Frankreichs Großzügigkeit

WOLFGANG BÖHM (Die Presse)

Die EU wäre nie erfolgreich gewesen, hätte die Siegermacht Frankreich dem Verlierer Deutschland nicht die Hand gereicht. Das relativiert Bestrebungen nach einer EU à la France.

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Es ist keine Selbstverständlichkeit, einem ehemaligen Feind die Hand zu reichen. Für Staatspräsident Charles de Gaulle, der im Ersten und im Zweiten Weltkrieg gegen Deutschland gekämpft hatte, dürfte die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags ein emotionaler Kraftakt gewesen sein. Aber so wie Monnet und Schuman erkannte er, dass Revanchismus, wie ihn damals Georges Clemenceau propagierte, kein Fundament für ein befriedetes Europa sein kann.

Zweifellos haben beim Abschluss des Freundschaftsvertrags vor 50 Jahren auch taktische Überlegungen eine Rolle gespielt, doch dieser Schritt entspricht auch einer Großzügigkeit, die sich nur ein selbstbewusstes Land leisten kann. Frankreich hat nur ein Jahrzehnt benötigt, sich als Kriegsgewinner über Hass und Rache hinwegzusetzen. Deshalb ist aus historischer Sicht verständlich, warum Paris danach bestrebt war, die Europäische Union als Abbild der eigenen Staatsordnung und des eigenen Wertesystems zu gestalten.

Es ist freilich ein Wertesystem, in dem Protektionismus und Nationalismus hochgehalten werden, obwohl sie angesichts von Globalisierung und eines europäischen Binnenmarkts an Bedeutung verloren haben. Frankreich hat sich zudem der Illusion hingegeben, dass es möglich ist, den deutschen Nationalismus in einem gemeinsamen Europa aufzulösen, den eigenen aber zu erhalten. Auch wenn dadurch die einstige Großzügigkeit geschwunden ist, darf kein Zweifel aufkommen, dass Frankreich für den Frieden in Europa mehr als die meisten anderen Staaten geleistet hat.

 

wolfgang.boehm@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.01.2013)

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6 Kommentare

Brav, die erlaubte Geschchtsschreibung apportiert

Was stimmt: Erst de Gaulle mit seinen wirklich großzügigen Gesten hat das unselige französisch-deutsche Kapitel seit dem Westfälischen Frieden abgeschlossen.

Aber: Tatsächlich ist das das Ergebnis amerikanischer Hartnäckigkeit nach 1945. Frankreich wollte bis 1948 große Teile (West)Deutschlands abtrennen und einen eigenen Satellitenstaat links des Rheins einschließlich des Ruhrgebiets schaffen. Frankreich war auch die Ursache - nicht die Sowjets - dass es zu keiner deutschen Nachkriegsregierung kam.: Vorher gleich viel an Frankreich abtreten wie im Osten an Polen - war die Forderung von 1945 an..
Wenn von Robert Schuman so groß geredet wird: Er war es, der als frz. Regierungskommissar lange nnoch nach 1945 die Abtrennung von deutschen Gebieten an Frankreich betrieb - aber damit letztlich am US-Militärgouverneur Lucius Clay (und den Brirten) scheiterte! Erst mit den US-Zahlungen im Rahmen des Marshall-Planes an Frankreich (4 Mrd USD) gaben schrittweise die Franzosen ihre Forderungen nach totaler wirtschaftlicher Verkrüppelung der Westzonen auf! Bis 1951 aber wurde das Ruhrgebiet unter besondere Kontrolle gestellt, die Frankreich zur Verhinderung eines Wiederaufbaues nutzte.
Es waren die vor allem US-Militärs die mit ihrer Hartnäckigkeit ein neues Versailles das die Franzosen sehr wohl veranstalten wollten, verhinderten.
Literaturhinweis: John Gimbel, The Origins of the Marshall Plan, Stanford, 1976ISBN 0-8047-0903-3. Wurde leider nichts ins Deutsche übersetzt. Warum?

Gschichterl...

Der Friedensvertrag von Versailles hat die Grundlage für den Zweiten Weltkrieg erst so richtig geschaffen.
Deutschland braucht sich für nichts bedanken.
Außerdem finanziert Deutschland die EU nahezu im Alleingang.
Dafür sollte sich der Rest bei Deutschland bedanken.
Und wir Österreicher schmarotzen doch auch seit Jahrzehnten nur mit den Deutschen mit!
Unsere Politiker hätten uns längst auf den Status von Griechenland abgewirtschaftet.

Re: Gschichterl...

In Kürze: Versailles HAT den Hitler geschaffen (ermöglicht) und damit die Zündschnur zum 2. Weltkrieg gelegt.
Wer das schon 1920 erkannt hatte? Niemand anderer als der später berühmt gewordene Nationalökonom John Maynard Keynes. Er war als Beamter des britischen Schatzamtes Mitglied der britischen Delegation bei den Pariser Friedensverhandlungen - und trat aus Protest zurück.
Danach schrieb er ein Traktat "The Economic Consequences of the Peace" - und sagte darin ziemlich genau die späteren Entwickungen in Deutschland, auch politischen, wie in Europa voraus..
Heute wäre das bei den Geschichtsklitterern nicht sehr com il faut, was der Mann darin voraus sagte...Genau so wenig, wie dass seine berühmte "Allgemeine Theorie" über Beschäftigung, Zinsen und des Geldes - 1936 (!) in Deutschland an den Unis in der Übersetzung stark verbreitet wurde.

großzügige "Siegermacht"...

... hat diesen Vertrag mehr gebraucht als Deutschland. Der Rest der Alliierten hat Frankreich doch nicht ernstgenommen. Ich glaube man muss Deutschland (Adenauer und Co.) zumindest genauso danken, da die auch gut die Zünglein ander Waage Karte spielen hätten können - wenn Deutschland (bzw. Westdeutschland) eine "Deal" mit der Sovietunion macht, dann schau ich mir mal an, wie großzügig sich die französische Spitzer verhalten hätte...

ABER, trotz allem, ein interessanter Schritt!

Re: großzügige "Siegermacht"...

Frankreich hatte tatsächlich nur unter (finanziellem) Druck der USA nach 1948 (!) schrittweise von seinen Gebietsforderungen und an den Morgenthau-Plan erinnertnten wirtschaftlichen Demontageforderungen gegen Westdeutschland abgerückt.
Schuman war der engasgierteste Politiker in Paris der das am heftigsten betrieb.

Dass die "europäische" Geschichtsklitterung ihn später zu einer Art Säulenheiligen der EU erhob ist für wirkliche Kenner der französischen Politik nach 1945 abenteuerlich. Frankreich, das zuerst gar nicht als "Siegermacht" nach Potsdam zugelassen worden war, wollte das später erst recht kompensieren. Die USA zeigten sich großzügig, um räumte den Franzosen dann auch ursprünglich US-Besatzungsgebiezte ein!

doch dieser Schritt entspricht auch einer Großzügigkeit, die sich nur ein selbstbewusstes Land leisten kann.

diese auf selbstbewusstsein aufbauende großzügigkeit gab es leider nur kurz nach dem krieg.
mittlerweile grassiert fast auf der ganzen welt wieder der minderwertigkeitskomplex

auch und besonders auf ebene der bevölkerung: die furcht vor berührung mit dem islam kann nur in köpfen gedeihen, wo der gedanke "ich bin ein armes würschtl, jeder ist stärker als ich!" der dominierende ist.

doch, siehe elysee-vertrag, als minderwertigkeitskomplexler kommt man zu nichts.

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