22.05.2013 10:41 Merkliste 0

Berlusconis neuer Frühling

WIELAND SCHNEIDER (Die Presse)

Der Cavaliere hat einen starken Verbündeten: das Kurzzeitgedächtnis vieler Italiener.

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Silvio Berlusconi ist ein reicher Mann. Er besitzt nicht nur ein gewaltiges Vermögen, er besitzt auch schier unendliches Selbstvertrauen. Berlusconi wurde niemals müde, sich als Traum aller Frauen zu bezeichnen – und als besten Premier, den Italien je hatte. Einiges an seinem Selbstlob war Teil seines höchst eigenwilligen Humors, vieles aber ernst gemeint. Der Cavaliere liebte es, sich als Wundertäter zu präsentieren, der als Einziger Italien retten kann.

Doch Berlusconi hat als Regierungschef keine Wunder vollbracht. Als er vor mehr als einem Jahr sein Amt abgeben musste, steckte das Land tief in der Krise. Was hingegen an ein Wunder gemahnt, ist die Tatsache, dass er nun – trotz allem – wieder im Rennen ist. Auch wenn sich zuletzt viele Wähler kopfschüttelnd von ihm abgewandt haben, geht es mit seinen Umfragewerten nach oben. Dazu hat der Skandal um die Bank Monte dei Paschi beigetragen, aber auch das Kurzzeitgedächtnis vieler, die mit den harten Maßnahmen der Regierung Monti unzufrieden sind, jedoch vergessen haben, wer sie in die Misere manövriert hat; und natürlich Berlusconis Begabung, sich auch mit fragwürdigen Sagern in den Mittelpunkt zu spielen.

Dass Zurückhaltung im Wahlkampf keine Zier ist, zeigt nicht nur Berlusconis dritter (politischer) Frühling, sondern auch das Phänomen Beppe Grillo. Der millionenschwere Komiker geriert sich als Retter des kleinen Mannes und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Technokrat Mario Monti wirkt in diesem bunten Umfeld farblos. Die Show, die er den Italienern geboten hat, war ein Sparprogramm. Doch Monti ist genau die Art von Politiker, die Italien braucht.

 

wieland.schneider@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.02.2013)

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5 Kommentare

Unaufhaltsam

Unaufhaltsam versenken sich langsam die Staaten selber. Mit ihnen die Menschen, die gerade die wählen, die sie in den Abgrund ziehen. Alte Männer als Zukunftshoffnung, Geldmagnaten als Retter des kleinen Mannes...undsoweiter. Und weil man auf einem Auge schon länger blind ist, zieht man als Gottseibeiuns gegen die EU vom Leder, als ob die Demontage der letzten europäischen Chance den Schmerz des Untergangs lindern würde. Jede Epoche feiert ihre Höhepunkte sowie sie ihren Niedergang erleidet. Rhythmen der Geschichte.

Italiener haben ein Kurzzeitgedächtnis!

Die Österreicher haben aber dagegen ein Langzeitgedächtnis. Sie können das Jahr 1683 nicht vergessen!

Re: Italiener haben ein Kurzzeitgedächtnis!

Und die Jahre 1529, 1664 (Mogersdorf), 1684/86 (Ofen), 1688 (Belgrad), 1697 (Zenta), 1716 (Peterwardein) um nur einige zu nennen, die vergessen wir auch nicht.....!

B.will nur Immunität......

Berlusconi kann und muß man eindeutig als Stolperstein und Belstung für Italien bezeichnen!!

Und deutlich wie nie ist hervorzuheben, dass er nur aus einem einzigen Grund in seinem bevorstehenden Greisenalte rnoch kandidiert: um immunität weiter beizubehalten - um nur auf diese Weise weiteren Prozessen und vor allem wirksamen Verurteilungen zu entgegen.
Dies hätte Wieland Schneider doch hervorheben sollen....

Kommentar zum Kommentar

Meines Erachtens ein knapper, jedoch durchaus zutreffender Kommentar von Herrn Schneider. Es wäre höchst interessant und informativ, könnte DiePresse.com den Österreicherinnen und Österreichern die italienische Mentalität einmal in einem Artikel/Kommentar näher bringen. Sie ist es allemal Wert beschrieben zu werden. Es gäbe doch - so durfte ich die Italienerinnen und Italiener kennen lernen - einige Überraschungen und ebensoviel Seltsames zu berichten. Paradox scheint mir insbesondere zu sein, dass die Bewohner der Halbinsel als äusserst politische Menschen zu bezeichnen sind, ihr Hang zur Oberflächlichkeit und zu Äusserlichkeiten (in jeglicher Hinsicht!) verhindert - meiner Meinung nach - nachhaltige, sinnvolle und auch realpolitisch nachvollziehbare Entscheidungen und Präferenzen.

Ganz generell hat Italien (nicht erst seit Kurzem) ein ähnliches Problem wie viele andere, westliche Nationen: Es wird letztlich nicht begriffen, dass der - zumindest in Norditalien - verhasste Staat durch die Bürgerschaft gebildet wird. Der Staat wird betrogen und belogen wo es nur geht (Nationalsport in Italien: "Steueroptimierung"), den Schaden allerdings tragen letztlich die Bürger selbst. Die Schuld wird in diesem Kreislauf allerdings der politischen Elite in die Schuhe geschoben. Dass jeder Einzelne Entscheidendes zur Besserung beitragen könnte, wird (bewusst, jedoch wohl vielmehr unbewusst) ausgeblendet. Dies wäre eine gewichtige pädagogische Aufgabe in Italien.

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