Wenn der Hahn Mist kräht

KARL GAULHOFER (Die Presse)

Hessens FDP-Chef macht sich laut Gedanken über Philipp Röslers asiatische Optik. Rassismus? Aber nein.

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Das zugleich Schöne und Schreckliche an Deutschlands Politikbetrieb ist, wie schnell Erregungen den Siedepunkt erreichen. Da kann kein Wasserkocher mithalten. Kaum rutscht jemand an einer Hotelbar oder im „Hinterholzer Boten“ eine blöde Bemerkung raus, überhöht das Volk der Dichter, Denker und Schlagzeilenjäger den Fauxpas ins Gleichnishaft-Allgemeine. Herr Steinbrück kauft keinen Pinot Grigio unter fünf Euro? Das war's dann wohl mit dem Kanzlertraum. Herr Brüderle schleimt mitternächtlich einer Jungjournalistin einen Chauvi-Spruch ins Dekolleté? Ganz Deutschland dekliniert das Thema Sexismus durch. Und jetzt beschert Jörg-Uwe Hahn der Bundesrepublik gewiss ungewollt eine handfeste Rassismusdebatte.

FDP-Chef Hessens hat in einem Interview gesagt: „Bei Philipp Rösler möchte ich allerdings gern wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler noch länger zu akzeptieren.“ Zitat Ende, Eklat Anfang. „Rassismus in Reinkultur“, „allerunterste Schublade“, „stillose Entgleisung“, ereifern sich SPD, Linke und Grüne. Also mal in aller Ruhe: Herr Hahn hat Mist gebaut, seine Formulierung ist missverständlich. Besonders das „noch länger“ könnte man isoliert als fiese Attacke gegen den Parteichef deuten.

Doch das Umfeld des Zitats zeigt: Der bislang unverdächtige hessische Integrationsminister wollte offenbar wirklich nur „auf unterschwelligen Rassismus hinweisen“. Gefallen lassen muss er sich Vorwürfe, er unterstelle den Menschen eine „fremdenfeindliche Neigung“. Aber wenn es die gibt? Ein Jungliberaler erzählt, was er am Wahlkampfstand häufig hört: „Ich würde euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg.“

Das Schöne an Deutschland ist, wie weit es diese Gesellschaft gebracht hat: An der Macht ist eine Frau, geschieden und kinderlos. Der Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit, der Präsident nicht seine Gattin, sondern eine Dame, mit der er in wilder Ehe verbunden ist. Und der Vizekanzler ist ein Adoptivkind aus Vietnam. Das sollen die Amerikaner, aber auch die Österreicher erst einmal nachmachen. Doch es wäre naiv zu glauben, dass sich mit solchen Fakten alle Ressentiments erledigen. Dass sie in Deutschland keine relevante politische Stimme haben, ist gut. Aber es ist auch gut zu erwähnen, dass es sie weiter gibt. Es verschämt zu verschweigen, wäre wirklich Mist.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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13 Kommentare

In Deutschland....

... weiss man aufgrund einer - jedenfalls besser als in Österreich - aufgearbeiteten Vergangenheit, was man "nicht sagen soll", schließlich soll man doch wissen, was PC (politisch correkt) ist. Die Gefahr der Scheinheiligkeit ist bereits heraufgezogen. Allerdings glaube ich ganz einfach, dass gerade ein Politiker der "frei von der Leber" eine Ausdrucksform wagt die nicht politisch korrekt ist, diese Risiko ganz bewusst eingeht. Wahrscheinlich tut er das "in Sorge" um das Wohl seiner Partei (für Funktionäre ganz wichig!) auch wenn sich diese liberal nennt. Einen Zusammenhang anzusprechen, der gewöhnlich über vielen Stammtischen aber auch Küchentischen hängt, wie das auch bei den Lebensverhältnissen (den Lebengefährten) des Exparteivorsitzenden der FPÖ der Fall war, sollte in einer wirklich offenen und diskussionsbereiten Demokratie möglich sein. Wenn das in einer weltoffenen Form mit Blick auf die verkehrs- und kommunikationstechnisch bereits globaliserte Gesellschaft geschieht, sehe ich derartige Diskussionsbeiträge sogar als konstruktiv, während das verschämte Verschweigen von vorhandenen und in den Tiefen unserer Seelen verankerte (Kinder "fremdeln" ab dem 8. Monat) Ängste, im Blick auf eine "planetare Zukunft" für künftige Generationen, eher destruktiv ist.

Re: In Deutschland....

