08.11.2009 09:46 | Meine Presse Merkliste0

Der Tschad und die Erregungskünstler

CHRISTIAN ULTSCH (Die Presse)

Die permanente „Sorge“ um Bundesheer-Soldaten, die in Bunkern und Camps Zuflucht suchen können, ist absurd und provinziell.

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Zehntausende Tschader flüchten vor den Kämpfen in ihrer Hauptstadt N'Djamena, auf den Straßen liegen Leichen umher, plündernde Banden stehlen, was noch nicht zerstört ist. Doch Österreichs Erregungskünstler in Politik und Boulevardmedien haben nichts Besseres zu tun, als sich hyperventilierend ausschließlich um 15 Bundesheerangehörige zu sorgen, die sich a) freiwillig für den Einsatz meldeten, b) nach ihrer Ankunft im Bunker eines Hotel verschanzt haben und c) jetzt von der französischen Armee in einem Militärlager beschützt werden. Und wenn vor den Toren des Camps noch so viele Menschen krepieren – Hauptsache, „unseren“ Soldaten geht es gut. Es ist schwer zu sagen, was an diesem Tunnelblick in den Tschad unerträglicher ist: die ignorante Provinzialität oder der Zynismus.

„Holt unsere Soldaten zurück!“ Das war der Schlachtruf, der nach den ersten Schüssen im Tschad durch die gackernde Republik hallte. Wäre die Regierung dem Rat der Panikmacher gefolgt, hätte sie nicht nur das Bundesheer, sondern ganz Österreich vor aller Welt endgültig der Lächerlichkeit preisgegeben.

Nicht die österreichischen und europäischen Soldaten, die für den Kampf ausgebildet wurden, haben Schutz notwendig, sondern die mehr als 250.000 Flüchtlinge im Tschad, einer Nebenfront des Völkermords im sudanesischen Darfur. Es ist die Zeit, dass die EU-Truppe ihrem Auftrag nachkommt. (Seite 7)


christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2008)

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14 Kommentare
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in der tat

kommt man zu dem schluss beim durchlesen der postings, dass man sich über zynismus nicht zu ärgern braucht, den ein solcher würde ein mindestmass an überblick und intelligenz verlangen. leider bleibt uns hiermit nur mehr die provinzialität als erklärung für diese sagenhafte ignorantz gegenüber den tatsachen.

ps: sich aufzuregen dass bewaffnete soldaten sich in eine gefährliche situation begeben ist,...nun ja...interessant

Antworten Gast: Crusader
07.02.2008 08:36
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Re: in der tat

Es geht nicht darum Soldaten ihren Beruf, der eben gefährlich ist, ausüben zu lassen sondern wem diese Ausübung letztendlich nützt und wie dieser Nutzen im Verhältnis zu den Kosten steht.
Kein Land dieser Welt schickt Truppen nur aus humanitären Gründen irgendwo hin siehe Un Truppen - ohne es näher auszuführen verweise ich auf den Artikel
Blauhelme - Die modernen Mietregimenter(http://www.kriegsreisende.de/wieder/blauhelme.htm).
Beschimpfungen wie ignorant, dumm, provinziel zeigen den wahren Unverstand derer die von der Materie keine Ahnung haben und nur ihrer längst verstaubten Ideologie hinterherhecheln.

Antworten Antworten Gast: Na bravo!
07.02.2008 22:39
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Re: Re: in der tat

Also wenn da etwas verstaubt ist, dann ist das die österreichische UN-Romantik nach dem Motto "Wir sitzen auf dem Golan, sind zu allen lieb und glauben damit ein Problem zu lösen."
Außerdem ist es schon halbwegs zynisch wenn Sie einen Einsatz im Tschad mit dem Argument verweigern, daß "Kein Land dieser Welt Truppen nur aus humanitären Gründen irgenwohin schickt." Genau weil keine humanitären Einsätze betrieben, leiden weltweit Millionen Menschen unter verschiedensten Formen von Repression, während unser provinzieller Verteidigungsminister unter dem Applaus wahlkämpfender Provinzpolitiker einen sündteuren Assistenzeinsatz verlängert, um Schrebergärten zu bewachen.
Zum Kotzen!

atcreate
06.02.2008 16:02
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Ja aber...

Herr Ultsch, ich gebe Ihnen was den österreichischen Soldaten dort angeht schon recht,
ABER, man sollte Frankreich generell aus der EU-Truppe ausschließen da es in dieser Region Afrikas Interessen hat. Man kann nicht jemanden einen humanitären Auftrag erteilen der gleichzeitig die selbe Bevölkerung ein paar Kilometer südlicher bombardiert ! Die Flüchtlinge kommen nicht nur aus dem Darfur, sondern auch aus der benachbarten Zentralfrikanischen Republik > dort wo die Franzosen, ein paar Monate her, die Bevölkerung bombardierten.

