Der türkische Premier Reçep Tayyip Erdogan hat seine eigenen Vorstellungen, wie sich ein guter Türke im Ausland zu verhalten hat. Am wichtigsten dürfte ihm dabei sein, dass ein Türke immer ein Türke bleibt, ganz egal, ob dessen Familie ein, zwei oder gar drei Generationen in der Fremde lebt. Assimilation sei ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, rief Erdogan 16.000 Fans in der Köln-Arena zu. „Keiner darf das von euch verlangen.“
Der türkische Premier dürfte da etwas fundamental missverstanden haben. In den vergangenen Jahrzehnten sind in Deutschland und Österreich ganz sicher nicht deshalb Parallelgesellschaften entstanden, weil sich türkische Einwandererfamilien allzu stürmisch angepasst hätten. Problematisch ist vielmehr, dass sich viele von ihnen abschotten – und dabei auf keinen integrationspolitischen Widerstand ihrer Gastländer stoßen.
Niemand verlangt von Türken, dass sie ihre Identität bei der Einreise aufgeben. Sollen sie weiterhin Türkisch sprechen und ihre Kultur pflegen, wenn sie wollen. Warum aber soll es frevelhaft sein, wenn Türken sich mit der Zeit so sehr anpassen, dass ihre Wurzeln verblassen und sie Deutsche oder Österreicher werden, wie das vor ihnen Zehntausenden anderen Einwandererfamilien aus Böhmen, Kroatien oder Ungarn passiert ist?
Es ist ja erfreulich, dass Erdogan nun den Auslandstürken empfohlen hat, (besser) Deutsch zu lernen. Doch er hätte ihnen auch raten sollen, endlich in Deutschland anzukommen. (Bericht: S. 5)
christian.ultsch@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2008)

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