsorgen für die Befriedigung der menschlichen Bedürfnisse" und nicht Gewinn als Selbstzweck.

Weit haben wir's gebracht

Wir sind auf dem besten Weg in eine Gesellschaft, wo jeder für alles verantwortlich ist - nur nicht für sich selbst !
Ist doch klar, dass dann alles geregelt werden muß. Dass das aber vollinhaltlich nicht geht, bedingt immer mehr Vorschriften, ein Perpetuum mobile erster Art....
Und alle verdienen dran, mit Ausnahme des "mündigen" Bürger.

Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

E wie Eigenverantwortung. Das darf nicht sein, denn das führt dann gar zum noch böseren M-Wort, M wie mündiger Bürger und der verlangt dann gar das teuflische und überall in der EU panisch vermiedene doppel D-Wort, Doppel-D wie Direkte Demokratie.

Also Herr Böhm, tun Sie Buße indem Sie zehnmal die EU-Hymne singen, die Namen der Kommissare auswendig lernen und fortan solch obrigkeitslästerliche Gedanken nicht mehr zu Papier bringen, sonst wird es nichts mit der Verleihung des Goldenen EUdSSR-Abzeichens der Meinungsfreiheit am roten Knebelband.

Re: Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

da ich sie nicht persönlich kenne, nehme ich zu ihren gunsten an, dass sie eigenverantwortlich und mündig handeln. und dass sie sogar wissen, was sie tun, wenn sie in der wahlzelle ein kreuzerl machen.

aber ich möchte ihnen eine weitere eigenschaft zuschreiben: sie sind realitätsfremd und gehen blind durchs leben.

wie sonst könnte man jene massen an menschen übersehen, die nicht eigenverantwortlich, dafür umso unmündiger sind?!?
die ihr kreuzerl dort machen, wo es ein schöneres werbegeschenk gegeben hat.

sie glauben, das sei eine minderheit?
machen sie endlich ihre augen auf!

Re: Re: Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

"wie sonst könnte man jene massen an menschen übersehen, die nicht eigenverantwortlich, dafür umso unmündiger sind?!?" (Keinstein)

Fassen wir zusammen:

- Keinstein ist einer der wenigen(!) mündigen Bürger.
- Keinstein kann beurteilen, welche anderen Bürger mündig bzw. nicht mündig sind.
- Keinstein und der Staat dürfen, ja müssen deshalb die vielen Unmündigen bevormunden.

Kommt Ihnen das bekannt vor?

Re: Re: Re: Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

ich weiss nicht, ob ich mündiger bin als sie.
aber bez. selbstreflexion und abstrahierendem denkvermögen dürfte ich die nase vornhaben.

steckt hinter ihrem bedürfnis, sich die welt und die menschen schön zu färben, mangelndes sebstbewusstsein? weil sie, umgeben von lauter tollen menschen, dann auch toll sind.
oder gibt es andere gründe für ihre realitätsverweigerung?

hier eine nähe zu totalitarismus und diktatur zu konstruieren ist absurd.
nichts leichter, als mündige und eigenverantwortliche zu manipulieren und umzupolen!

Re: Re: Re: Re: Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

"wie sonst könnte man jene massen an menschen übersehen, die nicht eigenverantwortlich, dafür umso unmündiger sind?!? ... sie glauben, das sei eine minderheit?"

"hier eine nähe zu totalitarismus und diktatur zu konstruieren ist absurd."

Na klar, wenn man andere Menschen vorher für unmündig erklärt und sie erst dann bevormundet, dann kann ist man ja per se kein Diktator sondern (selbsternannter) Wärter einer Irrenanstalt. qed

Re: Re: Re: Herr Böhm hat das böse E-Wort gesagt

Vergessen sie es.
Forist Keinstein gehört zur Gattung der linksgrünen, gutmenschlichen Unfehlbaren, die uns ins Licht führen werden und ist daher intellektuell nicht in der Lage, ihrem Gedankengang zu folgen.

Ich sehe schon länger Übereinstimmungen zu anderen, vergangenen Ideologie.....

Eigenverantwortung und das menschliche Miteinander

werden immer mehr abgegeben, auch vom Bürger selbst, bewusst und unbewusst. Mit jedem Ruf jedes noch so kleine Detail des Lebens durch den Staat regeln zu lassen, entmündigt sich der Bürger nach und nach selbst. Zur großen Freude des Staates und seiner Regierung(en). Wir sehen es täglich.

Einspruch!

"Dabei ist sensibel abzuwägen, ob gesundheitliche Vorteile eine solche Bevormundung rechtfertigen."

Einspruch! Da ist gar nichts abzuwägen. Ob jemand rauchen will oder nicht geht einen Staat nichts an und geht daher auch die Mehrheit nichts an. Eine Bevormundung ist im Falle einer Entmündigung gerechtfertigt, sonst nicht. Sonst ist ist Sie genau der Weg weg vom mündigen Bürger, der Hr. Böhm angeblich immer noch sein will. (Ein Nichtraucher)

Und diese Zeitung nannte sich einmal "Neue freie Presse"?

Re: Einspruch!

Nochmals Einspruch!
Unsere Sozialversicherung kennt nur eine Beitragsstufe. Raucher, Trinker, Fresser zahlen leider nicht mehr als die, die versuchen diese Risiken auszulassen. Vermutlich nicht zuletzt deswegen, weil es verdammt aufwendig ist herauszuarbeiten und zu verwalten wer raucht, trinkt, frisst.
Diejenigen, denen der Raubbau am eigenen Körper egal ist, kosten aber deutlich mehr. Diese Mehrkosten dürfen wir alle zahlen. Daher ist es die Pflicht der Obrigkeit die Bürger in Gesundheitsangelegenheiten zu bevormunden.

Re: Re: Einspruch!

Genau auf dieses Argument habe ich gewartet. Mit anderen Worten: jetzt habe ich Ihn mit staatlicher Gewalt soweit, dass er für meine Gesundheitskosten mit zahlen muss - jetzt muss ich nur mehr dafür sorgen, dass ich nicht für Ihn zahlen muss. Und daher habe ich natürlich das Recht, seine Freiheit zu beschränken. Ein trefflicher Ansatz. Und so ausbaufähig!

Da darf man ja gar nicht darüber nachdenken, ob vielleicht die aktuelle zwangsstaatliche Form der Sozialversicherung die richtige ist - oder ob hier Korrekturen notwendig wären. Kann man das Problem doch durch die Einschränkung der Freiheit anderer "elegant" lösen ...

Sie haben natürlich recht, die Verhaustierung der ehemals freien und selbstverantwortlichen Bürger darf nicht aufgehalten werden. Sie wissen aber natürlich schon, auf welcher Seite der Gitterstäbe Sie später dann stehen wollen, oder? Darf ich raten?

Top-News

Umfrage

Wir möchten mehr über die Nutzung erfahren und bitten Sie, zwei Fragen zu beantworten. Die Umfrage ist absolut anonym und lässt keine Rückschlüsse auf die Teilnehmer zu.


Zur Umfrage »

AnmeldenAnmelden