So wie es zur Zeit steht, kann sich Österreich sicherlich nicht als ein neutrales Land, in Tschad, vorstellen.
Die französischen Interessen (ob es Geopolitischer- oder Ökonomischer-Art) sind in dieser Region Afrikas zu verflochten.

Also anstatt sich gegen die aufzuregen die sich gegen einen BH-einsatz geäußert haben, sollte man sich eher aufregen unter welchen politischen Bedingungen Österreich an eine humanitäre Aktion in Tschad teil nimmt.

Gast: Denk_mal_nach
06.02.2008 12:31
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Wer zu spät kommt ...

Gorbatschow formulierte den berühmten Sager "wer zu spät kommt, den bestraft das Leben".

Wäre die EU-Truppe wie geplant mit Dezember in den insatz gegangen, so könnte sie längst ihrem Auftrag im - beinahe 2000 km von N'Djamena entfernten - östlichen Grenzgebiet zum Sudan nachkommen und die Flüchtlinge dort vor den Übergriffen der Janjaweeds schützen, ohne sich um die internen Auseinandersetzungen der alten und neuen Putschisten (derzeitiger Autokrat gegen seinen eigenen Clan, der auch nicht zu einer besseren Prognose für eines der ärmsten - und am stäksten ausgebeuteten Länder der Welt - Anlass gibt) im Südwesten des Landes kümmern zu müssen. Dann könnte inzwischen eine neue Rollbahn im Einsatzraum den mehrere Tagesreisen entfernten Flugplatz von N'Djamena für die EU-Truppe ersetzen. Aber die langwierige Verzögerung bringt nun diese zusätzlichen und unnötigen Probleme hervor.

Lehre: wenn du helfen willst, hilf schnell und mit entsprechenden Mitteln!

Nobodaddy
06.02.2008 10:31
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Drei Farben

Wie kommt das österreichische Heer eigentlich dazu, für Frankreichs Ruhm und Ehre in einen verspäteten Kolonialkrieg zu ziehen?

Und gibt es irgendjemanden in Europa, der einen Plan hat, was man dort erreichen will?

dresak
06.02.2008 09:09
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Guter Beitrag

So ist es, sie haben vollkommen recht.

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WEN sollen die Österreicher eigentlich "beschützen"?

Selbst wenn unsere Truppen zu voller 160-Mann-Stärke im Tschad eingelangt sein werden, so stellt sich selbst dann noch immer die Frage, WEN sie dann eigentlich wirklich "beschützen" sollen! Aber immerhin wird dan Herr Ultsch wieder ruhig schlafen können: Nein, Österreich hätte sich dann wenigstens "nicht endgültig vor aller Welt der Lächerlichkeit preisgegeben!" Nur darauf kam es dem Autor dieses Artikels schließlich an!

Aber WENN man in dieser Causa überhaupt jemanden der "Lächerlichkeit" zeihen kann, so ist es die EU insgesamt, denn diese glaubt tatsächlich, mit ein paar Tausend Soldaten komplizierte Stammesfehden in gleich zwei afrikanischen Staaten zu beenden! Österreichische Soldaten haben mit UNO-Mandat seit Jahrzehnten in vielen Krisengebieten Waffenstillstandslinien kontrolliert. Sie waren Beobachter, aber keine Kämpfer!

Im Tschad versuchen derzeit Rebellen, den Präsidenten zu stürzen. Dabei mischt auch der Sudan mit. WEN also sollen unsere Soldaten da noch beschützen?

Gast: Crusader
05.02.2008 21:00
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Bitte begründen...

Erklären sie mal die "Hilfeleistung" wenn österreichische Soldaten von der Fremdenlegion beschützt und gefüttert werden müssen.
Außerdem gehen uns die afrikanischen Stammeskriege nichts an und wem dies noch nicht genug ist sehe auf die "Erfolge" anderer Einmischungen auf dem schwarzen Kontinent.
Eigentlich ist`s mir wurscht wenn Österreicher die freiwillig irgendwo hingehen dann draufgehen - nur wer bezahlt`s letztendlich?
Die EU soll die eigenen Grenzen militärisch schützen und nicht Kolonialherr spielen wie die Franzosen.
Das Gutmenschafrika-Gewinsel hängt mir zum Halse heraus. Afrika ist nicht zu helfen - siehe Südafrika - und wer es nicht glaubt der lese z.B. Scholl Latour.
UND AFRIKA IST NICHT AUFTRAG DER EU TRUPPEN!!
- siehe Definition der Truppe selbst Herr Journalist.

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Re: Bitte begründen...

Da gebe ich Ihnen voll inhaltlich recht: Was speziell in der PRESSE so an einschlägigen Kommentaren publiziert wird, erinnert mich schon recht stark an Karl Kraus¿ "Die letzten Tage der Menschheit": Auch vor und während des 1. Weltkrieges übertrafen einander die Herren Redakteure in blutrünstiger Rabuistik; natürlich allesamt aus sicherer Entfernung...

