Die Serben fühlen sich seit den Balkankriegen vom Westen verfolgt. Das nationale Selbstbewusstsein erlitt nicht nur durch die Niederlage einen schweren Knacks, sondern auch dadurch, dass die westliche Gemeinschaft nie einen Zweifel daran ließ, wer für die dabei verübten Gräueltaten hauptverantwortlich ist. Die drohende Unabhängigkeit des Kosovo ist ein weiterer Tiefschlag für den serbischen Stolz. Und schuld daran ist natürlich wieder der Westen.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, wenn im serbischen Wahlkampf fleißig die „Ost-Karte“ gespielt wird: die Andeutung des Nationalisten Tomislav Nikolic, dass Serbien sein politisches Heil dann eben in der engen Anbindung an Russland suchen würde.
Doch diese Trumpfkarte sticht nicht. Denn sie geht mit der Realität zu sorglos um. Sie ignoriert, dass Serbien in Europa liegt, dass es mittelfristig von EU-Staaten umgeben sein wird, dass es schon jetzt die wichtigsten Handelsverbindungen mit der EU hat – und dass sich ebendiese EU nach hinten und vorne verrenkt, um Serbien trotz seiner nicht gerade überwältigenden Zusammenarbeit mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal die Hand zur Partnerschaft zu reichen. Serbien kann diese Hand natürlich ausschlagen und eine „splendid isolation“ nach Schweizer Vorbild wählen. Nur dummerweise kann es sich das in keiner Weise leisten. (Bericht: S. 4)
doris.kraus@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.01.2008)

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