Ruhe sanft in dunklen Tiefen

FRANZ LERCHENMÜLLER (Die Presse)

Adieu, Ljubov Orlova, du alter Pott, wo immer du dich herumtreiben magst.

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HIN & WEG

Da treibt sie, gepackt von Stürmen, gepeitscht von Regen- und Hagelböen, hin und her geworfen von den Wellen wie ein Spielzeugdampfer. Kein Kapitän steuert sie, kein Maschinist wartet die Motoren, keine Menschenseele ist an Bord. Nur ein paar Ratten, wahrscheinlich halb verrückt vor Angst. Und die Erinnerungen Hunderter von Menschen, die einst als Angestellte oder Gäste mit an Bord waren, reisen unsichtbar mit.

Im Jänner sollte die Ljubov Orlova, ein ehemaliges Expeditionsschiff, von Neufundland aus in die Dominikanische Republik geschleppt werden – zum Abwracken. Über zwei Jahre lang hatte sie in St.John's an der Kette gelegen. Der Veranstalter, der sie gechartert hatte, verlangte von den ukrainischen Betreibern 250.000 Dollar Ausfallkosten, weil immer wieder etwas schiefgegangen war. Auch die Mannschaft hatte am Schluss kein Geld mehr gesehen.

Nach der Ausfahrt riss zweimal das Tau, aber schließlich war sie dann, am 4.Februar, bereits in internationalen Gewässern – und niemand fühlte sich mehr zuständig.

Seitdem treibt sie in Richtung Alte Welt. Das Letzte, was man von ihr hörte, war das Signal einer Notrufbake 700 Seemeilen vor der Küste von Irland. Ob es allerdings von Bord des Schiffes kam oder von einem Rettungsboot, das sich losgerissen hatte, weiß niemand.

Ein Geisterschiff, ein Fliegender Holländer des dritten Jahrtausends ist auf dem Atlantik unterwegs. Oder schon gesunken. Für uns, die wir sie in den Gewässern von Labrador und Neufundland kennengelernt haben, ist dies mehr als nur eine dürre Meldung. Für uns geht ein Stück Vergangenheit.

Vom Deck, dessen Reling und Planken inzwischen ein herabstürzender Schornstein zerschlagen haben könnte, verfolgten wir stundenlang, wie das Schiff sich zwischen Eisbergen durchschob. Aus der Kombüse, deren Herd mittlerweile sicher dick von Rost überzogen ist, schleppten die Köche unermüdlich Lachs ans Buffet. Und abends in der Lounge, in die jetzt durch zersplitterte Bullaugen die Brecher donnern, gaben Mae und Sue, Inuit-Jugendliche, die als Praktikanten mit an Bord waren, Proben von Throatsinging, der Obertonmusik der Inuit. Elf Tage lang war „die Ljubov“ für uns Heimat auf Zeit, Bühne, Begegnungsraum und Beichtstuhl.

Jetzt treibt sie übers Meer, ein Spielball der Winde und Wellen. Aber vielleicht ist die Ljubov Orlova auch längst an jenem Platz vor Anker gegangen, von dem kürzlich einer ihrer vielen Twitter-Begleiter ihre letzte Botschaft vernommen zu haben glaubte: „Jede Menge neuer Hummer-Freunde hier gefunden. Schöner, dunkler Ort für einen langen Schlaf.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2013)

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1 Kommentare

Jedenfalls ist sie sicherer unterwegs als dei Costa Concordia mit einem italienischen Capitän


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