Zu Recht auf der Flucht

BERNADETTE BAYRHAMMER (Die Presse)

Auch österreichische Mediziner verlassen das Land. Und man kann es ihnen nicht verdenken.

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Sie hängen Flaschen an, nehmen Blut ab und Patienten auf: Vor ziemlich genau einem Jahr zeigte eine Umfrage, was Turnusärzte im Krankenhausalltag viel zu oft sind: billige Systemerhalter. Es mag Ausnahmen geben, Fakt ist aber: Das, was Ärzte nach ihrem Uni-Abschluss in Österreich erwartet, hat den Namen Ausbildung häufig nicht verdient. Dass junge Mediziner angesichts dessen ihr Glück im Ausland suchen, kann man ihnen nicht verdenken. Und dass ausländische Absolventen (also: die Deutschen) besonders mobil sind, ist logisch.

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De facto sind es allerdings längst nicht nur die „Ausländer“, die die Koffer packen. Auch junge Österreicher machen sich nach dem Abschluss auf nach Deutschland, in die Schweiz, nach Großbritannien oder in den Norden. Irgendwohin, wo sie statt eines zähen und sinnlosen Turnus direkt mit einer (echten) Facharztausbildung starten können – und dafür auch noch mehr Geld bekommen.

Man könnte jetzt einwenden, dass die Reform des Turnus ja eh bevorstehe. Tatsächlich steht sie, typisch österreichisch, seit Jahren auf dem Programm. Wirklich passiert ist (welch Überraschung!) immer noch nichts. Wenn man verhindern will, dass die jungen Ärzte, ob In- oder Ausländer, weiterhin reihenweise davonlaufen, ist eine rasche Reform aber die einzige Chance.

Eines noch: Mehr Studienplätze sind jedenfalls nicht die Lösung. Nur für den Fall, dass die Linzer die jüngsten Ergebnisse zu einem weiteren Argument für eine eigene Medizinfakultät machen wollen.

 

bernadette.bayrhammer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2013)

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16 Kommentare

"Sie hängen Flaschen an, nehmen Blut ab und Patienten auf..."

(und zwar in einem ausmaß an wochenstunden, das jegliche menschenwürde verhöhnt).

ja, so kann man es formulieren, wenn man die negativ-seite bevorzugt.
man kann es aber auch positiv sehen:
all das machen die jungärzte doch nur, damit primar und oberarzt MEHR zeit haben, sich um ihre patienten zu kümmern. in ihrer privatpraxis natürlich.
und den jungärzten wird ihr einsatz reich vergolten. manchen jedenfalls: sie dürfen eines tages ebenfalls jungspunde wie sklaven schuften lassen und sich daheim eine goldene nase verdienen!

Es sind die Arbeitsbedingungen

1.) Die Österreicher gehen wegen der Arbeitsbedingungen weg. Wie im Artikel richtig umrissen ist das Aufgabenprofil des Turnusarztes "alles was die Schwester nicht machen will". So entstanden übrigens (logischerweise) in Zeiten der Ärzteschwemme. War früher anders. Also bitte keine neue Uni aufsperren um die Systemsklaven nachzuzüchten, sondern das System ändern. Am Land findet das schon statt, dort haben sie bereits Ärztemangel.

2.) Die deutschen Studenten sollten uns willkommen sein, sie sollten aber auch etwas beitragen, damit sie hier studieren dürfen (in D dürfen sie das oft wegen des vertrottelten numerus clausus -Systems nicht). Viele würden das auch tun, wenn es in einem nachvollziehbaren Rahmen ist.

3.) Die Ausbildung ist in Ö relativ gut, das Gesundheitssystem auch. Vergleichen mit aller Welt hält es locker stand. Verbesserungen wären trotzdem sinnvoll und manchmal auch kostenschonend (s. auch Punkt 1).

PS danke für den Artikel, offensichtlich interessieren Sie sich wirklich dafür

Es sind die Arbeitsbedingungen, nicht das Geld

1.) Die Österreicher gehen wegen der Arbeitsbedingungen weg. Wie im Artikel richtig umrissen ist das Aufgabenprofil des Turnusarztes "alles was die Schwester nicht machen will". So entstanden übrigens (logischerweise) in Zeiten der Ärzteschwemme. War früher anders. Also bitte keine neue Uni aufsperren um die Systemsklaven nachzuzüchten, sondern das System ändern. Am Land findet das schon statt, dort haben sie bereits Ärztemangel.

2.) Die deutschen Studenten sollten uns willkommen sein, sie sollten aber auch etwas beitragen, damit sie hier studieren dürfen (in D dürfen sie das oft wegen des vertrottelten numerus clausus -Systems nicht). Viele würden das auch tun, wenn es in einem nachvollziehbaren Rahmen ist.

3.) Die Ausbildung ist in Ö relativ gut, das Gesundheitssystem auch. Vergleichen mit aller Welt hält es locker stand. Verbesserungen wären trotzdem sinnvoll und manchmal auch kostenschonend (s. auch Punkt 1).