Und wie leicht man Worte und auch Sätze mit ausreichend vorhandener Boshaftigkeit verdrehen könnte, zeigt eine Formulierung in diesem Kommentar:

"Das Schöne an Deutschland ist, wie weit es diese Gesellschaft gebracht hat: An der Macht ist eine Frau, geschieden und kinderlos. Der Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit, der Präsident nicht seine Gattin, sondern eine Dame, mit der er in wilder Ehe verbunden ist."

Die Früchte welche aus der deutschen Gesellschaft in den vergangenen sechzig Jahrzehnten hervorgegangen sind, liegen wahrscheinlich nicht an den vielen geschiedenen und kinderlosen Frauen, an Aussenministern die Lebensgefährten mitbringen und Präsidentengatinnen die dem Präsidenten nicht offiziell verbunden sind. Vielmehr sehe ich die oben angeführten Fakten Kommentators eher erfreulich im Hinblick auf die Phase der menschenverachtenden Intoleranz die in den Deutschland in den Jahren zwischen 1932 und 1945 ausgegangen ist.

Schönheitsfehler

Die mittlerweile weit ins klerikale linke Eck gerückte "Presse" stimmt in alle diese Kampagnen munter mit ein. Der Wunsch selbst Kampagnen zu starten, zeichnet sich ab. Fehlt nur noch etwas Übung.

Ausgezeichnet

Sie sprechen mir aus der Seele.

Gut ...

... geschriebener Artikel!

Weit gebracht

"...wie weit es diese Gesellschaft gebracht hat: An der Macht ist eine Frau, geschieden und kinderlos. Der Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit, der Präsident nicht seine Gattin, sondern eine Dame, mit der er in wilder Ehe verbunden ist. Und der Vizekanzler ist ein Adoptivkind aus Vietnam."

Weit gebracht, in der Tat...

Re: Weit gebracht

"Der Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit"

Was daran gut sein soll muß mir erst jemand erklären. Macht sich übrigens besonders gut in der arabischen Welt...

Re: Re: Weit gebracht

@citoyen: Wieso sollen wir auf die Sitten in der arabischen Welt soviel Rücksicht nehmen? Dann müsste ja auch Frau Merkel durch einen Mann ersetzt werden.

Re: Weit gebracht

@Arethas: Wäre es Ihnen denn lieber, Frau Merkel stünde zu Hause am Herd und würde Plätzchen für ihre Kinderchen backen, derweil der Außenminister seine Pro-Forma-Gattin ins Ausland mitnimmt, der Präsident mit seiner Immer-noch-Frau bei offiziellen Gelegenheiten vorzeigt, derweil weiter hinten im Gefolge die Nachfolgerin versteckt wird (was die Presse zwar weiß, worüber sie aber nicht berichtet, denn sie hat ja die Verpflichtung, die allgemeine Moral hochzuhalten), und das Schiff mit den Vietnamflüchtlingen rechtzeitig untergegangen wäre?

Re: Re: Weit gebracht

Bitte mich nicht misszuverstehen, aber was bitte soll gut daran sein, dass die Kanzlerin geschieden und kinderlos ist?

Es ist eine Sache, etwas zu tolerieren, aber etwas ganz anderes, das ausdrücklich gut zu heißen.

Oder: Dass Herr Rösler aus Vietnam stammt, ist ein Faktum, und für die Politik per se weder gut noch schlecht.

Und die Formulierung "Der
Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit" ist wohl dem Fasching geschuldet...

Re: Re: Re: Weit gebracht

@Arethas: Gut ist nicht, dass die Kanzlerin geschieden und eine Frau ist – gut ist, dass dieser Umstand keine politische Relevanz mehr hat. Detto für Herrn Rösler etc.

Nehmen wir als Gegenbeispiel unseren allerwertesten Herrn Bundeskanzler: Der ist *nicht* geschieden, *nicht* von asiatischer Herkunft und auch *nicht* schwul – damit wäre er ja ein Mann so recht nach dem Herzen vieler erzkonservativer Zeitgenossen. Und doch ist er unter aller Kritik, wegen seiner erkennbar fehlenden Eignung für dieses Amt.

Re: Re: Weit gebracht

Es gibt gewisse Positionen in der Gesellschaft, da machen sich solche Verhältnisse wie die oben geschilderten nicht besonders toll. Ein Bundespräsident hat immerhin irgendwie eine gewisse Vorbildfunktion! Erst recht, wenn er den Anspruch erhebt, eine moralische Instanz zu sein!

Re: Re: Re: Weit gebracht

@Linda Fredi: Wenn Sie einen Ersatzkaiser wollen, ist das Ihre Sache.

Dass Herr Gauck in einem gschlamperten Verhältnis lebt, kann er mit seiner Immer-noch-Ehefrau ausmachen. Jedenfalls ist dieses nicht strafrechtlich relevant.

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