Wenn der Hahn Mist kräht

Hessens FDP-Chef macht sich laut Gedanken über Philipp Röslers asiatische Optik. Rassismus? Aber nein.

Das zugleich Schöne und Schreckliche an Deutschlands Politikbetrieb ist, wie schnell Erregungen den Siedepunkt erreichen. Da kann kein Wasserkocher mithalten. Kaum rutscht jemand an einer Hotelbar oder im „Hinterholzer Boten“ eine blöde Bemerkung raus, überhöht das Volk der Dichter, Denker und Schlagzeilenjäger den Fauxpas ins Gleichnishaft-Allgemeine. Herr Steinbrück kauft keinen Pinot Grigio unter fünf Euro? Das war's dann wohl mit dem Kanzlertraum. Herr Brüderle schleimt mitternächtlich einer Jungjournalistin einen Chauvi-Spruch ins Dekolleté? Ganz Deutschland dekliniert das Thema Sexismus durch. Und jetzt beschert Jörg-Uwe Hahn der Bundesrepublik gewiss ungewollt eine handfeste Rassismusdebatte.

FDP-Chef Hessens hat in einem Interview gesagt: „Bei Philipp Rösler möchte ich allerdings gern wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler noch länger zu akzeptieren.“ Zitat Ende, Eklat Anfang. „Rassismus in Reinkultur“, „allerunterste Schublade“, „stillose Entgleisung“, ereifern sich SPD, Linke und Grüne. Also mal in aller Ruhe: Herr Hahn hat Mist gebaut, seine Formulierung ist missverständlich. Besonders das „noch länger“ könnte man isoliert als fiese Attacke gegen den Parteichef deuten.

Doch das Umfeld des Zitats zeigt: Der bislang unverdächtige hessische Integrationsminister wollte offenbar wirklich nur „auf unterschwelligen Rassismus hinweisen“. Gefallen lassen muss er sich Vorwürfe, er unterstelle den Menschen eine „fremdenfeindliche Neigung“. Aber wenn es die gibt? Ein Jungliberaler erzählt, was er am Wahlkampfstand häufig hört: „Ich würde euch ja wählen, aber dafür müsste erst einmal der Chinese weg.“

Das Schöne an Deutschland ist, wie weit es diese Gesellschaft gebracht hat: An der Macht ist eine Frau, geschieden und kinderlos. Der Außenminister nimmt zu Staatsakten seinen Lebensgefährten mit, der Präsident nicht seine Gattin, sondern eine Dame, mit der er in wilder Ehe verbunden ist. Und der Vizekanzler ist ein Adoptivkind aus Vietnam. Das sollen die Amerikaner, aber auch die Österreicher erst einmal nachmachen. Doch es wäre naiv zu glauben, dass sich mit solchen Fakten alle Ressentiments erledigen. Dass sie in Deutschland keine relevante politische Stimme haben, ist gut. Aber es ist auch gut zu erwähnen, dass es sie weiter gibt. Es verschämt zu verschweigen, wäre wirklich Mist.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)

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