PS danke für den Artikel, offensichtlich interessieren Sie sich wirklich dafür

Nicht nu Ärzte

Die aberwitzige Abgabenbelastung in Österreich, wo jeder der 25.000 € pro Jahr verdient als "Besserverdiener" verstanden wird, den man abzocken muss, zwingt gut Ausgebldete, die etwas Mumm haben, das Land zu verlassen. Geht mit den Abgaben runter, und das Problem ist gelöst. Aber dazu müsste man die abenteuerlichen Alimentierungen reduzieren: sauteure Verwaltung, sozialleistungsmissbrauch, Korruption, Leistungsunwille. Das wird im postkommunistischen Österreich nicht passieren.... da wird nur gleichgeschaltet auf niedrigem Niveau .

Re: Nicht nu Ärzte

bla bla bla!

wer zahlt von seinem einkommen einen höheren anteil an steuern und abgaben: der chefarzt oder die krankenschwester?

auf jeden fall die krankenschwester!

1 8

Arbeitsleid

Das Golfspielen und die Privatordi kommt halt erst später!

Re: Arbeitsleid

Ich will nicht klagen, aber als Arzt in einer Privat-Ordi darf ich Ihr Weltbild etwas zurecht rücken.
Der Umsatz pro Stunde bzw. pro Woche liegt in einer Privat-Ordi meist deutlich unter dem einer Kassen-Ordi, denn dort werden einfach (notgedrungen) mehr Patienten durchgeschleust.
Golf spiele ich übrigens nicht und mein Auto ist ein VW, um Ihr nächstes mögliches Vorurteil auszuräumen, denn vermutlich glauben Sie, dass alle Ärzte dicke Autos fahren, Golf spielen und große Villen besitzen. Wer darf denn übrigens Ihrer Meinung nach Golf spielen und überdurchschnittlich verdienen?

Re: Re: Arbeitsleid

es muss auch unter den privatärzten wirtschaftliche versager geben.

aber hilft es ihnen tatsächlich, wenn sie sich als privatarzt-typisch gerieren? das sind sie nämlich nicht!

Re: Arbeitsleid

so stellt sich der bildungsferne kleine maxi (oder majuba) das leben von akademikern vor.

6 0

Steuerparadies Österreich

Bei diesem armseligen und noch dazu mit permanent um die 50% zu zahlenden Einkommenssteuern bei einem Jahresverdienst von über 20.000 Euro wird sich dieses "Steuerparadies" Österreich brausen gehen können!

Österreich zieht dank seiner Politik die Sozialfälle aus dem Ausland an, die Akademiker hingegen suchen gerne das Weite!

Auf der Landstraße in Linz sind wieder die "internationalen Bettler" unterwegs, die aufgrund der EU ihr "Gewerbe" ausüben dürfen......

5 0

zu kurz gegriffen

Auch wenn der Artikel oben in allen Punkten zutrifft, leider ist das nur die Spitze des Eisbergs. Denn unser Gesundheitssystem ist auch nach der Ausbildung alles andere als brauchbar. Dummes Geschwätz und Absichtserklärungen von wechselnden Gesundheitsministern haben das leider nicht einmal ansatzweise verbessert. Krankenhäuser sperren zu, Arztpraxen gehen pleite bzw werden v.a. am Land nicht nachbesetzt. Geredet wird eigentlich nur über Geld, letztendlich versickert das bei multiplen Krankenkassen-Apparatschiks und nicht bei den Ärzten oder Patienten - die dürfen sich in endlos Diensten bzw Endlos-Warteschlangen aufreiben. Die Ärzte gehen nicht nur wegen der Ausbildung, sie gehen, weil die Berufsbedingungen in Österreich zunehmend unhaltbar werden.

es wird später nicht besser

Solange jeder Pilot oder Buschauffeur sein Gefährt nach 10 Stunden stehen lassen muss, aber ein Arzt nach 16 Stunden Dienst ruhig lebensgefährliche Eingriffe machen darf/soll, leben wir in einem absurden System. Und während alle offiziell erklären, das gehe schon, sind viele Spitalsärzte physische und psychische Wracks, vom Alkohol gar nicht zu reden. Aber dafür gibt es auch keine zugänglichen Qualitätsstatistiken.

der mangel an turnusärzten

bewirkt am örtlichen krankenhaus, dass jetzt die schwestern nach jahrelangem vebot wieder leitungen legen dürfen. und wenn es zu wenige schwestern gäbe, dann dürften das sogar die putzfrauen.
so läuft bei uns alles auf allen gebieten.

6 0

Re: der mangel an turnusärzten

dazu sollte man wissen, das österreich eines der wenigen länder ist, in dem schwestern keine leitungen legen dürften, sondern es für jeden schwachsinn prinzipiell einen arzt braucht, in italien, der schweiz, etc... schaut das etwas anders aus

Dies wäre sicher ein Weg,

den Turnus weg wieder zu einer tatsächlichen Ausbildung zu machen, von der auch spätere Fachärzte profitieren könnten - Allgemeinmediziner sowieso.

Aber solange Zuständigkeiten als Machtbereich gesehen werden, wird das wohl nichts.

zutreffender kommentar!

jeder halbwegs vernünftige arztanwärter wird so handeln!

vllt gibt in austria gar einen systemfehler?

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