Doch damals wußte man es eben noch nicht besser; bis dahin waren Kriege im Vergleich zu dem, was später kam, relativ örtlich begrenzte Scharmützel.

Nun bin ich selbst durchaus kein "Frieden-um-jeden-Preis"-Pazifist. Aber es muß doch erlaubt sein, kritisch darüber zu reflektieren, ob der Einsatz von Menschenleben (und sei es auch "nur" das von Soldaten!) das angestrebte Ziel auch "lohnt"!. Je undurchsichtiger eine strategische Lage vor Ort ist; je mehr "Gleichungen mit Unbekannten" dabei in Kauf zu nehmen sind, desto fragwürdiger wird es, Menschenleben sinnlos zu opfern um andere zu "retten".


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Re: Re: Bitte begründen...

Fortsetzung: Der Schlüssel zur Lösung des Flüchtlingsporoblem im Tschad liegt einzig allein im Sudan! Leider hat es die UNO im vorigen Jahr trotz emsigen Bemühens NICHT geschafft, die Regierung in Khartum zu bewegen (wenn nicht gar zu zwingen!), die blutrünstige Reitermiliz der Janjawid von der Entvölkerung ganzer Landstriche in den "Rückzuggebieten der Rebellen" abzuhalten. Die Chinesen, welche vitale wirtschaftliche Interessen im Sudan verfolgen, haben jede noch so weiche UN-Resolution zu dieser Causa erfolgreich blockiert!

Ein zusätzliches Problem in den diversen Flüchtlingslagern ist natürlich die triste Versorgungslage an sich. Kontinuierlich Lebensmittel für Hunderttausende heran zu schaffen wäre schon in Friedenszeiten eine wahre Sissyphus-Arbeit. Diese Aufgabe im Kugelhagel von staatlich gesteuerten Banden zu erledigen, ist aber fast unmöglich!

Die EU mag zwar voll gutem Willen sein; hier hat sie sich aber leider völlig überhoben!

dresak
06.02.2008 10:06
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Re: Re: Re: Bitte begründen...

Sie haben schon recht, das wird eine schwierige Aufgabe für die EU. Aber wenn die beiden betriffenen Staaten Sudan und Tschad es nicht in den Griff bekommen, und die UNO um Unterstützung bitten, dann gibt es hier einen humanitären Auftrag, der sicherlich schwierig ist, aber ohne Soldaten ganz bestimmt nicht zu erfüllen ist. Wenn niemand was tut wird es sicherlich nicht besser, wenn jemand was tut, so ist es jedenfalls eine grosse Herausforderung einen Konflikt zwischen arabisch-muslimischen Stämmen und aftikanisch-christlichen Stämmen in einem Gebiet wo es keine fixen Siedlungsgrenzen gibt, da die Wüste und die mangelnde Infrastruktur nur ein halbnomadisches Leben ermöglicht.

Man braucht schon viel Courage um so ein Problem anzugehen, die EU hat sie. Sie hat durch die langjährige französische Präsenz ( die nicht immer unumstritten war) auch die nötige Erfahrung um die Aufgabe zu bewältigen - eine langwierige Aufgabe sicherlich. Aber sonst gibts halt mehr pol. Flüchtl. a. d. Region..

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Re: Re: Re: Re: Bitte begründen...

Ich wußte gar nicht, daß der Tschad und der Sudan die UNO "um Hilfe gebeten haben". Ich würde eher meinen, daß "Hilfe" von außen den jeweiligen Regimes eher lästig ist! Daß es seit vielen Jahren in diversen afrikanischen Staaten zwischen den jeweiligen Regierungen und irgend welchen "Rebellen" zu bewaffneten Auseinandersetzung kommt, hat viel mit traditionellen Aversionen unter den Stämmen zu tun. Eine "demokratische Machtteilung" ist unter diesen Umständen leider schwer denkbar.

Und so lange nicht IN den einzelnen Ländern, konkret also hier Tschad und Sudan, für einen halbwegs friedlichen und harmonischen gesellschaftspolitischen Ausgleich gesorgt wird, werden die bewaffneten Auseinanderseztungen weiter gehen; werden weiterhin riesige Flüchtlingsströme in ein Nachbarland ziehen.

"Interessant" sind Staaten wie Tschad und Sudan übrigens für Europa erst geworfen, seit die Chinesen nach den Rohstoffvorkommen auf dem Schwarzen Kontinent gieren. Sonst ist dieser für die EU "verloren"!

dresak
06.02.2008 12:43
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Re: Re: Re: Re: Re: Bitte begründen...

Herr Magnana, wir beide werden die Probleme dieser Welt nicht lösen. Also ich wollte Ihnen nur ein paar Argumente die mir bekannt sind liefern. Sie könne sicherlich dagegen argumentieren. Nun ja die Angelegenheit läuft, und unsere Diskussion wird wenig dran ändern. Ein Meinungsaustausch ist immer interessant für einen interessierten Beobachter. Ich seh's halt nicht so "schwarz" wie Sie.

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